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Volume 15. Februar 1878, Nr. 4

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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Z>ie große Glocke in Warthe. 
Volksscige aus der Uckermark. 
In der Nähe des Fleckens Boitzenburg liegt das Dörfchen 
Warthe; dasselbe ist an sich unbedeutend, genießt aber einen 
Vorzug, um welchen es von allen Dörfern der Uckermark be 
neidet wird. Auf dem Kirchthurm des Dorfes befindet sich 
nämlich eine auffallend große Glocke von so wundersam schönem 
Klang, wie sie kein zweites Dorf aufzuweisen hat, und jeder 
Fremde, der die Glocke nur einmal gesehen und gehört hat, 
fragt unwillkürlich: „Wie ist das Dörfchen zu der herrlichen 
Glocke gekommen?" 
An den Erwerb der schönen Glocke knüpft sich folgende 
Sage: 
In uralten Zeiten hielten sich in dem waldumkränzten See, 
der nahe bei dem Dorfe Warthe liegt, Feen auf, durch welche 
den Bewohnern der Gegend viel Gutes erwiesen wurde. 
Im Grunde des Sees stand eine Kirche, in der sie ihre 
religiösen Versammlungen hielten, und das herrliche Glocken 
geläut, welches sie hierzu einlud, scholl oft aus der Tiefe herauf 
und wurde von den Menschen, die zufällig am See beschäftigt 
waren, gehört; ja die Fischer, welche in stillen Sommernächten 
auf demselben sind, wollen noch heute zeitwcis die aus großer 
Tiefe dringenden Töne vernehmen. 
Einst nun, vor vielen, vielen Jahren war eine Bäuerin 
aus Warthe ain See mit der Wäsche von Kinderzeug beschäftigt, 
in ihrer Nähe ragte an drei Stellen etwas aus dem Wasser 
hervor, das sie für die knorrigen Wurzeln abgestorbener Erlen- 
stämme hielt; diese Stämme kamen ihr gerade bei der Wäsche 
zu statten; auf einen derselben legte sie die gespühlte Wäsche, 
über die beiden anderen legte sie ein Brett, auf welchem sic mit 
einem Waschholzc das Zeug ausklopfen wollte. Kaum hatte sie 
indessen einige kräftige Schläge auf ein Stück Wäsche gethan, 
als die vermeintlichen beiden Erlenstämme, • auf denen ihr Brett 
lag, sich zu senken begannen und gleichzeitig ein Gesumme von 
Glocken ertönte. Jetzt erst gewahrte die Frau, daß das Brett 
auf den Hauben zweier mächtiger Glocken gelegen hatte, welche 
allmählig immer tiefer und tiefer in den See sanken. Auch 
der muthmaßlichc dritte Erlenstamm, auf welchem die gespühlte 
Wäsche ruhte, war die Haube einer Glocke, die jedoch kleiner 
sein mußte als die versunkenen; sie war durch die Wäsche an 
ihren Platz gebannt und konnte ihren Schwestern nicht nachfolgen 
in die Tiefe. 
Eiligst lief die Frau in das Dorf, um Jung und Alt das 
Geschehene zu berichten und vergaß in der Hast sogar, ihre 
Wäsche mit fortzunehmen; das war in diesem Falle freilich ein 
Glück, denn als die Dorfbewohner zum See hinaus kamen, 
sahen sie eine große Glocke im Waster stehen und sie hatten nun 
nichts Eiligeres zu thun, als mit Hülfe von zwölf Pferden die 
selbe an das Land zu bringen und späterhin auf den Kirchthurm 
zu schaffen, von wo sie nun schon seit Jahrhunderten die Gläu 
bigen zur Andacht ruft. Fischer, welche während des Läutens 
dieser Glocke auf dem See beschäftigt waren, wollen behaupten, 
daß gleichzeitig auch tief unten im Waffer der Ton zweier 
Glocken vernehmbar sei, und daß das so traurig klänge, als 
klagten sie über den Verlust ihrer Schwester. 
Aas Airrlieimest. 
Sage aus der Zauche. 
Zwischen den Städten Brandenburg, Belzig und Brück dehnt 
sich ein großer Kiefernwald aus, nach einem früheren Besitzer 
desselben Brandt's Haide genannt. Ein ansehnliches Stück dieses 
Waldes, nach Brandenburg zu belegen, führt von Alters her 
den Namen „das Finkennest", doch weiß man über den Ursprung 
dieses Namens nichts Bestimmtes anzugeben. 
Ehemals soll das Finkennest nicht der Familie von Brandt 
gehört haben, sondern noch zur Zeit Friedrich II. königliches 
Besitzthum gewesen sein, und über die Art und Weise, wie 
es in den Besitz eines Herrn von Brandt übergegangen ist, er 
zählt man sich Folgendes: 
Herr von Brandt hatte schon lange den Wunsch gehegt, durch 
den Erwerb des Finkennestes sein Besitzthum zu vergrößern und 
besser abzugrenzen, und endlich faßte er sich ein Herz, schrieb an 
den König und bat denselben, ihm das Finkennest zu verkaufen. 
Friedrich II. lachte, als er die Bezeichnung „Finkennest" las, 
und sagte zu seinem Hofnarren: „Es ist zum Lachen, daß der 
Brandt von mir ein Finkennest kaufen will, ich will es ihm 
lieber schenken". 
Als der Herr von Brandt von dieser Gnade des Königs 
Kunde erhielt, setzte er sich sofort hin und verfaßte ein Dank 
schreiben an denselben. Dadurch mochte wohl dem König klar 
werden, daß er vielleicht doch mehr als ein gewöhnliches Finken 
nest verschenkt habe, und er äußerte zu seinem Hofnarren: „Wir 
wollen doch einmal hinfahren und das Finkennest besehen, welches 
wir dem Herrn von Brandt geschenkt haben". 
Als aber der König durch den ihn führenden Oberförster 
erfuhr, wie groß das verschenkte Waldrevier sei, wurde er un 
willig über seine voreilige Freigebigkeit und sagte: „Das war 
einmal, daß ich ein Finkennest verschenkte, aber es geschieht nie 
wieder; für diesmal mag es geschenkt bleiben, denn ein König 
darf sein Wort nicht brechen". 
Ein königlich preußischer Silberkauf in Augsburg. 
In einem 1829 in Augsburg und Leipzig bei August 
Bäumer in 8° erschienenen Buch, betitelt: „Augusta, Taschenbuch 
für Freunde der Geschichte", finden wir pag. 48 ff. ein Ver 
zeichnis; einer Silberwaarcnlieferung, die Friedrich Wilhelm I. für 
den preußischen Hof bei der Michael Raunerschen Silberhandlung 
bestellt hat. Dasselbe lautet: 
Verzeichniß derjenigen Silber-Arbeit, so in Zeit 
zwei Jahren allhier in Augsburg für Jhro königl. 
Majestät in Preußen ist verfertigt worden. 
Erstlich an Wandleuchtern über 60 Stük und folgt das 
Gewicht von selben, auch aller benannten folgende Arbeit: 
Mark. 
Lch. 
nt. Pf. 
Flav. Vespasianus hat an Silber 
in Gewicht 567 
14 
2 — 
Vitus Vespasianus 
. . . . 568 
9 
1 — 
Antonius 
. . . . 530 
4 
— — 
Septimus Severus 
. . . . 574 
10 
1 — 
Alexander Flavius 
.... 692 
— 
1 — 
Aurelanius Valerianus .... 
. . . . 565 
9 
3 — 
Valentinianus 
. . . . 660 
11 
2 — 
Gratianus 
. . . . 650 
2 
3 — 
Martianus 
. . . . 583 
4 
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