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Volume 4. December 1880, Nr. 10

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue7.1881 (Public Domain)

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baireuther und doch wünsche ich, diesen zu sehen; das sind meine 
wahren Gebieter. Wenn meine Wünsche nicht dieses Jahr erfüllt 
werden, so hoffentlich doch das nächste im März, wo die von den 
Zeitungen schon so lange verkündete Heirath vollzogen werden soll. 
Hier hält sich schon zum zweiten mal eine polnische Gräfin, 
eine leibliche Cousine der Königin von Frankreich, auf; alle Welt 
drängt sich, sic zu sehen, wie nach einem Rhinoceros. Ich war 
noch nicht bei ihr gewesen, doch hat sie mir der Zufall in den 
Weg gebracht: es ist die Fee Carabone. Seit neun Jahren glaubt 
sie sich in interessanten Umständen und hofft natürlich auch, ent 
bunden zu werden; neulich glaubte sie, die Wehen zu fühlen und 
erhob ein mörderliches Geschrei; wie sie sagt, hätte sie mehrere 
Zwillinge zur Welt gebracht; nach ihrer Ueberzeugung ist eine 
Frau nur nach dem Grade ihrer Fruchtbarkeit zu achten. Sie hat 
zwei kleine sehr hübsche Mädchen, bei sich, welche herzlose Eltern 
ihr übergeben haben. Ihre einzige Beschäftigung ist, sic zu schlagen, 
zu kratzen, zu zwicken, dann läßt sie sie tanzen von 3 Uhr nach 
mittags bis 6 oder 7 Uhr morgens und dazu spielt sie die Violine. 
Ihr Auszug ist so lächerlich wie ihre Person. Ein berliner Juden 
mädchen Hirsch ist ihre Hoffneisterin und stellt ihr die Damen vor; 
außerdem hat sie zwei Hofdamen, die an ihrer Aufführung erkennen 
lassen, daß sic eben nicht von Vestalinnen erzogen worden sind. 
Das Klügste, was sie gethan hat, ist, daß sie Herrn von Voltaire 
einen Pelz von Zobclmarder als Gegengeschenk verehrte. Voltaire 
hatte ihr vorher einen Ring mit dem Porträt des Königs Stanislaus 
geschenkt. 
Run, Madame, hätten Sie recht viel kleinliche Geschichten; ich 
bitte Eure königliche Hoheit, mir darum zu verzeihen und es dem 
tiefen Respecte zugute zu halten, mit welchem ich die Ehre habe 
zu sein, Madame, 
Eurer königlichen Hoheit 
unterthänigster und gehorsamster Diener- 
Potsdam, den 5. Ortober 1751. Pöllnitz." 
„Madame. 
Eure königliche Hoheit haben mir befohlen. Ihnen berliner. 
Neuigkeiten zu schreiben, welche weder den König noch den Staat 
betreffen. Ich schreibe Ihnen Folgendes. Der Arzt La Metrie ist 
gestorben; er war nach Berlin gegangen, um Mylord Tyrconnel 
von einem Blutbrechen zu curiren, und wirklich hat er den Minister 
wieder hergestellt, aber er selbst ist geblieben, und zwar infolge einer j 
Indigestion, welche er sich durch übermäßigen Genuß von einer j 
Trüffelpastete zugezogen hat. Neunmal ließ er sich zur Ader, den 
deutsche» Aerzten zum Trotz. Weil diese nach seiner Meinung I 
bei Indigestion sich gegen das Aderlässen erklärten, so wollte er j 
ihnen beweisen, daß sie Esel seien. Der französische Chirurg Dalichaud ! 
wollte ihm ein Brechmittel geben, er aber nahm es nicht; in gleichem 
Falle zwar hätte er selbst cs jedem andern gegeben. Da er sich 
sehr elend fühlte, ließ er denselben Ellert und denselben Licbcrkühn 
kommen, die er so oft als Ignoranten behandelt hatte: er sagte 
ihnen, daß er mit seinem Latein zu Ende sei, und bat sic unter 
Thränen, ihm doch das Leben zu retten, aber nichts konnte ihm 
helfen. Er ist in der Erkenntniß gestorben, das er doch nicht ganz 
gewiß wäre, ob der Mm sch wirklich eine Maschine sei, und die ! 
Gewissensbisse, die bei gesundem Leibe ihn wenig oder gar nicht j 
angefochten, haben in den letzten Momenten ihn fürchterlich gequält, s 
Er hat seine Bücher verdammt, nach seiner Aussage verdienten sie ! 
durch Henkers Hand verbrannt zu werden. Er erklärte, daß, wenn . 
er gesund wäre, er alles das, was er gegen die Religion geschric- t 
kn, widerrufen würde; dann hat er sein Leben ausgehaucht mit 
dem Namen Gottes, Maria's und aller Heiligen im Munde. Ge- s 
beichtet, wie man behaupten wollte, hat er nicht, auch nicht die 
heiligen Sakramente empfangen, und darum speien die Frommen - 
aller Bekenntnisse Feuer und Flammen gegen ihn; von der andern s 
Seite mißbilligen die Sektirer sein Benehmen sehr und finden, daß | 
daraus viel zu viel gemacht würde. So hat er weder die Gläu 
bigen noch die Ungläubigen befriedigt. Ich entscheide nicht zwischen 
Genf und Nom, nach meiner Meinung stand er weder mit Gott 
noch mit dem Teufel auf gutem Fuß, aber nichtsdestoweniger be 
klage ich ihn als einen liebenswürdigen Menschen und guten Ge 
sellschafter. Gewiß würde er zur Vernunft gekommen sein, hätte 
er sich entschlossen, sich einige Tage aus Nieswurz zu setzen. Als 
die Nachricht seines Todes hierher gelangte, erschraken der Marquis 
d'Argcns und Herr Darget so sehr, daß der erste Medicin nahm, 
weil er ebenfalls an einer Indigestion zu leiden glaubte, und der 
zweite sich zur Ader ließ. Ich gestehe, daß dergleichen starke Geister 
in mir eben nicht die Lust rege machen, es ihnen nachzuthun; ich 
will Helden im Fieber wie in der Schlacht sehen, und so lange ich 
keine solchen finde, so lange werde ich mich an meine beschränkte 
Gläubigkeit halten. Sterbe ich auch nicht als Heros, so werde ich 
doch wenigstens nicht als ein Verzweifelter von hinnen gehen. 
Unsere Schöngeister leben in einer scheinbaren herzlichen Ein- 
müthigkeit, nur Herr von Maupertuis, der keinen andern in der 
Gunst des Königs dulden kann, lebt seit drei Monaten in Berlin; 
die andern stehen miteinander auf einem Fuße, wie theurer Jsak, 
theurer Marquis, theurer Graf, aber trotz aller dieser Betheuerungen 
glaube ich, daß fie sich einander um sehr billigen Preis loswerden 
möchten. Ich habe nicht die Ehre, sie zu sehen; sie essen jeden 
Abend mit dem Könige: eine Gunst, welche mir seit fünf oder sechs 
Monaten nicht mehr zutheil geworden ist, sie haben „les petites- 
entrees“, und ich sehe Seine Majestät nur, wenn Sie Sich Ihrem 
Volke zeigen. 
Man sagt, daß der braunschweiger Hof am 4. des nächsten 
Monats eintreffen und am 6. nach Berlin gehen wird, wohin der 
König nächsten Sonnabend kommt, um Sonntag mit der Königin- 
Mutter an der Confidcnz-Tafel zu soupiren. Ich gedenke mich- 
diesen Winter in Potsdam festzusetzen; meine Gesundheit, mein 
Alter, meine Finanzen zwingen mir diesen Entschluß auf; ich 
hoffe, daß der König ihn wohl billigen wird, ich kann ihm ja nir 
gends von Nutzen sein. 
Mit dem tiefsten Respect bin ich, 
Madame, 
Eurer königlichen Hoheit 
unterthänigster und gehorsamster Diener 
Potsdam, den 16. November 1751. Pöllnitz." 
Im Herbst 1753 war die Markgräfin abermals zum Besuch 
in Berlin gewesen, und Mitte November nach Baireuth zurückge 
kehrt. Von welchem Bilde des Hofmalers und großen Porträt 
künstlers Pesne, der sich schon zu König Friedrich's I. Zeit in Berliir 
befand und 1757 daselbst starb, die Rede ist, konnten wir nicht 
ganz genau ermitteln. Höchst wahrscheinlich ist es das große Tableau 
„der Raub der Helena", welches sich gegenwärtig im großen Marmor 
saale des Neuen Palais in Sanssouci befindet. — Der Bischof 
von Breslau ist jener Graf Schaffgotsch, dem der König so sehr 
zugethan war und der später durch sein unkluges Benehmen bei der Be 
setzung Breslaus durch die Oesterreicher im siebenjährigen Kriege die 
Gunst Friedrich's verscherzte. Für ihn hatte der König im Potsdamer 
Stadtschlosse aus der Lustgartenseite eigene Zimmer einrichten lassen. 
Auch Graf Götter, der Gesandte Friedrich's II. in Wien, gehörte 
wegen seiner jovialen Laune zu den Günstlingen deS Königs. — 
Die erwähnte Hochzeit bezieht sich auf die Vermählung der Prin 
zessin von Schwedt mit dem Herzoge von Würtembcrg, dem Bruder 
Karl Eugen's und Urgroßvater des jetzigen Königs. Der im 
folgenden Briefe erwähnte Baron Slveerts leitete die königlichen 
Schauspiele. 
Dieser Brief lautet: 
„Madame. 
Da der Arzt Cothenius dem Könige die'Versicherung gebracht 
hat, daß Eure königliche Hoheit im besten Wohlbefinden von Leipzig
	        
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