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Periodical volume 4. December 1880, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 7.1881

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Endlich unterbrach Frau von Scharben die Stille mit 
der Frage: „Willst Du uns nicht erzählen, mein Sohn, wie 
es am kurfürstlichen Hofe und in der Welt aussieht und ob 
Dir Seine Durchlaucht nicht einen Auftrag für mich gegeben?" 
„Freilich, Frau Mutter," erwiderte der Junker, aus 
feinen Gedanken auffahrend, „der Kurfürst nannte sich Euren 
Schuldner, sagte, er habe das Kind von Fehrbellin keineswegs 
vergessen und werde Euch mit demselben an den Hof ent 
bieten, sobald fein böses Podagra nachgelassen. Er habe in 
allen Kriegsläuften sich nicht um das arme Kind kümmern 
können, Nüsse es aber bei Euch wohl aufgehoben und ersuchte 
auch mich, es in alle Wege zu schützen. Er werde Euch aber 
seiner Zeit danken, daß Ihr Euch seines Schützlings an 
genommen." 
Frau von Scharben neigte das Haupt. „Ich bin Seiner 
Durchlaucht gehorsamste Dienerin und habe das Kind vben- 
ein lieb." 
Sie hatte sich nach Jda umgewandt, die jetzt herankam 
und vor ihrer Beschützerin niederkauerte. 
„Sonst sieht's in der Welt bunt genug aus," berichtete 
Levin weiter, „sie sind voll Gift und Galle über unsern edlen 
Herren, die kaiserlichen Minister sagen es ja ehrlich, es gefalle 
dem Kaiser schlecht, daß ein neuer König an der Ostsee aus 
stehe und die schwedischen Ambasiadeurs mögen noch ganz 
anders reden, besonders seit unser Herr auch Stralsund be 
zwungen, der Waldstein ward daran zu Spott, als der Bran 
denburger es nahm. Groß Heldenthum betrügt nimmer." 
„Das war der Wahlspruch des Kurfürsten Albrecht Achilles," 
rief Jda mit leuchtenden Augen, „wenn er auch nicht im 
Erdmnthenbnch steht." 
„Unterbrich nicht", tadelte Frau von Scharben, „Levin 
hat noch mehr zu berichten, wie war's, als der Kurfürst in 
Berlin einzog?" 
„Ei, Frau Mutter," entgegnete der junge Mann, „an 
Gratulationen, Sieges-, Triumph- und Ehrenpforten hat's nicht 
gefehlt, ist doch noch kein Siegesheld in Berlin eingezogen, ; 
den dieser glorwürdigste Ueberwinder nicht übertroffen, aber 
das ist doch Alles mehr für den gemeinen Mann und die 
Frauensleute; uns Männern dünkt der Schlachtendonner noch 
lieblicher und der Kurfürst war obenein krank, er schonet ja 
seine Person niemalen; dann aber liegt dem edlen Herrn so 
Vieles schwer auf der Seele, daß er, wenn auch Gott dankbar 
für alle Victoricn, doch nicht in so lauten Jubel ausbrechen 
kann >vie seine Berliner." 
„Was grämt Seine Durchlaucht?" fragte Frau von Schar- ! 
den. „Dreißig Friedensjahre," entgegnete Levin ernst, „wenn j 
wir Frieden nennen dürfen, wo die Kanonen doch kein Jahr ! 
geschuücgcn, haben es nicht vermocht, die Spuren zu ver- ! 
tilgen, die der große Krieg in unserm Lande hinterlassen. ; 
Wüst liegen noch immer Städte und Dörfer, und es findet ; 
sich lein Volk, sie neu aufzubauen, hoch und mächtig steht ! 
Brandenburg nach außen, nun will's der Kurfürst mehr und j 
mehr nach innen kräftig machen; das aber ist nicht leicht- s 
Der große Held ließ mich rufen und hat lange mit mir | 
geredet über des Vaterlandes Nöthe, Frau Mutter, ich weiß ? 
c§, er wird auch hier den Feind überwinden, denn Friedrich j 
Wilhelm ist unbesieglich und ich, fein Diener, gehe mit ihm ! 
überall." 
„Da§ walle Gott, inein Sohn, zum Bestell dieses lieben ! 
Landes Braildenburg, das mir eine Heimath gelvorden," sprach 
Frau von Scharben bewegt. 
Eine halbe Stunde später saßen die beiden Frauen wieder 
allein; Levin war hinab in die Ställe gegangen, um nach 
seinen Pferdeil zu sehen, zum ersten Mal lief Jda nicht mit 
ihm, sondern ging in ihr Kämmerlein, um dort Ordnuilg zu 
machen, und Frau von Scharben meinte, das sei ein löblicher 
Entschluß, denn cs sähe grausam unordentlich darin aus. 
Der Junker war leichtsiililig genug, bei sich zu denken, es 
hätte auch noch ein paar Stunden länger unordentlich bleiben 
können; ihm fehlte sein Goldfisch, der die Eigenschaften jedes 
Pferdes im Stalle beinahe noch besser kannte als er- 
„Der Jlinker scheint sich ja großer Glinst beim Kurfürsten 
zu erfreuen," sprach Frau Antonia unterdessen. 
„Friedrich Wilhelm hat gute Augen und weiß, weil er 
brallchen kann," entgegnete dann Galiotte nicht ohne mütter- 
licheli Stolz. 
„Der Junker ist noch sehr jung," bemerkte Antonia 
lauernd. 
„Freilich," erwiderte Frau von Scharben mit einem leisen 
Seufzer, „neben viel großen und guten Gedailken hat er auch 
manche recht thörichte, Gott gebe, daß er ihrer Herr wird, 
sonst sehe ich viele Schwierigkeiten für ihn uild bittere. Stnn- 
den für mich." 
„So habt Jhr's auch bemerkt, edle Frali," fragte An- 
tonia jetzt. 
„Was meint Ihr?" sprach Frali von Scharben sich stolz 
allsrichtend mit abweisendem Blick. 
„Verzeiht," entgegnete die Lindholzin, „aber, edle Frau, 
Ihr seid innnerdar gütig zu mir gewesen, haltet mir's zu gut, 
wenn ich unbescheiden bin in einer Sache, die mich doch auch 
ailgeht, denn and; ich habe mein Kind lieb lvie Ihr das 
Eure, lvenn ich's auch nicht so zeigen kann." 
„Lindholzin, ich verstehe Euch nicht," entgegnete Frau 
von Scharben immer erstaunter, „Ihr habt wohl Recht, ich 
sollte meine Sorgen nicht vor Euch verstecken, denn Ihr habt 
sie manches Jahr mit mir getheilt, aber ich weiß doch nicht, 
was Lottchen mit meiner Sorge um Levin zu thiui hat." 
„Ich meine, der Junker liebt mein Kind," erwiderte 
Frall Antonia, „und darum sorgt Ihr Euch gleich mir!" 
„Lindholzin," rief Frau von Scharben beiilah entsetzt, 
„mein Sohn wird doch ilicht eine verheirathete Frau lieben, 
nein, Lindholzin, er hängt an der Jugendgcspielin, die ihn 
und er sie mit dem traulichen Du aus den Kindertagen be 
grüßt, in rechter Brudertreue, seine ritterliche Seele leidet mit 
ihr, aber von Liebe zu ihr ist kein Gedanke in seinem Herzen. 
Nein, an das spielende Kind, an seinen Goldfisch wird er 
fein Herz verlieren, an das namenlose, fremde Mädchen, das 
ihn auch lieben wird, das ihn schoil liebt, und ich iverde 
ilicht stark genug sein, sic zu trennen, denn auch ich ließ einst 
Alles um Liebe!" 
Die edle Frau stützte das greise Haupt in die noch immer 
schöne Hand; Antonia wagte nicht, sie zu unterbrechen, aber 
sie glaubte ihr auch ilicht. Jda lvar ein Kind, ihrem Lottchen 
schlug das Herz des Junkers, wenn sie nur gelvußt hätte, ob 
auch Lottchen ihn im Herzen trug. Sie lvar in der letzten 
Zeit sehr zweifelhaft daran geworden; sie zitterte vor einer 
Liebe zwischen diesen Beiden und sah sie doch immer in Ge 
danken, wie der Gespenster-Gläubige sie überall sieht. „Bin
        
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