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Volume 1. April 1878, Nr. 7

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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umkleidet, heißt es: dem Jäger, dem Hackelberg, Hackelberend*), wie 
er in der Mark genannt wird, dem Förster Bärens träumte, er 
würde durch einen wilden Kempen seinen Tod finden. Deßhalb 
bleibt er zu Haus; wie aber der Eber erlegt, tritt er an ihn 
heran, hebt den Kopf in die Höh' mit den Worten: „Nun wirst 
du mir auch nichts mehr thun." Da fährt ihm der Hauer ins 
Bein, und der kalte Brand kommt dazu, daß er daran stirbt. 
Für sein Theil am Himmelreich wünscht' er ewig zu jagen, und 
so jagt er noch „als wilder Jäger" durch die Lande. 
Neben dieser Sage von der Gewittcrjagd des Ebers stellen 
sich nun in der Mark, sowie überhaupt im nördlichen Deutschland, 
Sagenkreise anderer einfacher Art von dem „Fang" eines „ein 
äugigen" Dachses oder „einäugigen Fisches." Bei dem 
Ersteren geben die Wolkenberge die Scenerie ab, in welchen sich 
das „einäugige" Sonnenthier, das hier als Dachs gedacht wurde, 
verkriechen sollte; bei dem Letzteren bieten die himmlischen 
Wasser die Scenerie, zwischen welchen der Blitz wie ein leuch 
tender Fisch dann hindurchschießt. Es sind dies Vorstellungen, 
die uns hier in den Sagen gleichsam als Niederschläge eines 
alten Glaubens entgegentreten, wie er noch ähnlich bei andern 
Völkern in der mannigfachsten Weise ausgebildet auftritt. 
Bei den Finnen z. B. entwickelt sich die Sache dahin, daß 
jener „himmlische Fisch" das „himmlische Feuer" verschluckt 
habe, nachdem im Gewitter die Himmelslichter gelöscht schienen, 
und deßhalb von den Geistern dort oben gejagt werde, um ihm 
den Feuerfunken wieder zu entreißen. Wenn nun diese Thiere, 
Dachs oder Fisch, in den Sagen ausdrücklich als „einäugig" 
bezeichnet werden, so tritt darin deutlich die Beziehung auf die 
Sonne, als ihr Auge hervor, die ja auch bei den Griechen die 
Gewitterriesen, die Kyklopen, als „einäugig" gelten ließ?*) 
Nun wurde ich, um zu unsrer Sage von der Ebcrjagd zu 
rückzukehren, zufällig kürzlich durch den Trewendschen Kalender auf 
eine Spielart dieser aufmerksam gemacht, welche aus dem sechszehnten 
Jahrhundert uns entgegentritt und in welcher merkwürdiger Weise 
auch der Eber als einäugig gedacht wird. Es ist die Form 
der Sage, wie sie in Thüringen auftritt und die, wie mir der Herr 
Verf. der erwähnten Notiz auf eine Anfrage gefällig mitgetheilt 
hat, entnommen ist einem Buche, das da lautet: „Aus vier 
Jahrhunderten. Mittheilungen aus dem Hauptstaatsarchiv zu 
Dresden von Dr. Karl von Weber, Ministerialrath, Director des 
Hauptstaatsarchiv, (Leipzig, B. Tauchnitz 1858) Bd. II S. 466 
Geschichten aus der großen thüringischen Chronik, die 
zu Hofe im Gewölbe ist und aus Berichten." Jenes Moment, 
daß auch der betreffende Eber als einäugig gekennzeichnet wird, 
ist höchst interessant, indem es sowohl die Parallele dieser Eber- 
sagen mit den übrigen verstärkt, als auch noch deutlich den im 
Gewitter gejagten Eber als den Sonnen-Eber charakterisirt, 
welcher in der nordischen Mythologie dann eine so große Rolle 
spielt, dessen feurige Borsten die Dunkelheit der Gewitternacht 
erleuchten sollten u. s. w.***). 
*) Unter dieser Form deutet der Name noch ersichtlich ans Wodan, 
wie I. Grimm nachgewiesen, und bezeichnet den Gott als den in den „Wolken 
mantel" gehüllten. Der Verstümmlung des Namens in Bärens stellte sich 
znr Seite „Bernkes Jagd" in Westphalen. S. Kuhn, Westph. Sagen I. 
S. 12 f. 
**) Die weiteren Ausführungen zu dem oben nur kurz Angedeuteten 
finden sich theils in dem oben erwähnten Programm, theils in meinem 
„Ursprung der Mythologie" und den „Poetischen Naturanschauungen." 
***) Kuhn, der in seinen Westph. Sagen II. S. 324 auch schon die oben 
zusammengestellte Klassification der betreffenden Sagen macht, mußte noch 
Bei der Joachimsthaler Form der Sage ist es übrigens 
höchst eigenthümlich, daß sie sich an ein altes Hünengrab angeschlossen 
und vollständig mit allen Accidentien in demselben sich localisirt 
hat. Die Steine nämlich, welche das Hünengrab einhegen, gelten 
der Sage nach als Wahrzeichen, daß, wo ein solcher steht, der 
zum Tode verwundete Förster, wie er vom rasenden Schmerze 
gepeinigt im Kreise herumgelaufen, jedes Mal zusammengebrochen 
sei; ein anderer einzeln, abseits stehender Stein wird als die 
Stelle bezeichnet, von welcher der Kurfürst Joachim, denn der 
wird ja hier wie schon oben erwähnt, in die Sage hineingezogen, 
den Eber geschossen u. s. w. In der Zeitschrift für preußische 
Geschichte vom Jahre 1867 habe ich des Ausführlicheren berichtet, 
wie eine auf meine Veranlassung daselbst vorgenommene Aus 
grabung bestätigt hat, daß das Steindenkmal ein Hünengrab sei 
und was man daselbst gefunden. Zwei daselbst bei jener Ge 
legenheit noch leidlich ganz herausgebrachte Urnen habe ich jetzt 
dem märkischen Museum in Berlin bei dem speziellen Jntereffe 
überwiesen, welches die Stätte sowohl durch den sagenhaften Hin 
tergrund hat, als auch weil sie ein schlagendes Beispiel bietet, wie 
eine (alte, mythische) Sage sich einer Localität, mit der sie ur 
sprünglich gar nichts zu thun hat, einnisten und dadurch 
allerhand locale Accidentien erhalten kann. 
Posen. W. Schwartz. 
Mittheilungen aus dem Verein für die Geschichte 
Berlins. 
Am Sonnabend, den 16. März, las Herr Schriftsteller A. E. 
Brachvogel den Versammelten im Deutschen Dom ein Stück aus 
der Vorrede seines jetzt in 5. Auflage erschienenen Trauerspiels 
„Narziß" vor, welches besonders die Entstehung desselben und die 
Schwierigkeiten vor der ersten Aufführung betraf. Er betonte, daß 
er es besonders den Bemühungen des zeitigen Vorsitzenden des Ver 
eins, Herrn Geh. Hofrath L. Schneider verdanke, daß die erste Auf 
führung ermöglicht wurde. 
In der Folge brachte Herr euuä. für. Beringtster eine an ihn 
gerichtete Anfrage zur Sprache. Die Frage, die noch keine Erledigung 
fand, lautet: Wer weiß nähere Daten über den Professor der Edel 
steinschneidekunst an der Akademie der Künste zu Berlin Giofaui 
Amatini? Er soll 1824 oder 1825 hier gestorben fein, Goethe in 
Onyx geschnitten und dadurch vor Allem sich Ruhm erworben haben. 
Zn der 237. Versammlung, 6. (3. Arbeits-) Sitzung des XIV. 
Vereinsjahres, Sonnabend den 23. März, führte Herr Kaufmann 
Alfieri seine Mittheilungen aus dem Thurmknopfe der 'Nicolai 
kirche zu Ende. Diese Arbeit wird nun, wie wir schon früher 
bemerkten, in den Schriften des Vereins gedruckt und so der Nachwelt 
aufbewahrt bleiben. 
Für die nächste (öffentliche) Sitzung, Sonnabend den 13. April, 
steht auf der Tagesordnung: 
1. Herr Magistrats-Sekretair Ferd. Meyer: das älteste Privat 
gebäude in Berlin. 
2. Herr euuck. zur. R. Beringuier: der Pritzstabel für Berlin. 
Am Mittwoch den 22. Mai wird die erste diesjährige Wander 
versammlung und zwar nach Spandau stattfinden. Unter Anderm 
sollen die Artilleriewerkstätten besucht und, bei günstigem Wetter, eine 
Fahrt nach der Insel Scharfenberg im Tegelerfee unternommen werden. 
hinzusetzen: „doch fehlt zur vollen Identität (mit dem einäugigen Dachs 
oder Fisch) dem Kempen noch die Einäugigkeit." Diese ist also jetzt 
durch die oben beigebrachte thüringische Sage belegt.
	        
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