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Periodical volume 1. November 1878, Nr. 21

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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zeichneten Ländern finnische Völker vor der germanischen Ein 
wanderung gehaust haben, aber jene Gräber, die man Gang- 
gräber oder auch wohl Kreuzgräber nennt, kann man doch 
wohl keiner anderen als einer sabmischen Nation (Lappen) 
zuschreiben. Tacitus hat über diese Leute ganz richtige Mit 
theilungen in Deutschland erhalten, denn er sagt von ihnen: 
„Was weiter erzählt wird, ist Fabel: z. B. daß die Hellusier 
und Oxionen Mund und Antlitz wie Menschen, Leib und 
Gliedmaßen wie Thiere haben. Dies laffe ich als unerwiesen, 
dahingestellt." Wer erkennt nicht in dieser Beschreibung die 
Tracht der Lappen (und auch der Grönländer), deren Hände 
in den Pelzhandschuhen selbst wie Tatzen aussehen mußten. 
Unter Mund ist wohl menschliche Sprache zu verstehen. Die 
Namen Oxionen und Hellusier sind nicht so leicht erklärlich, 
wahrscheinlich waren sie jenen Völkern von den Deutschen 
wegen besonderer Eigenthümlichkeiten gegeben worden, indem 
man die Oxionen so nannte, weil die Silbe „ok" so häufig 
in ihrer Sprache gehört wurde und dann sind Lappen gemeint, 
>vic man sich heute noch überzeugen kann. Die Hellusier wer 
den in Steinklüften oder in Steinhütten gewohnt haben, die 
sie mit Erde überschiitteten und wie sich deren noch sehr viele 
in Südschweden und sogar in Norddeutschland nachweisen 
lasten. „Helle" bedeutet noch jetzt im Plattdeutschen der enge, 
dunkle Raum hinter dem Ösen niedersächsischer Bauernhäuser, 
der „hinner de Hell" genannt wird. Im Altdeutschen bedeutete 
Helle so viel wie Steinplatte oder großer flacher Stein. Aus 
solchen hat sich ein altes Volk Südschwedens und Norddeutsch 
lands Wohnungen und Todtenhäuser gebaut, so viel ist 
wenigstens Thatsache. 
Finnen oder Suomalaiset wohnen noch jetzt geinischt mit 
Schweden in Finnland und als Aesthen in den anderen Ost 
seeprovinzen Rußlands. Eine kleine Colonie wohnt in den 
schwedisch-norwegischen Gebirgen, wohin sie vor einigen hun 
dert Jahren aus Finnland einwanderte, also nichts mit den 
gefürchteten Skrid- Finnen, einem Theile der Urbevölkerung, 
zu thun hat. Die Lappen und die Kämpfe mit ihnen zur 
Zeit der germanischen Einwanderung scheinen zur Entstehung 
der deutschen Sage von den bösen Zwergen die Veranlassung 
gegeben zu haben, wohingegen der Kampf mit den Finnen 
die Entstehung der Riesensagen veranlaßt zu haben scheint, 
denn alle Sage hat ihre Wurzel in irgend einer Thatsache 
aus grauer Vorzeit, wie ja auch die Märchen von Drachen 
und Lindwürinern (gepanzerten Schlangen) nicht bloße Phan 
tasiegebilde ohne jede Grundlage sein können, sondern ver 
muthlich durch den Anblick der Reste jener vorsündfluthlichen 
Geschöpfe entstanden sind, die wohl auch von unseren Vor 
fahren in Höhlen oder in der Erde gesunden sein müssen. 
Der Mensch, selbst ein Theil der Schöpfung, wird sich wohl 
nichts denken können, was in der Schöpfung nicht möglich 
wäre, auch wenn sich seine Phantasie zu anderen Welten auf 
schwingt. — Tacitus, der um das Jahr 100 nach Christo 
lebte, schildert die Finnen oder Fennen als äußerst roh und 
bedürfnißlos. Das mag zutreffend gewesen sein für die Nation, 
die zu seiner Zeit von seinen deutschen Gewährsmännern ver 
ächtlich als Finnen bezeichnet wurde. Sie war aber nur der 
zurückgedrängte Rest einer großen Völkerfamilie, die früher 
gewiß aus einer höheren Stufe materieller Entwicklung stand 
und von der die siegreichen Gerinanen viele Angehörige als 
Sklaven oder Dienstleute in sich aufgenommen haben werden. 
Außer den erwähnten Urvölkern, die für unsere Archäo 
logie in Betracht kommen können, deren Geschichte aber in 
Dunkel gehüllt ist, sind noch Rasen und Aborigines zu nennen. 
Die Rasen, welche man auch für Tusken, Etrusker und 
Tyrrhener hält, sind ein höchst merkwürdiges Volk gewesen 
und besaßen schon beim Beginn der historischen Zeit eine hohe 
Cultur. Ihre Wohnsitze waren nachweislich in der nördlichen 
Hälfte Italiens und im alten Rhäticn (Schivciz, Tyrol und 
Steiermark), vermuthlich aber haben sie einstmals das ganze 
Süddentschland bis zum Alain und auch das ganze Oesterreich 
bis nach Böhmen hinein bewohnt. Allmälig wurden' sie von 
Kelten einerseits und andererseits von Römern zurückgedrängt, 
und zwar wie es scheint, auf Rhätien, und gingen schließlich 
ganz in ihre Bedränger auf. Leider wissen wir nicht unbe 
dingt Genaues über ihre Sprache und äußere Erscheinung, 
doch wird vermuthet, daß die Rasen entweder Semiten oder 
ein den alten Egyptern verwandtes Volk gewesen seien. Die 
Hinterlassenschaften und die eigenthümliche Cultur dieses Volkes, 
das für unsere Archäologie von unschätzbarein Werthe ist, lassen 
eine solche Annahme zu oder fordern dazu-auf. Mehrere römische 
Könige waren Rasen und von dieser merkwürdigen Nation holten 
sich die Römer unter ihrem etruskischen Könige Tarquinius Priscus 
die Abzeichen der Königswürde, Thron, Krone, Scepter, Reichs 
apfel und Purpur, sowie Bild und Inschrift der Münzen. 
Aus dieser Thatsache, welche von griechischen und römischen 
Schriftstellern übereinstimmend erwähnt wird, kann man einen 
Schluß auf die politische und culturhistorische Vollkommenheit 
jenes Volkes thun, das schon zu der Zeit der Gründung 
Roms aus hoher Stufe stand und dessen Einfluß sich unbe 
dingt auch auf die Halbwilden geltend gemacht haben muß, 
welche nördlich von den Alpen wohnten. Es kommt noch 
hinzu, daß die alten Etrusker als Seeräuber sehr gefürchtet 
waren, folglich seekundig gewesen sein müssen, was wieder die 
Annahme zuläßt, daß sie nicht blos auf dein Landwege, son 
dern auch auf dem Meere und den Flußläufen folgend, als 
Handeltreibende nach Frankreich, Deutschland, Ungarn, Bri 
tannien und Skandinavien gekommen sein müssen. Gediegene 
Forscher, z. B- Lindenschmit, nennen deshalb auch viele 
der bei uns gefundenen Sachen, die weder griechischen nach 
römischen Charakter zeigen, alt-italische oder etruskische Alter 
thümer. Die etruskische Cultur weist aber wieder auf den 
Orient auf Egypten und Phönizien hin. Vielleicht waren die 
merkwürdigen Denkmäler, die noch zu Tacitus Zeit in Süd 
deutschland vorhanden sein sollten, etruskischen Ursprungs und 
ihre angeblich griechischen Inschriften in etruskischen oder 
phönizischen Buchstaben eingehauen, denn diese hatten ja große 
Aehnlichkeit mit den ältesten griechischen, und Tacitus, der sie 
nur aus der Beschreibung, nicht von Ansehen, kannte, wird 
sie daher für griechische gehalten haben. 
Die Aborigines, von denen klassische Schriftsteller melden, 
scheinen, wie ihr Name schon andeutet, Urbewohner von ganz 
Italien gewesen zu sein und gingen freiwillig oder durch 
Unterwerfung in die anderen vor- oder eindringenden Nationen 
auf, nämlich im Norden hauptsächlich in Rasen, Veneter, Liguren 
und Umbrer, im Süden in Osker und Apuler. Die Aborigines 
werden auch Lasker genannt und sind von den im Süden, 
östlich vom Apennin wohnenden Pelasgern zu unterscheiden, 
die den Griechen verwandt waren. Diesen Nationen wird 
indessen keine Bedeutung bei der vaterländischen Archäologie
        
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