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Volume 1. Dezember 1878, Nr. 23

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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Alterthümer von prenzlau und Umgegend. 
(Kommissionsbericht des Märkischen Provinzial-Museums.) 
Atlf Einladung der Städtischen Behörden von Prenzlau ! 
begab sich sin September 1878 eine Kommission des Märkischen ! 
Provinzial-Museums nach der Hauptstadt der Uckermark, um 
daselbst während des 7., 8. und 9. in Gemeinschaft mit den 
Vertretern des Magistrats, der Stadtverordneten-Versammlung, 
der Königlichen Behörden und der Bürgerschaft einige der in 
der Stadt und Umgegend so reichlich vorhandenen Alter 
thümer zu untersuchen.*) 
Der nachfolgende Bericht zeigt wie überraschend Vieles, z 
Dank der trefflichen fürsorglichen Vorbereitung, des prompten 
Jncinandergreifens der verschiedenen Ausflüge und Arbeiten | 
und der wohlgeordneten allseitigen Unterstützung an Ort und 
Stelle, zu Tage gefördert, untersucht, ausgegraben, g^eichnct ! 
und der vaterländischen Sammlung in Berlin einverleibt 
werden konnte. 
I. Die Stadt Vrcnzkan. 
Es konnte nicht die Aufgabe der Kommission sein, vor 
zugsweise die Alterthümer der Stadt genauer zu untersuchen 
und beschreiben, zumal in Prenzlau selbst die hierzu geeigneten 
Kräfte reichlich vorhanden sind.**) Wenn nachfolgend gleich 
wohl Nachrichten über einige auffallendere Alterthümer ge 
geben werden, so ist hierbei auf den weitern Kreis von 
Freunden heimischer Forschung gerücksichtigt. 
1. Das Wegekreuz. Geht man vom Bahnhof aus 
aus der nach Pasewalk führenden Straße nach der Stadt zu, j 
so trifft man links am Wege kurz vor der Einmündung der 
Landstraße nach Brüssow, Lvcknitz, Stettin ein lateinisches 
Kreuz mi* einem einzigen Granit hergestellt, 1,9 m hoch, 
der Querbalken 0,8 m breit. Nach der Volkssage soll hier 
ein Mord begangen sein. Der Kgl. Bauinspector Hoffmann, 
dein das Märk. Museum eine geiraue Vermessung rurd Zeich 
nung des jedeirfalls aus dein Mittelalter stammenden Stein- 
kreuzes verdankt, hält dasselbe für einen Wegweiser, Andere 
erinnern an die ähnlichen Kreuze in der Larisitz, welche auf 
*) Theil nahmen von Berlin: Friedet, Stadtrath, Dirigent des 
Museums, Di-. Theodor Liebe, Dr. Otto Reinhardt, Ietschin, Mitglied der 
Berliner Anthrop. Gesellschaft, Buchholz, Custos des Museums, Leo Alfieri, 
Mitglied des Berliner Anthrop. Gesellschaft, Eduard Krause, Architekt und 
Chemiker; seitens der Stadt Prenzlau: Mertens, Bürgermeister, Schultz, 
Beigeordneter, Vigouroux, Kämmerer, Mildbraed, Stadtrath, Staegcmann, 
Sladtrath, Hoffmann, Kgl. Bauinspector, Schubert, Kgl. Baumeister, 
Diescner, Oberprediger, Kanzow, Pfarrer, Lorenz, Prediger, Kern, Gvm- 
nasial-Dircctor, Dr. Rettig, Oberlehrer re. Die Berliner kommissions- 
mitglicder,wurden gastfrei cinquartirt, die sonstigen Kosten laut Gemeinde- 
Beschluß von der Stadtkassc getragen. Den Herren Oberamtmann Collin 
auf Sternhagen, von Arnim auf Suckow, Amtmann Finck auf Fergitz, 
Oberamtmann Eger auf Drense sind die Theilnehmer theils für Bewir- 
thung theils für Förderung der Arbeiten zu besonderem Dank verbunden. 
**) Vgl. über die Stadt: Joh. Sam. Scckr, Versuch einer Geschichte 
der Ukennärk. Hauptstadt Prenzlau. 2 Theile. Prenzlau 1785 und 1787. 
Ter verheißene 3. Theil scheint nicht erschienen zu sein; Simon Herz: ! 
Versuch einer medizinischen Ortbeschreibung der Ukermärk. Hauptstadt ! 
Prenzlau. Berlin 1790. — Berghaus: Landbuch der Mark Brandenburg. 
2. Bd. S. 264 flg. mit vielen Zitaten. — Fidicin, Territorien. Bd. IV. 
1864. — v. Ledebur: Die heidnischen Alterthümer des Regierungsbezirks 
Potsdam. S. 99. — Kanzow: Prenzlau in alter Zeit. Prenzlau 1877. 
— Kanzow und Krause: Reliquienkreuz der St. Sabinenkirche zu Prenzlau 
im „Bär" von 1877 erschienen. — Kanzow: Die alten Pfahlwerke in 
Prenzlau im „Bär" von 1879 erscheinend, re. 
die Einführung des Christenthums daselbst bezogen werden. 
Wir behalten uns eine ausführliche Besprechung für die Zeit 
schrift „Bär" vor. 
2. Rathhaus. — Das Rathhaus ist 1724 neu erbaut 
und 1843 durch Anbau erweitert, doch sind Theile des mittel 
alterlichen Baus in die Neubauten hineingezogen und solcher 
gestalt noch erhalten. Herr Leo Alfieri, welcher mit dem 
Endesunterzeichneten und dem Redakteur des Archivs für 
kirchliche Baukunst Herrn Prüfer diesen alten Theil im Jahre 
1877 untersuchte, machte aus ein altes Wandgemälde, das 
jüngste Gericht darstellend, aufmerksam. Dasselbe sollte von 
der es bedeckenden Tünche befreit und wenn möglich wieder 
hergestellt werden. War hier eine Kapelle oder Gerichtslaube? 
Das Bild würde namentlich für die Ausübung der Rechts 
pflege gepaßt haben. 
3. Markt. Auf dem Hauptmarkplatz nimmt die Stelle, 
wo sonst der Roland stand, das schöne neue Kriegerdenkmal 
in gothischem Stil gehalten, ein. Der steinerne Roland soll 
dort 1495 errichtet worden sein. „Unsern Roland (erzählt 
Seckt a. a. O. II. 41) traf i. I. 1737 den 21. Januar 
das widrige Schicksal von einem gewaltigen Sturmwinde 
herunter und in Stücken geworfen zu werden, welche dann, 
da die Errichtung eines neuen nicht akkordirt werden wollte, 
bis auf den Rumpf i. I. 1743, auf der Stelle wo er ge 
standen, versenkt worden. Aus dem Rumpfe ist ihm ein Leichen- 
stcin gehauen, mit nachstehender Inschrift: 
Hiejacet statua Rolandi erecta hoc loco An: MCCCCVC. 
dejecta viribus venti An: MDCCXXXVII. sepulta 
An: MDCCXLIII. Monumento hoc ex ipsius trunco 
fabrefacto. 
Aus diesem Leichenstein wurde 1783 eine mit einer 
Urne gezierte Pyramide verfertiget, woran blos die Jahre 
der Errichtung, der Detronisirung und der geschehenen Er- 
neuerung dieses Epitaphii bemerkt sind." 
Diese Pyramide ist, um dem Kriegerdenkmal Platz zu 
machen, auf dem Markt an andere Stelle versetzt worden. 
Bei dem Ausgraben der Fundamente für das Denkmal fand 
man vom Roland den Kopf und die Oberschenkel, diese Stücke, 
inzwischen im Städtischen Bauhof verwahrt, kamen mit dem 
eisernen Schwert des Roland durch die Munifizenz von Bia 
gistrat und Stadtverordneten sin Jahre 1877 ins Märkische 
Museum. 
Beim Roland wurde das peinliche Halsgericht gehegt 
„und sind die Delinquenten (Seckt a. a. O.) nicht weit davon 
seitwärts, wo man drei Straßen und den ganzen Markt 
übersehen kann, auf zwei daselbst liegenden Steinen, wovon 
besonders der eine von ansehnlicher Größe ist, dekolliret wor 
den*); auch nam der Staupenschlag von dem Roland aus 
seinen Anfang." — Noch heut liegt hier der mächtige Find 
ling aus rothem schwedischem Scheerengranit, aus welchem 
der Ueberlieferung nach die eidbrüchigen Bürgermeister Claus 
! Beltz und Zabel Gryben im August 1425 mit dem Schwert 
enthauptet wurden, deren vorher abgeschlagene rechte Hände 
*) Wie unter anderen im Jahre 1608 an Kesten Krikow wegen 
verübter Blutschande mit seiner Stieftochter geschah.
	        
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