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Volume 1. November 1878, Nr. 21

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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zugeschrieben, ob mit Recht oder Unrecht, bleibe dahin gestellt. — 
Die sogenannten Cyklopcnbauten, welche in Italien so häufig 
sind und wohl den Aborigines zugeschrieben werden müssen, 
verdienen die größte Beachtung, da solche auch bei uns vor 
kommen oder zerstört worden sind. 
Zu erwähnen sind noch von Urvölkern die Thraker und 
Illyrer. Erstere bewohnten die östliche, letztere die westliche 
Hälfte der nördlichen Türkei. Non ihrem Dasein ist bis auf 
eine Menge Kegelgräber alle Spur verschwunden, doch scheinen 
auch sic zur Zeit ihrer Selbstständigkeit ziemlich weit entwickelt 
gewesen zu sein. Dasselbe gilt von den Dakern oder Dacieru, 
einem andern Urvolke, das seinen Wohnsitz in Ungarn hatte, 
später weiter östlich rückte, woselbst sein Blut noch jetzt in den 
Rumänen Siebenbürgens, der Walachei, Moldau und Befsarabicn 
fortlebt. Bei den Dakern scheint der Balsdienst geherrscht zu 
haben, tvas auf alte Verbindung mit Phöniziern hinweist. 
Wir kommen nun den Kelten oder Celten, von denen 
noch jetzt Reste in der englischen Provinz Wales, in Nord 
schottland, in einigen Grafschaften Irlands und in der französischen 
Provinz Bretagne wohnen und ecltisch sprechen. Diese große 
Völkersamilic bewohnte zur Zeit ihrer größten Ausdehnung 
ganz Frankreich, Großbritannien und Irland, Nord-Italien, 
einen großen Theil Spaniens und Deutschlands, vielleicht auch 
Dänemark und Südschweden, denn die Cimbern oder Kimbern 
werden zu ihnen gerechnet und diese wohnten dort und in den 
zunächst angrenzenden jetzt deutschen Ländern. Um 000 Jahr 
vor Christo, so erzählt der römische Geschichtsschreiber Livius, 
drangen große celtische Nolksmasscn unter ihrem Fürsten Sigo- 
vesus aus Gallien nach dem herchnischcn Walde (tvoruntcr man 
entweder den Harz oder das sächsische Erzgebirge zu verstehen hat), 
tvoraus folgt, daß uin jene Zeit auch in Mitteldeutschland 
Kelten Fuß faßten, doch crgicbt sich daraus noch nicht, daß 
vorher dort noch keine wohnten, denn die Völker bekriegten 
sich ohne Rücksicht auf Sprachverwandtschaft. Es ist vielmehr 
anzunehmen, daß ganz Deutschland und auch wohl das heutige 
Polen einst von Kelten überschwemmt war, so wie cs Süd- 
dcutschland, Oesterreich und Böhmen sicherlich gewesen ist. 
Diese Kelten, so genannt nach einem kleinen Volke ihrer 
Art in Südsrankreich, waren in vieler Hinsicht schon zur Zeit 
der Römer in nützlichen Dingen recht tveit entwickelt; sic 
würdigten die Münzen schon frühzeitig, trieben Ackerbau, Vieh 
zucht, Handwerk und Handel. Zum ersteren bedienten sie sich 
sogar mancherlei Arten von Maschinen, deren Herstellung und 
Anwendung sic wohl von einem anderen fremden Culturvolke 
gelernt hatten. Im Bergbau und in gewissen Behandlungs 
arten der Metalle hatten sie eine nicht geringe Geschicklichkeit, 
welche selbst die Römer in Erstaunen setzte. Um das Jahr 390 
vor Christo führten diejenigen Kelten, welche Rom eroberten 
und zerstörten, schon eiserne Schwerter, die aber so tvcich 
waren, daß sie nach jedem Hiebe wieder grade gebogen werden 
mußten. Die Vcrsasiung der Kelten war streng aristokratisch — 
so viele Völker, so viele Wahl-Könige, die sich auf eine Geburts 
und Besitz-Aristokratie stützten, welche letztere ihrerseits durch 
Prachtliebe, Verschwendung, Gelderauslcihen und ähnliche 
Mittel sich Anhänger schuf, mit deren Hülfe sie das bedrückte 
Volk im Zaume hielt und den Königen gelegentlich trotzte- 
Die Neigung der Kelten zu sinnlichen Genüssen und ihre Ver 
irrungen bis zu widernatürlichen Ausschweifungen sind bekannt, 
ebenso ihre Eitelkeit, Unftäthcit, Verändcrungssucht und ihr 
Uebermuth im Glücke, sowie Verzagtheit im Unglücke. Reben 
solchen Schattenseiten zeichnete sich ihr Charakter aber durch 
schöne Eigenschaften aus, denn sie waren hochherzig, tapfer, 
erfinderisch und im hohen Grade gelehrig. In den heutigen 
Franzosen hat man so ziemlich ein Bild der alten Kelten, die 
im klebrigen zu derselben großen arischen Völkerfamilie gehören, 
tvie wir Deutschen, die aber vor unsern Vorfahren in Europa 
ankamen und die dort ansässigen Urvölker vertilgten oder in 
sich aufnahmen. Sie mögen von den Letzteren manches Nütz 
liche gelernt und angenommen haben, das man jetzt ihnen als 
urthümlich zuschreibt, denn auch der heutige Franzose versteht 
cs ja noch meisterhaft, alles was ihm neu und Vortheilhaft 
scheint, mit Blitzesschnelle sich anzueignen und dann für das 
Scinigc auszugeben. Man schreibt den Kelten die bei uns 
unb die in den noch jetzt oder einstmals von ihnen bewohnten 
Gegenden so häufig gefundenen Kegelgräber oder Tumult zu, 
auch die Baumsärge gelten als keltische Hinterlassenschaft. 
Diese Gräber, welche immer sehr schöne Metallsachen enthalten, 
mögen wohl von ihnen herrühren, doch kann damit nicht 
j behauptet werden, daß nicht auch anderer Völker dieselben 
hinterlassen haben. In jedem Falle ist es eine nationale Ueber- 
spanntheit abseilen britischer und französischer Archäologen, den 
Kelten eine vorgeschichtliche Kultur zuzuschreiben, die von den 
rohen Deutschen zerstört tvordcn sei und alles, was auch bei 
uns von auffallend schönen und iveder griechischen nach römischen 
Alterthümern gefunden tvird, als ein Werk der alten Kelten 
zu bezeichnen, während doch die Annahme viel mehr für sich 
hat, diese Sachen für eingeführte Fabrikate der Phönizier und 
Etrusker, überhaupt für fremde Culturprodukte zu halten, wo 
rüber noch Näheres. 
Die Kelten scheinen ihren Weg aus Asien durch Süd- 
rußland zurückgelegt zu haben, gefolgt von den Deutschen. 
Auch in Südrußland, Polen, Ungarn und der nördlichen 
Türkei wiinmelt es von Kegelgräbern, die meistens denselben 
Inhalt haben, wie die angeblich keltischen West- und Mittcl- 
Europa's. In Südrußland hausten in der frühesten Zeit der 
Geschichte Skythen, ein völlig wildes, wahrscheinlich mongo 
lisches Reitervolk, in: übrigen Rußland saßen finnische Völker 
schaften, in ivelche sich lettische und slavische Nationen einkeilten 
und das Ganze später überwucherten. Die Kelten scheinen, 
nachdem sie so weit nach Westen gerückt waren, wie sie konnten, 
zurückgcfluthct zu sein, wobei sie nicht blos mit den Germanen, 
sondern auch (an der unteren Donau) mit den Slaven, Thrakern 
und Illyrer in unliebsame Berührung kamen. 
Die alten Deutschen oder Germanen folgten den Kelten 
und nahmen zunächst von der großen norddeutschen Ebene 
Besitz, indem sie dadurch das gewaltige Volk der Cimbern 
^ von seiner Verbindung mit der Hauptmasse der Familie ab- 
i schnitten. Die Cimbern scheinen dann eine Zeit lang ihren 
Mcnschcnübcrfluß nach Britannien geschickt zu haben, bis sie 
durch mehrfache Ueberschwemmungen des Meeres immer mehr 
geschwächt und schließlich durch die furchtbare Fluth, welche 
als die „kimbrische Fluth" bezeichnet wird, bis auf einen kleinen 
Rest, den Tacitus noch 210 Jahre später zwischen Elbe und 
'Nordsee vorfand, zur völligen Auswanderung genöthigt wurden 
! und in Gesellschaft der gleichfalls mit betroffenen Teutonen, 
l ihrer deutschen Nachbarn, jenen berühmten Vcrhecrungszug 
j durch die westlichen keltischen Lande begannen, der im Jahre 
, 101 vor Christo mit ihrer gänzlichen Vernichtung durch die
	        
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