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Periodical volume 15. Oktober 1878, Nr. 20

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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umgiebt- In den nachgiebigen Backstein hat das Volk Kreuze 
eingemeißelt; Rundmarken und Längsrillen, Weihscharten 
sind nicht minder vielfach vorhanden. Der Dom ist aus 
Haustein angelegt, deshalb sind diese symbolischen Zeichen an 
ihn: schwerer nachzuweisen; vorhanden sind namentlich nahe 
dem Portal an der Westseite an den dasselbe umfassenden 
Steinen in bequemer Handhöhe die geweiheten Wetzscharten. 
Der Stein, aus welchem der Dom gebaut ist, findet sich im 
Lande nicht. Man hat, wie es scheint, die in der Umgegend 
vorfindlichen Geschiebe (Bruchsteine) verschmäht und wahr 
scheinlich von Magdeburg her zu Kahne von den dortigen 
quarzitartigcn festen Sandsteinen durch Spalten derselben 
(Hausteine) das Material entnommen. Auch blasige (lava- 
artige) Steine sind mehrfach vermauert vorhanden. Der un 
geheure Thurm, mit seine» dicken Wänden und mit seinen 
schmalen Fenstern für Bogenschützen eingerichtet, läßt darauf 
schließen, daß die Zeiten seiner Errichtung noch immer un 
ruhig waren und daß, nachdem 20 Jahre über dem Neu 
aufbau verstrichen und am 16. August 1170 die Einweihung 
erfolgt war, man noch immer nicht der unterworfenen wen 
dischen Volksmenge traute. Der gelehrte und fromme Bischof 
Anselmns schreibt an seinen Freund Wibald von Corvey: | 
„In meinem Kripplein Havelberg verweile ich Armer Christi 
sicher mit meinen Brüdern, den Armen Christi, wo einige im 
Angesichte des Feindes am Thurme der Befestigung bauen, 
andere auf der Wache sind zur Vertheidigung gegen die An 
griffe der Heiden; einige, die sich dem göttlichen Dienste 
gewidmet haben, täglich den Märtyrertod erwarten, andere 
durch Fasten und Gebete ihre Seele reinigen, um sie an Gott 
zurückzugeben."*) — Wahrlich, es hat unseren deutschen Alt 
vordern harte Mühe gekostet, hier den Felsen Petri aufzurichten, 
und unwillkürlich fühlt man sich an den Bau der Mauern 
Jerusalems unter Nchemia (Nehemia 4, 6—23) erinnert. — 
Becker vermuthet, daß die auf der Stelle des Doms gestan 
dene, in der Mitte des 10. Jahrhunderts errichtete Kirche aus 
Holz gewesen und bei der Verwüstung vom 29. Juni 983 
von den Slaven gänzlich zerstört sei. Von der zweiten 
bischöflichen Stiftskirche, welche Anselmus 1130 erbauen ließ 
und die Söhne Wittckinds 1136 wieder verwüsteten, .seien 
feine erkennbaren Ueberbleibsel da, höchstens möchten von den 
Materialien einige bei dein nunmehr folgenden dritten Neubau 
mitvertvcndct worden sein. 
Die eigentliche Stadt Havelberg liegt bedeutend tiefer ; 
und ruht zum Theil, wo der sandige Werder der Havel keine 
Baustellen mehr bot, auf wendischen Pfahl- und Packwerks 
bauten, die mit Dungschichten, darauf geivorfenen Steinen, 
Abfällen aller Art, Sand und Erde gedichtet und über- 
schwemmungsfrei gemacht worden sind. Neben dem „Japan" 
genannten Gastlokal hatte ich gelegentlich der Ausschachtungen 
zu einem Neuball Gelegenheit, diese alten Packwerkschichten 
mit Pfählen und Planken selbst ;u sehen. Es waren hier in 
dem Dichtlmgsmatcrial (ziemlich fettem Lehm) vielerlei Reste 
von wendischen Scherben, von Knochen, Hörnern, Geweihen re. 
eingebettet. Dergleichen Funde werden in den tiefergelegenen 
Kellern beim Fundament- oder Brunnengraben hälifig gemacht. 
Die Hauptkirche in der Stadt (St. Jakobi) weist unter 
dein Thurm in der mittelalterlichen Backsteinniauer Rund- 
*) Becker: a. a. D. S. 25. 
und Längsmarken auf. An der Außenmaucr der kleinen ur 
sprünglich vor der Stadt belegenen gothischen Kapelle, die 
auch Ruildbogen aus früherer Zeit besitzt, waren undeutliche 
Rundmarken. Das Innere des interessanten Gebälides wurde 
gerade durch eine weibliche Wasserleiche uilangenehm verpestet. 
Stadt und Umgegend seien besonders vorgeschichtlicher 
Forschung empfohlen; letztere wird unsere Heimathskunde vou 
dorther sicherlich durch manche Entdeckuilg noch bereichern. 
x. 
Strato«,, Kreis Weder-Barnim. 
Das bekannte Fischerdörflein Stralow bei Berlin,*) 
stromaufwärts zwischen dem Rummelsburger See und dem 
Spreestrom, war am 8. und 18. August 1878 Gegenstand 
von Untersuchungen, bei welchen der kundige Ortsvorsteher, 
Apotheker Stöcklein, und der als umsichtiger Saminler be 
kannte Eigenthümer Julius Tübbicke als heimische Führer 
diente». Die geschützte, abgelegene Lage kann cs allein ent 
schuldigen, daß nicht längst Alterthumsforscher den hier im 
Wasser wie auf dem Lande reichlich zu findenden urgeschicht- 
lichen Ueberresten mehr, als bislang, ihre Aufmerksamkeit 
geschenkt haben. Vor einigen Jahrzehenden, als der Wasser 
stand der Oberspree hier um 1,55 m niedriger gespannt war, 
ließen sich die Verhältnisse des Spreegrundes leichter feststellen. 
Der Vater des Herrn Julius Tübbicke, Fischer Johann 
Tübbicke, entsann sich von jener Zeit her noch ganz wohl 
des Dammes, der unweit der Brücke der Verbindungsbahn 
quer durch die Spree ging und von Pferdeschädeln ge 
bildet war, so daß man darauf hindurchwaten konnte. Der 
Priestcrgraben, welcher die Kirche vom Dorf Stralow trennt,. 
war damals so schmal und so seicht, daß man, um ihn zu 
passiren, nur mit einein Fuß in's Wasser zu treten brauchte. 
Daher war es von Alters her in Stralow Ortsgebrauch, 
dem Priester nur einen Wasserstiefel zu liefern. Damals 
konnte inan um die alte Kirche herum sieben und mehr 
Schichten von Särgen und Leichen übereinander, ohne in's 
Wasser zu kommen, feststellen, jetzt stößt man schon bei der 
dritten Sargschicht auf Grundwasser. Damals war auch 
der merkwürdige Steindamm bei klarem Wetter leicht 
unter Wasser zu sehen, der aus großen unbehauenen Blöcken ge 
bildet, vom rechten Sprecufer nicht weit von der Einmündung 
des Kraatz-Grabens, der aus Friedrichsfelde kommt, in der 
Richtung aus den Kreuz bäum zustreicht und gemeiniglich als 
eine alte Mühlenwehr gilt, wobei man nicht verfehlt anzu 
geben, daß der alte Spreestrom durch den jetzigen Rummels 
burger See seinen Lauf genommen habe. Ebenso ließen sich 
! die Brückenpfähle, Pfahlsetzungen und Packwerks 
ballten deutlicher feststellen, welche in und auf dem Spree- 
grunde ruhend vom Entenwerder über das Kreuzbruch nach 
dem Kreuzbaum führen. Diese eigenthümlichen, der weildischen 
j Zeit aiigehörigen Pfahlsetzungeil ziehen sich auch um den See - 
wall (Eilteiliverder, Dicbesinsel, Liebesinsel) herum und siild 
durch Massen von wendischen Scherben, Eisensachen, morschen, 
im Feuer gewesene» Graniten und arlderen Steiilen, Knochen, 
Hörnem, Geweihen, ausgezeichnet, unter betten die Torfkuh, 
das Torfschwein,''das Wildschwein, der Edelhirsch, das Reh, 
*) Bergt, das Geschichtliche bei Beringuier: Stralauer Fischzug. 
Bär, 187«. S. 157 flg.
        
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