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Periodical volume 1. November 1878, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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vor einer Zeit, welche die Kalvisius'sche Welierschaffungsperiode 
um das Dreifache übertrifft, am Nil und im vorderen Asien 
hochcultivirte Menschen gegeben hat, abgesehen von anderen 
Erinittelungen aus dem Gebiete der Menschenkunde und dein 
offenen Buche der Natur. Ganz unbegreiflich ist der Arg 
wohn der Buchstabengläubigen gegen das Bestreben, Neste 
vorsündfluthlicher Menschen zu finden. Würden solche Reste 
nachweislich entdeckt, dann wäre ja damit der beste Beweis 
geführt, daß die heilige Schrift sich in Betreff der allgemeinen 
Geschichte der Menschheit nicht geirrt hat, tvie es sich ja auch 
nicht in Abrede stellen läßt, daß ihre Darstellung des Schöpfungs- 
Werkes von einer großartigen, und ebenso wohl scharfsinnigen 
als tiefen Auffassung dessen zeugt, der das 1. Capitel des 
ersten Buches Mose geschrieben hat, man muß sich nur nicht 
an das Wort „Tag" halten, sondern statt dessen Zeitraum 
setzen. 
Was die vorsündfluthlichen Menschen betrifft, von denen 
verschiedene Reste gefunden sein sollen, so hat man sich zunächst 
über den Begriff Sündfluth, oder richtiger, Sintfluth, zu ver 
ständigen. Unter allen Völkern, den rohesten und dem Wehe 
nahe stehenden sowohl als den höchstentwickelten, geht eine 
Sage um von einer furchtbaren Ucberschwemmung, welche das 
Menschengeschlecht bis auf ein Pärchen oder gar bis auf einen ein 
zigen Mann vernichtete. Diese Sage muß ihren Gründ in 
Ereignissen haben, die nicht einmal, sondern im Laufe einer 
längeren Zeit mehrmals stattgefunden haben und zwar her 
vorgerufen durch vulkanische Hebungen au einer und gleich 
zeitige Senkungen an anderen Stellen der Erdoberfläche. Die 
Spuren dieser Umwälzung finden wir in dem aufgeschwemmten 
und angeschwemmten Land, in Flötzgebirgen re. (Alluvial- und 
Diluvialbildung) sowie in den Unterbrechungen von Gebirgs- 
und Landzügen durch Meere und Mccresstraßen, wobei vicr- 
füßige Thiere, die unmöglich Hunderte von Meilen weit über 
das Meer schwimmen können, auf Inseln zurückblieben, die 
einst mit dem Festlande zusammenhingen. Daß der Mensch 
schon in dieser (vierten) Erdbildungspcriode gelebt hat, ist mit 
größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, denn die dainalige Erd 
oberfläche war mit allen den Gewächsen bedeckt und von allen 
den Thieren belebt, welche wir heute noch finden, sie bot also 
dem Menschen die Grundlage seines Bestehens; auch die Luft 
muß schon dieselbe Zusammensetzung und dieselbe Wärme ge 
habt haben wie heute. Woher sollte übrigens die Menschheit 
schon in der frühesten Zeit, ehe es Geologen oder Erdkundige 
gab, die Kenntniß von jenen furchtbaren Ueberschwenunungcn 
gehabt haben, wenn nicht durch eigenes Erleben derselben? 
Das genügt aber vielen Forschern nicht und selbst solche, 
die keineswegcs den Affen zu ihrem Ur-Ahn haben wollen 
und sich nicht mit Gottesleugnung förmlich brüsten, be 
stehen doch darauf, den Menschen in den Gebilden der dritten 
oder Tertiärzeit zu finden und zwar als Zeitgenoffe des aus- 
gestorbenen Mammuth.*) In der Tertiärzeit, in welcher sich 
die Braunkohlen bildeten, müssen aber auf unserem Erdball 
Luftverhältniffe geherrscht haben, welche dem größten Theile 
der heutigen Thicrarten nicht lebcnsdicnlich gewesen sein können, 
sonst wären wohl diejenigen Geschöpfe nicht ausgestorben, welche 
sich durch ihre Riesengröße gegen jeden Feind schützen konnten 
und alle Lebenserforderniffe vorfanden. Die Erdoberfläche 
inuß eine von der heutigen sehr verschiedene Natur gehabt 
haben und wohl nicht geeignet gewesen sein, das viele Jahre 
nach der Geburt noch völlig hülflose Wesen zu erzeugen, welches 
sich Mensch nennt. Nun hat man aber in Höhlen Frankreichs 
und anderen Orten Menschenknochen zusammen mit Mammuth-, 
Höhlenbär und anderen Knochen von Thieren der Tertiür- 
und Quaternär-Zcit gefunden, ja man will sogar in der Höhle 
la Madeleine (Frankreich), in der man 3 Menschenschädel fand, 
ein Stück Mammuthknochen entdeckt haben, welches mit rohen 
Strichen die eingeritzte Zeichnung eines solches Riesenthiercs 
trug. Eine Abbildung desselben findet sich u. A. in der Zeitschrift 
„Ausland" (Nr. 1, 1870), doch wird in jenem Blatte die 
Befürchtung ausgesprochen, daß archäologische Einbildungskraft 
ein Wenig nachgeholfen habe. Aber selbst zugegeben, die 
Zeichnung sei genau, solle eiu wirkliches Mammuth vorstellen 
und wäre von jenen Urmenschen der Vorzeit angefertigt, folgt 
denn daraus schon, daß der Zeichner mit dem Mammuth zu 
sammengelebt habe? Ja noch mehr! Selbst wenn jener Zeichner 
Mammuthflcisch gegessen hat, ist es doch nicht unbedingt nöthig, 
daß er das Thier lebend gesehen habe. Um dies zu erklären, 
erlaube man uns folgenden Hinweis: Im Jahre 1806 fand 
Adams am Ausflusse der Lena in das nördliche Eismeer ein 
in Eis eingefrornes vollständig erhaltenes Mammuth, mit 
dichtem 5 Zoll langen Wollhaar, aus dem lange Borsten her 
vorragten, und 1841 fand Motschulskh ebenfalls in Sibirien 
ein solches völlig erhaltenes Thier in der gefrornen Erde, die 
vom Flusse unterwühlt und abgespalten war. Die Hunde 
fraßen in beiden Fällen das frisch erhaltene Fleisch, das unter 
den Strahlen der Sonne natürlich bald in Fäulniß überging. 
Auch 1863 wurde wieder eines solches im Eise erhaltenes 
Thier in Sibirien gefunden, tvenigstcns langte die Nachricht 
von dem Funde hierher an den Kartographen vr. Petermann. 
Das Auffinden völlig mit Fleisch und Haar erhaltener Mam- 
muthe ist den Bewohnern Sibiriens gar nichts Auffälliges, sie 
sind sogar des Glaubens, daß dieses Thier noch jetzt wie ein 
Maultvurs unter der Erde lebe und haben es deshalb Mammuth, 
d. h. Erdwühler, genannt. Sibirien ist besät mit den Knochen 
dieses ausgestorbenen Geschöpfs, so daß der dritte Theil alles 
verbrauchten Elfenbeins von dorther kommt. Auch in Deutschland 
und Frankreich werden einzelne Knochen und Zähne häufig 
ausgegraben; von dem was schon in früherer Zeit gefunden, 
zerstört oder verschleudert worden ist, wissen wir natürlich nichts. 
Eine Partei der Gelehrten behauptet nun, das Thier habe 
nicht unter unserem nördlichen Himmelsstriche gelebt, weil seine 
Reste fast nur im Angeschwemmten gefunden werden; die 
andere Partei ist jedoch der Ansicht, daß es in Sibirien und 
bei uns gelebt habe. Dies ist auch wahrscheinlich und eben 
darum ist es möglich, daß in längst entschwundener Zeit einer 
der sogenannten „Rennthierfranzosen" der Höhle la Madeleine 
ein vollkommen erhaltenes Mammuth mit Haut, Haaren und 
Fleisch nach einem Bergfall oder Erdrutsch gesehen haben kann. 
Vom Fleische mag er dann gegessen haben, denn der damalige 
Wilde hat gewiß nichts verschmäht, und die sonderbare Gestalt 
mit den riesigen gekrümmten Stoßzähnen und dem langen 
Rüssel hat seinen Verstand so angeregt, daß er eine Zeichnung 
der Umriffe dieses Geschöpfs auf einen Knochen desselben mit 
scharfem Kieselsplitter einritzte. Daß ein solcher Vorzeitsmensch 
dazu das Geschick hatte, ist an sich nicht so wunderbar; es 
versuchen ja auch unsere Kinder in den frühesten Jahren Sachen 
*) Vergl. darüber Virchow, S. 47. 
Redaction.
        
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