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Periodical volume 1. Februar 1878, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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dem kürzlich in diesem Blatte beschriebenen Breviarium des Bischofs 
Joachim von Bredow öfters unter dem Namen der statua erwähnt 
wird. Dieselbe ist nun meiner Ansicht nach noch erhalten in dem 
Crucifix, welches im Chore hinter dem Altarschrein an der Wand 
steht. Diese Christusfigur, in Holz geschnitzt, dann mit Leinwand 
überzogen und auf Gipsgrund bemalt, ist zwar arg mißhandelt, 
dennoch als die Ruine einer ganz vorzüglichen Arbeit zu bezeichnen. 
Die Anatomie ist vortrefflich, der Ausdruck des feinen, 
im Typus dem Wechselburger am meisten ähnlichen Ge 
sichts vom höchsten Adel, der Faltenwurf des weißen, mit 
einem einfachen, aber edlen, bunten Muster bemalten 
Schurzes frei und linienschön. Der ruinirte Zustand 
des Kunstwerks ist aufs Höchste zu beklagen. Zu 
diesem Krucifixus haben höchst wahrscheinlich, wie auch 
Kugler 1. 6. annimmt, die beiden Figuren des Jo 
hannes und der Maria gehört, die jetzt vorn zu beiden 
Seiten des Altars stehen. Kugler sagt von ihnen, sie 
seien „im Stile des 14. Jahrhunderts, in ihrer Art auch 
nicht ohne gutes Gefühl" gearbeitet. Die Zeitbestim 
mung kommt mit meiner Annahme überein, das Urtheil 
ist aber zu geringschätzig. Es sind ganz treffliche Figuren, 
besonders durch schönen Faltenwurf ausgezeichnet. Die 
Bemalung ist aber bei der Restauration des Doms in 
Oelfarben renovirt und hat dadurch einen ziemlich 
schreienden Charakter erhalten, auch den ohnedies stark 
bewegten trauernden Affekt der Gesichtszüge sehr ver 
gröbert. Man merkt den Unterschied recht, wenn man 
die feine zarte Bemalung des Christuskörpers, trotz 
aller Verwüstung und alles dicken Staubes, dagegen hält. 
S 
Die Gebräuche -es Maurergewerks. 
Von fi. Scfiäfer. 
(Schluß). 
Sämmtliche Maurer waren versammelt, nahmen 
beim Eintritt in den Saal die Hüte ab, ließen den 
Taback ausgehen, und sagten jeder vor sich hin die 
Worte: „Eintreten mit Gunst und Erlaubniß, nach 
Zunft und Ehrbarkeit, nach Handwerksgebrauch und 
Gewohnheit, also mit Gunst." — Der Wortführer 
wendete sich, nachdem er dreimal mit dem Reglement 
auf den Tisch geklopft hatte, an die Versammlung, 
mit den Worten: „Mit Gunst und Erlaubniß, hat 
Jemand von den ehrbaren Maurern etwas vorzutragen, 
der wolle jetzt seinen Antrag stellen und hernach schwei 
gen!" worauf einer von den erwähnten Lehrsecundanten 
vortrat und mit lauter vernehmbarer Stimme meldete, 
daß sich ein fremder Maurer draußen befände, der den 
Wunsch hegt und, dem Drange seines Herzens folgend, 
geneigt ist, sich der hiesigen zünftigen Maurergesellen 
schaft fest anzuschließen, und sich unter dieselbe auf 
nehmen zu lasten. — Der Wortführer wendete sich wiederum, 
nachdem er mit dem Reglement dreimal auf den Tisch geklopft 
hatte, an die Versammlung mit den Worten: „Also mit Gunst 
und Erlaubniß! Die ehrbare Gesellenschaft wird vernommen 
haben, daß der Maurergeselle N. N. aus Berlin beabsichtigt, sich 
bei uns vor offener Lade in die ehrbare Zunft aufnehmen zu 
laffen", worauf alle Anwesenden antworteten: „Dies ist löblich". 
Der Secundant wurde nun aufgefordert, den fremden 
Maurer aus Berlin einzuführen, und nun fand die feierliche 
Aufnahme statt, nach Zunft und Ehrbarkeit, nach Handwerks 
gebrauch und Gewohnheit, also mit Gunst! — Der Wortführer 
klopfte wiederum dreimal auf den Tisch mit dem Rufe: „Die 
gesammte ehrbare Gesellschaft wolle die Güte haben und ein 
wenig Gehör geben mit Gunst!" — Alle Anwesenden wendeten 
nun, wie schon bemerkt, entblößten Hauptes ihre Auf 
merksamkeit der Angelegenheit zu, und riefen: „Mit 
Gunst!" 
Der Wortführer, der nach der bereits angedeuteten 
Weise sein Reglement führte, forderte nun den Erschie 
nenen auf, gütigst vor die Handwerkstafel und Lade zu 
treten, und nachdem alle Anwesenden befragt worden, 
ob dies löblich sei, antworteten diese, es sei löblich! — 
und wurden nunmehr dem Aufzunehmenden die erlernten 
Künste abgefordert, welche, 'wie schon bemerkt, durch Tra 
ditionen aus den ältesten Zeiten von Einem auf den 
Andern übergegangen sind. — 
Der erste Secundant und der Aufzunehmende traten 
sich mit gekreuzten Armen einander gegenüber, neben 
denselben standen zwei Maurer mit Kreide in der Hand, 
welche unter dem Hute die Fehler bei Vorsagung des 
Erlernten mit einem Strich vermerkten. Ein jeder'Fehler 
wurde mit einem Schilling bestraft, und floß der Frei 
bierkasse zu. — 
Mittelst Handschlag an Eidesstatt und entblößtem 
Hauptes sprach nun der Neuaufzunehmende mit lauter 
Stimme: „Jetzt will ich's Dir bringen, — aus Lust 
und lieblichen Dingen. — Feste Dinge dieser Erde — 
müssen unverändert sein. — Willst Du jetzt mein Bruder 
werden, — so geschieht's bei einer Kanne Bier oder 
Wein. — So mußt Du auch mit Mund und Hand — 
ewig halten Bruderstand, — Sonne, Mond und Sterne 
stehen ewig, — sind auch jetzt und immer unbeweglich; 
— also mußt Du auch sein und bleiben — ewig treuer 
Bruder mein. — Gleich wie wir Maurer verarbeiten — 
harten Felsen, Kalk und Stein, — was weder Feuer, 
Wasser, freie Luft — verzehren kann: — also sei auch 
unsere Brüderschaft — ein fester Schluß, und das ist 
was. — Gleich wie es heißt: — in Hitz' und Schweiß, 
in Regen, Schnee und kaltem Eis — bin ich gereist. — 
Lieber Bruder, willst Du nun wissen, woher ich bin, 
und wie ich heiß?" Der Secundant antwortet hierauf 
„Mit Gunst! August Meyer werd' ich genannt, — 
Königreich Preußen ist mein Vaterland. — In Berlin 
bin ich geboren und erzogen, — und daselbst zu einem 
rechtschaffenen Maurer auserkoren. — Lieber Bruder, 
willst Du auch wissen, wie mein ehrbarer Lehrmeister 
hat geheißen?" Der Secundant: „Mit Gunst!" — 
„Carl Lüttke hat er geheißen". — „Lieber Bruder 
willst Du auch wissen, wie meine ehrbaren Schank 
gesellen haben geheißen?" Der Secundant: „Mit Gunst!" — 
„Schulze und Müller haben sie geheißen. — Lieber Bruder, so 
Du dermaleinst hören solltest, einen von diesen ehrbaren Namen 
schelten, schimpfen oder schmähen, cs mag fein bei Tisch, Bank, 
Bier oder Wein, —oder wo sonst rechtschaffene fremde Maurer 
beisammen sein, — so bitte ich Dich, suche sie zu verdeffendiren, 
wenn es sein kann; kann es aber nicht sein, — so sei so gut
        
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