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Volume 15. März 1878, Nr. 6

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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Ausgrabungen bei Selchow, Kreis Teltow. 
II. 
Nachtrags-Bericht. 
Ich will zur Charakteristik der sehr merkwürdigen Stelle 
noch hinzufügen, daß der letztbezeichnete Pfuhl sehr fischreich ge 
wesen ist, wie dies bei den auf dem Hochplateau Teltow vor 
handenen Lehmpfühlen theilweise noch jetzt der Fall. Selbst die 
Sumpf-Schildkröte kam hier vor oder kommt noch vor. Wenig 
stens schreibt Schulz 1845 in seiner Fauna Marchica S. 443: 
„selbst bei Lankewitz und Tempelhof, nahe bei Berlin, haben wir 
sie gefunden". Dies läßt auf frühern großen Wasierreichthum 
schließen; ingleichen haben sich die Vegetationsverhältnisse in Tel 
tow, nahe Berlin, sehr verändert, wie der Fall des versunkenen 
Eichwaldes, ebenso der Umstand beweist, daß sich dort Laub 
schnecken, die also ihrer Natur nach auf Laubwald angewiesen sind, 
massenhaft subfossil an Stellen vorfinden, die seit unvordenklicher 
Zeit kahl daliegen und daher den Thieren keine Nahrung und 
Unterkunft mehr gewähren können. 
Das ist auch wohl der Zweck der Branderde in alter Zeit ge 
wesen, um zu verhüten, daß bei neuen Urnenbecrdigungen schon 
vorhandene Urnen verletzt wurden. Denn mochten diese Urnen 
beisetzungen, wie dies fast natürlich ist, eine gewisse Reihenfolge 
einhalten und vielleicht durch kleine Hügel äußerlich gekennzeichnet 
sein, so wurden die Spuren hiervon doch leicht im Laufe der 
Jahre durch Regen und Wind unkenntlich, gerade wie auf un 
sern Kirchhöfen, weil innere Steinkammern und äußere Stein 
setzungen, welche andere Urnenfriedhöfe kennzeichnen, hier fehlen, 
und der gewachsene Boden, ein Hügel, ein Abhang oder eine 
sanfte Halde für den Friedhof verwendet waren. Die von Herrn 
Neuhauß geschilderten Scherbenanhäufungen in Gruben oder Erd- 
trichtern finden sich bei diesen primitiven Begräbnißstellen hier 
und da, sie deuten die Anlage von Wohnplätzen, jedenfalls von 
Feuerungsanlagcn an, wo gekocht (vielleicht der Leichenschmaus 
bereitet) wurde. In den Jahren 1876 und 1877 habe ich einen 
genau dem Selchower entsprechenden Urnensriedhof bei 
Helmshagen, eine Meile südlich Greifswald in Ncu- 
vorpommern, untersucht. Auch hier meist sehr roh geformte, 
schlechtgebrannte, offene, selten mit einer rohen Steinplatte be- 
Was den Urnenfriedhof selbst anlangt, so gehört er einer 
relativ jungen Zeit an, wie das häufige Vorkommen von Eisen 
beweist, und einem Typus, der sich scharf diagnosticiren und 
für den Kenner von dem anderer Friedhöfe ganz präcise unter 
scheiden läßt. Ich betone das, weil man auch in gebildeten 
Kreisen immer wieder der durchaus unzutreffenden Meinung be 
gegnet, als sei eine Urne wie die andere, ein Urnenfriedhof wie 
der andere. Bei den hier in Rede stehenden Friedhöfen scheint 
zuerst die Verbrennung an einem generell dazu bestimmten Platz 
stattgefunden zu haben. Alsdann wurden die ausgeglühten, ge 
hörig zerkleinerten Gebeine gesammelt und mit einem Theil der 
Holzasche des Scheiterhaufens nach der Beisetzungsstelle gebracht. 
In die Urne wurden die Knochenreste gelegt, so zwar, daß die 
Schädelreste zu oberst lagen; alsdann wurde der Rest der Urne 
mit den erwähnten Brandresten gefüllt; auch scheint inzwischen 
schon Erde um die Urne geschüttet worden zu sein, denn man 
findet in dieser Umhüllungserde meist keine Brandreste, wohl aber 
in der Erdschicht unmittelbar in Höhe der Urne und über der 
selben. Diese schwarzen Aschen und Kohlenreste nehmen eine größere 
Grundfläche als der größte Durchmesser der Urne ein, und signa- 
lisiren beim Hineingraben alsbald das Vorkommen einer Urne. 
deckte Urnen, durch Kohlenbrandflecke äußerlich gekennzeichnet, 
30 bis 100 Cent, unter dem Boden, der einem sanften Abhange 
angehört. Eine Anordnung nach Reihen oder konzentrischen Krei 
sen hie und da merklich, aber nicht harmonisch auf dem ganzen 
mehre Morgen umfassenden Todtenacker durchgeführt. Herr Bu- 
dach, ein in Greifswald als Alterthumsfreund wohlbekannter 
Sammler, will die einzelnen Begräbnißstellen noch hie und da 
durch Hügelchen angedeutet gefunden haben. Herr Theodor Dre 
witz, jetziger Pächter des Guts Helmshagen, der allerdings jünger 
ist und die Stelle wohl nicht so lange, als Herr Budach kennt, 
weiß hiervon nichts. Eisen- und Broncesachen von hier nebst 
einigen Urnen habe ich im Greifswalder Museum gesehen, auch 
sind hier gerade, wie in Selchow, vereinzelt geschliffene Stein- 
werkzeuge (Hämmer und Hacken aus Diorit oder anderen har 
ten Geschieben) vorgefunden worden. Eine Urne mit Leichen 
brand ohne Beigaben, ungefähr 40 Cent, unter der Erdoberfläche, 
habe ich in Helmshagen selbst durch die Güte des Herrn Dre 
witz am 29. August 1877 ausgraben und dem Märkischen Mu 
seum schenken können, woselbst sie unter II. 7000 eingetragen 
ist. Dieselbe war von den Wurzeln der gemeinen Kiefer durch 
wachsen, welcher Baum hier wie in Selchow den Urnenfriedhof
	        
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