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Periodical volume 15. Januar 1878, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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an dem Quartaltage, der stets acht Tage später von den Gesellen 
auf der Herberge gefeiert wurde, zu betheiligen, was ohne wei 
teres sowieso geschah, da nach alt hergebrachter Sitte die Ge 
sellen es sich nicht nehmen ließen, ihre Junggesellen bei sich ein 
zuführen, diesen dann einen Blumenstrauß mit schwarz-weißen 
Bändern in's Knopfloch zu stecken, welche Decoration, wie über 
haupt die ganze Aufnahme hoch anerkannt und mit einer soge 
nannten Abfindung von einer Tonne Bier, wozu alle 
Junggesellen beitrugen, dadurch' dankend erwiedert wurde. — 
Nun konnte auch der nenaufgenommene Junggeselle zum ersten 
Male öffentlich einen „Tobak" rauchen, wozu demselben eine eigens 
dazu gestopfte lange Kalkpfeipfe, die mit einem Blumenstrauß 
und bunten seidenen Bändern geschmückt war, von dem Altgesellen 
vor offener Lade überreicht wurde. 
Da bei einem jedesmaligen Quartalstage gleichzeitig ein 
Tanzvergnügen, Fahnenschwenken und dergleichen Lustbarkeiten 
stattfanden, so wurden die Meistersöhne, welche zum Gesellen 
gemacht waren, schon von der Straße aus mit einem Musik 
corps eingeholt, und nicht selten waren die Meister mit Frauen 
und Töchtern selbst zugegen, was von den Gesellen sehr geehrt, 
und jeder etwaige Zwischenfall durch solches Erscheinen stets 
vermieden wurde; auch war es den alten Herren persönlich immer 
noch eine altehrwürdige Erinnerung. — 
Zur Vervollkommnung im Berufe mußte jeder Maurergeselle 
mindestens drei Jahre Wanderzeit durchmachen, und bei der 
Rückkehr in die Heimath den reellen Nachweis führen, wo er 
allenthalben gewesen, und bei welchen Meistern er während der 
Wanderzeit gearbeitet hatte. — Dieser Nachweis wurde die 
„Kundschaft" genannt, in der Regel ein recht kunstvoll kalli 
graphisch oder gedruckt ausgeführtes Document mit einer Ab 
bildung derjenigen Stadt, wo solches dem Gesellen ertheilt 
wurde. — Zum Erweise, wie eine solche Kundschaft lautete, 
mag die nachstehende dienen: 
„Wir Geschworene Ober- und andere Meister des zünftigen 
Gewerks der Maurer hiesiger Königlichen Haupt- und Residenz 
stadt Berlin bescheinigen hierdurch, daß Inhaber dieses, der 
Maurergeselle Namens Müller, Friedrich Adolf, 19 Jahre alt, 
von Natur mittel, mit blonden Haaren, gebürtig aus Buxtehude, 
bei uns ein Jahr drei Monat und zwei Wochen in Arbeit ge 
standen, überall sich treu, fleißig und sittsam, wie es einem wohl- 
erfahrenen Maurergesellen geziemt, verhalten hat. — 
Wir ersuchen demnach sämmtliche Herren Mitmeister zünftigen 
Verbandes anderer Orte, unter dem Versprechen der Wechsel 
seitigkeit, Eingangs Genannten nach Kräften dem Gesetz und 
Handwerksgebrauch gemäß zu befördern und zu unterstützen. — 
Urkundlich unter unserer verordneten Unterschrift und Ge- 
werkssiegel. — 
Berlin, den 3. August 1840. 
Gcwerksaffeffor, Altmeisters Meister rc. 
Jemehr solcher Kundschaften, desto größer die Ehre, die 
dem Heimkehrenden zu Theil wurde, denn seine Zulaffung zum 
Meisterexamen hing später sogar davon ab, weil man sich der 
vollen Ueberzeugung hingab, daß ein vielseitig „Gewanderter" 
auch ein vielseitig erfahrenerer Mann sein mußte, als der, welcher 
weniger die Welt gesehen hatte. — 
Noch existirt eine Cabinetsordre des hochseligen Königs 
Friedrich Wilhelm III., daß alle diejenigen, welche die höhere 
Carriere im Baufach einzuschlagen beabsichtigten, nachzuweisen 
hatten, daß sie in einem der beiden Bauhandwerke, „Maurer 
oder Zimmerer", das Examen als Meister bestanden. — Diese 
Königliche Kabinets-Ordre wurde noch — im Jahre 1875 in der 
Vossischen Zeitung in Erinnerung gebracht. 
Daß das Handwerk einen goldenen Boden hat und schon 
frühzeitig in den Kreisen der höheren Gesellschaft hineingezogen 
wurde, derart, daß Minister, Bischöfe, Generale, ja selbst Kaiser 
und Könige ein Handwerk erlernten und zum Zeitvertreib 
trieben, beweist ferner, daß einem alten Herkommen gemäß in 
unserm Königshause fast jeder Prinz mit einem Handwerk be 
traut ist; deswegen sei hier noch erwähnt, daß der hochselige 
König Friedrich Wilhelm IV. vom Maurerhandwerk zu Berlin, 
als dem zugehörig, in hohen Ehren anerkannt wurde, und heut 
noch fest behauptet wird, er sei ein Maurer gewesen. Daß 
Se. Hochsclige Majestät ein tüchtiger Architect war, ist That 
sache, denn davon zeugen namentlich die Kasernenbauten der 
Garde du Corps zu Charlottenburg, sowie bedeutende Bauten 
in Potsdam und Kirchen in Berlin, deren Entwürfe der König 
eigenhändig gefertigt und nach italienischen Bauten auf seinen 
Reisen daselbst scizzirt hat. 
Jeder Maurer mußte sich in der ersten Stadt, in welcher 
er zugereist kam, und wo schon sogenannte fremde Maurergesellen 
in Arbeit standen, dem Zunftverbande anschließen, insofern 
er selbst Arbeit nehmen wollte, da seine Existenz als Maurer 
sonst unmöglich war. — 
Dies geschah nun folgendermaßen, indem wir den jungen 
Gesellen (daher die allgemeine Bennenung „Junggeselle") 
zuerst von Berlin nach Hamburg wollen wandern lassen. — 
Derselbe machte seine Reise selbstverständlich zu Fuß, mit einem 
Reisepaß versehen, der das Motto enthielt: „Wie wird ein 
Jüngling seinen Weg unsträflich gehen? — wenn er sich hält 
nach deinen Worten. Psalm 119, Vers 9". — Das Felleisen 
auf dem Rücken und den Stab in der Hand, durchwanderte er alle 
dazwischen liegenden Städte, kehrte allerorts unbefangen auf der 
Herberge ein, nahm sein Geschenk, bestehend aus Bier und Brannt 
wein entgegen, nachdem er sich zuvor als Maurergeselle durch Vorzei 
gung seines Reisepaffes zu erkennen gegeben hatte, der sich nun 
mehr in Hamburg als Fremder in die ehrbare Zunft aufnehmen 
laffen wollte, und mußte seinen 'vollständigen Namen allenthalben 
in das Fremdenbuch eintragen. — Nachdem nun der Junggeselle 
binnen acht Tagen, von Berlin aus, endlich Hamburg glücklich 
erreicht hatte, entfernte er vor dem Thore den Staub von 
seinen Kleidern, und setzte sich in Positur dadurch, daß er drei 
Knöpfe seines Rockes zuknöpfte, den Hut nach der linken Seite 
rückte, die etwaigen Handschuhe in die Tasche steckte, und nun 
mit dem Felleisen auf der linken Schulter, den Stab in der 
rechten Hand, ohne jede Berührung des Bürgersteiges in das 
vielgepriesene „Nordische Venedig", von Karl dem Großen ge 
gründet, seinen Einzug in die dortige Herberge auf dem 
„Pferdemarkt" hielt. — Hier angekommen, klopfte er mit seinem 
Wandcrstab dreimal an die Thür der Herbergsstube, bis einer 
der anwesenden Maurer dieselbe dem fremden Zugereisten öffnete, 
und mit angefaßtem, etwas gelüftetem Hute demselben entgegen 
trat mit der Frage: „Gesellschaft! sind Sie fremder Maurer"? 
Dies bejahend, sich ebenfalls an seinen Hut faffend, das 
Felleisen von der Schulter in den linken Arm senkend, erwiderte 
nun der zugereiste fremde Maurer also: „Mit Gunst und Er 
laubniß! Ich habe einen ehrbaren und freundschaftlichen Gruß 
abzustatten aus der Königlich Preußischen Haupt- und Residenz 
stadt Berlin, von dem ehrbaren Alt- und Ladenmeister und
        
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