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Volume 1. November 1878, Nr. 21

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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Späßchen, witzige, oft derbe Bemerkungen, Anekdoten und 
Aehnliches hinein. Das waren die Amoenitates Juris, die 
Rechts vergnüglich ketten, bei deren Lesung oder Anhörung 
sich mitunter auch die tiefgesurchte Stirn des strengsten 
Richters glättete. 
Noch zu Ende vorigen Jahrhunderts finden wir dergleichen 
Späßchen, die man heut nur im Feuilleton eines Unterbaltungs- 
blattes liest oder in Juristenkneipcn hört, in den gelehrtesten 
Fachzeitschriften. Als Beispiel wähle ich folgende Rechtszeitschrist: 
Beiträge zu der juristischen Litteratur in den Preußischen 
Staaten. IV. Sammlung. Berlin 1780. 
S. 1l5 unter IV. ist wörtlich Folgendes abgedruckt: 
„Ein junger Rcchtskandidat, der von einem graubärtigen 
Juristen beym Examen sehr geängstigt wurde, bat sich, 
nachdem es geendigt war, die Erlaubniß ans, diesen: einige 
juristische Räthsel vorzulegen, auf deren Beantwortung er 
nicht gefaßt war. 
1. Welches Gesetz ist das vortrefflichste? 
L. 2. D. de just, et jure. 
2. Welches das lehrreichste? 
L. 10. § 1 D. de just, et jur. 
3. Welches das kürzeste? 
L. 2. D. de incend. 
4. Welches das längste? 
L. 10. D. de grad. et affin. 
5. Wo steht in den Pandectcn der Liebesbrief eines 
Frauenzimmers? 
L. 61. § I. D. de oblig. et aet. 
6. Und wo das Paternoster? 
§. 3. Inst, de Donat. 
7. Wo sind Bibelsprüche angeführt? 
L. 7. Cod. de Summa Trin. 
8. In welchem Fall entschuldigt das Podagra? 
Li. 3. Cod. qui morbo.“ — 
Von diesen 8 Gesetzesstellen sind Nr. 1 bis 5 den Pan 
dectcn, Nr. 6 den Institutionen, Nr. 7 und 8 dem Codex 
entnommen. Da der Verfaffer die Räthsel nicht ausführlich 
beantwortet und nicht einmal den lateinischen Text anführt, 
so wollen wir es für ihn thun. Die Antworten lauten dem 
Sinne nach übersetzt folgendermaßen: 
Zu 1. Vor Gott fromm, den Eltern und dem Vaterlande 
gehorsam. 
Zu 2. Des Rechts - Gebote sind diese: ehrenhaft leben, 
Memand verletzen. Jedem das Seine geben. 
Zu 3. et loco. (Nicht übersetzbar; die Gesetze in den 
Pandecten setzen sich mitunter aus Zitaten von ver 
schiedenen Rcchtslehrern in einem und demselben 
lausenden Satz zusammen. So fängt hier in der 
ersten Lex ein Satz mit einer Stelle aus Ulpian 
an, dann kommen als 2. Lex und Fortsetzung 
dieses Satzes aus Gajus (bbro XXI ad edictum 
provinciale) die Worte et loco und der Satz schließt 
in der 3. Lex wieder mit einem Zitat aus Ulpian. 
Zu 4. Enthält die römische Erbfolge und nimmt mehre 
eng gedruckte Folioseiten ein. 
Zu 5. Seja schrieb folgenden Brief: Dem Llicius Titiüs 
Heil! Wenn Du noch dieselbe Gesinnung und zärt 
liche Liebe, die Du immer gehabt hast, gegen mich 
hegst, so eile sofort nach Empfang meines Briefs 
und nach dein Du Deine Habseligkeiten verkauft 
hast, zu mir. Ich werde Dir, so lange ich lebe 
ein Jahresgehalt aussetzen, da ich weiß, daß Du 
mich wirklich so sehr (valde bene) liebst." — Der 
Jurist als vorsichtiger Blaun fragt, ob Lucius 
Titius, wenn er nun alles vermöbelt habe, auch im 
Nothfall ans diesem Brief auf ein Jahresgehalt 
klagen könne? Der Prätor, als noch vorsichtigerer 
Mann, antwortet, das hänge von den Personen 
und dem ganzen innerlichen Sachverhalt ab. 
Zn 6. Der Kaiser Jnstinian, der sich in den Institutionen 
als Verfasser und als im Nominativ redend gerirt, 
sagt dort: Sed primus quidem divus Justiuus, 
pater »oster, — permisit .... (zuerst aber er 
laubte der hochseelige JustinnS, unser Vater, . . . .) 
ein Witz, der stark an die bekannten biblischen Witze 
erinnert, wie: „wer >var der erste Adlige?" — 
„Herr von Ferne; denn in der Genesis heißt es: 
und Adam sah den Herrn von Ferne", u. dgl. m. 
Zu 7. In einem langathmigcn Schreiben über den Ka 
tholizismus und die Ketzerei zitirt der Kaiser Bibel- 
stellen aus dem Propheten Jesaias ec. 
Zu 8. Podagra entschuldigt in Bezug auf Uebernahme von 
öffentlichen Aemtern (die damals mitunter recht 
lästige und kostspielige Ehren waren) an sich nicht; 
nur wenn Einem das Zipperlein, so arg in den 
Beinen steckt, das; man seine eigenen Geschäfte nicht 
versehen kann, liegt darin ein Ablehnungsgrund für 
öffentliche Aemter. 
Mit dergleichen Rechtsräthscln könnte wohl heut noch 
ein Berliner Rechtskandidat die gestrengen Herren Examinatoren 
in dem Hause an der Ecke der Linden- und Hollmann-Straße 
in die Enge treiben. 
E. Friedcl. 
Das Hostheater ;n Schwedt «0. 
Von Cmtoiiism tirsisiirt. 
In Nr. 16. des diesjährigen Jahrganges des „Bär" befindet 
sich ein Aufsatz über die französische Kirche zu Schwedt und ihren 
Stifter, in dein auch des von ihm erbauten Theaters gedacht wird. 
Dieser Bühne geschieht mehrfach Erwähnung in den sogenannten 
„Theaterkalendern" des vorigen Jahrhunderts, die in Gotha bei 
Karl Wilhelm Ettinger in dem Format der bekannten Musen-Al 
manache erschienen. Sie enthalten gewöhnlich eine Reihe kleiner 
Kupfer, die Silhouetten beliebter Bühnenkünstler oder einzelne 
Scenen aus neuen Stücken darstellend, Theaterreden, Gedichte an 
Schauspieler, Aufsätze über einzelne Zweige der dramatischen Kunst, 
Biographien, Verzeichnisse von Theaterdichtern und Componisten, 
Todesfälle, Entwürfe für dramatische Arbeiten, Theater-Anekdoten 
und ausführliche 'Nachrichten über Personal und Repertoire der 
einzelnen Bühnen Deutschlands und des Auslands. Es läßt sich 
aus diesen Miniatur-Kalendern manches Interessante für die Ge 
schichte des Theaters und des Geschmacks im vorigen Jahrhundert 
heraus lesen. 
Unter den zahlreichen Bühnen ist, wie gesagt, auch die zu 
Schwedt erwähnt; im Jahre 1777 heißt es noch ziemlich kurz: 
„Jhro Königliche Hoheit der Markgraf von Brandenburg-Schwedt 
haben hier ein stehendes Liebhabertheater errichtet, das aus 16 Per-
	        
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