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Periodical volume 1. Februar 1878, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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strengstens beobachten, was viel dazu beigetragen hat, daß man 
einen solchen ehrbaren Maurer als ein nützliches Mitglied jeder 
menschlichen Gesellschaft bezeichnen konnte. 
Jeder zünftige Maurer mußte, wenn er eine Stadt ver 
lassen und weiter reisen wollte, nachweisen, daß er keine Schulden 
hinterlassen hatte. — Trat er aus der Arbeit, so mußte er von 
der Herberge, sowie von seinen Wirthsleuten, wo er in Logis 
war, eine Bescheinigung dem Wortführer und Fremdenschreibcr 
beibringen, daß er Alles richtig bezahlt, worauf er den sogenannten 
Fremdenschein erhielt, den alsdann die Polizei zur Herausgabe 
des Reisepasses respectirtc. — Wurde ein fremder Maurer 
krank, so bekam er aus der Lade genügendes Krankengeld; währte 
die Krankheit länger als sechs Wochen, so wurde alle Sonn 
abend eine Sammlung für den kranken Kameraden veranstaltet, 
wozu wohl oder übel jeder Maurer seinen Doppelschilling 
(20 Pf.) beitragen mußte. — Konnte ein Maurer wegen fehlender 
Gliedmaßen, die er bei einem Unfälle verloren hatte, nicht Mehr 
arbeiten, so wurde er durch allgemeine Beisteuer der Kameraden 
unterhalten und „Steuerbruder" genannt. — 
Starb ein Maurer, so wurde er auf Kosten des Gewerks 
in allen Ehren beerdigt, und auf einer Bahre von den Kame 
raden zu Grabe getragen, welche Citronen in der Hand hielten; 
sämmtliche Maurer folgten dem Sarge in schwarzen Mänteln 
und dreieckigen Hüten, die mit schwarzwcißen Bändern aufgeputzten 
Handwerks-Insignien vorantragend. 
Die Eltern oder Angehörigen des Verstorbenen wurden 
vom Sterbefall benachrichtigt, und wenn solche wohl gar zum Be- 
gräbniß erschienen waren, mit aller Höflichkeit und Zuvorkommen 
heit empfangen und bewirthet. 
Verheirathete sich ein fremder Maurer, so hatte er vorher 
-nachzuweisen, daß er mehr denn drei Wanderjahre hinter sich 
hatte; wurde nun „fremder, verheiratheter Maurer" genannt, 
der den jungen unverheiratheten stets ein achtbares. Vorbild 
war, bei dem gewöhnlich dieselben auch gern in Logis gingen, 
und dadurch vor vielen Ausschweifungen und Lastern bewahrt 
worden sind. — 
Dies sind so in kurzen Umrissen die Grundzüge und 
Gebräuche der ehemaligen Maurerzunft gewesen, soweit sie 
Schreiber dieses in seinen jungen Jahren persönlich noch mitge 
macht hat. — Wenn in früheren Zeiten durch die Zunftverbin 
dungen auf strenge Sitten und Ordnung gehalten wurde, so lag 
es im Interesse jedes Einzelnen schon deshalb, daß jeder zünftige 
Maurergeselle, wo er in Arbeit gestanden, sich von seinem 
Meister ein respectables Zeugniß oder die „Kundschaft" er 
werben mußte, da jedesmal der Meister das Recht haste, seine 
Bemerkungen über das Verhalten des betreffenden Gesellen in 
den Reisepaß einzutragen, und die „Kundschaft" aus Gründen zu 
verweigern, wonach die Ortsbehörde und Polizei den Vogel an 
den Federn erkennen konnten. — 
Schon die lange Arbeitslosigkeit im Winter bei einen Maurer 
flößte demselben eine natürliche Bescheidenheit seinen Mit 
menschen gegenüber ein, die ihn gewissermaßen allenthalten 
einführte, wodurch er sich manche Mahlzeit umsonst erwarb, was 
man kurzweg „fechten" nannte. — Obwohl strenge Landesgesetze 
stets für Handwerksburschen jeder Gattung bestanden, so war 
doch ein Paragraph in denselben enthalten, daß diese Strenge 
für Maurer und Zimmerleute keine Anwendung finden sollte, 
mithin die schöne milde Seite des Gesetzes derselben zur Seite 
stand. — 
Rückblicke in die Vergangenheit bekunden, daß diese Bevor 
zugung dankend dadurch anerkannt wurde, daß höchst selten ein 
mal ein Maurer oder Zimmermann durch ungebührliches Betragen 
mit den Behörden oder Meistern in Conflikt gerathen wäre, 
was gerade heut zu Tage eine ganz entgegensetzte Wendung ge 
nommen hat, wie dies nicht allein Polizei-, sondern auch Cri- 
minalacten aufzuweisen haben. 
Es war in früheren Zeiten durchaus nicht so leicht, ein 
Maurermeister zu werden, da bedeutende Geldmittel dazu ge 
hörten, die der Meisterstand überhaupt erforderte. — Der Can- 
didat hatte nachzuweisen, daß' er in dem bisherigen Gesellen 
stande stets seine Pflicht erfüllt, mithin tadellos dagestanden. 
Dann mußte er wissenschaftlich gebildet in seinem Fache sein, 
und namentlich Bauschulen und Akademien besucht haben, was 
ihn eigentlich erst berechtigte, sich zum Meisterexamen melden zu 
können. — War dies gestattet, dann wurden demselben von der 
zuständigen Prüfungskommission, welche aus Maurer- und 
Zimmermeistcrn, Polizei- und Magistratsbchörden, sowie aus hö 
heren Banbeamten bestand, folgende Aufgaben gestellt: 
Aufnahmen von bereits fertigen Bauten mit Situations 
plänen, Grundriffen, Quer- und Längenschnitten, Ansichten, 
sowie eine ausführliche Erläuterung dazu. Ferner, nach ge 
gebenen Bleistiftscizzen, Anfertigung von Bauzeichnungen in 
allen Details, als: Durchschnitte, Feuerungsanlagen, Ansicht und 
Situationsplan, sauber und correkt gezeichnet und beschrieben, 
sowie ein ausführlicher Kostenanschlag. — Alle diese Arbeiten 
wurden bei verschlossenen Thüren in irgend einem Amtsgebäude 
unter Aufsicht von zwei Meistern gemacht, die sich hin und wieder 
untereinander ablösten, und „Schaumeister" genannt wurden. 
— Eine solche Aufgabe zu lösen erforderte mindestens ein Jahr. 
— War diese nun zur Abgabe reif, so konnte der Candidat, 
der nun „Stückmeister" hieß, Meldung machen, und um gefällige 
Abnahme bitten, wobei die Prüfungskommission zugegen sein 
mußte. — Wenn nunmehr Alles zufriedenstellend befunden, dann 
wurde zu einem mündlichen Examen übergegangen, welches in 
Fragen über die allgemein anerkannten Regeln der Baukunst 
und über Construktionslehre und Mechanik bestand. War 
auch hierin alles glücklich ausgefallen, dann konnte der be 
treffende Stückmeister erst zur Ausführung des eigentlichen Meister- 
baues übergehen, den er sich jedoch wählen konnte, nachdem er 
vorher der Prüfungskommission Anzeige gemacht hatte, ob solcher 
auch zulässig sei, und den er nach gegebenen Zeichnungen und 
persönlicher, selbstständiger Leitung gleichfalls unter Aufsicht von 
Schaumeistern auszuführen hatte, wenn er es nicht vorzog, sich 
gleich aus eigenen Mitteln einen Meisterbau herzustellen, was 
namentlich die reichen Meistersöhne in der Regel gethan haben. 
Ein Meisterbau letzterer Art ist das Palais unseres jetzigen 
Kaisers. Wie viel Zeit dieser Bau erfordert hat, werden Dieje 
nigen bekunden, die ihn haben mit erstehen sehen. 
In einem solchen Meisterbau mußte nun der Stückmeister 
eigenhändig einen Fensterpfeiler nebst Fensterbogen, ein Kreuz 
gewölbe, eine böhmische Kappe oder ein Kugelgewölbe aus freier 
Hand mit nöthiger Bogcnstellung ausführen, ähnlich der, wie 
solche sich in den Durchgängen des Berliner Rathhauses be 
finden. — 
Nachdem nun auch diese Abnahme sich zur Zufriedenheit 
herausgestellt hatte, wurde der betreffende Maurer-Stückmeister, 
nach mehrtägiger angestrengter Thätigkeit an Ort und Stelle, 
von der Prüfungskommission und in Gegenwart sämmtlicher auf dem
        
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