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Volume 1. September 1878, Nr. 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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Schon am 2. October 1764 ging das Haus an die Schutz- 
und Handelsjuden Moses Joel und Abraham Joseph für 
9000 Thlr. über, und es heißt in dem Hypothekenbuche, daß 
dasselbe „zur Zahl der vierzig concessionirten Judenhäuser" 
gerechnet werde, die also eine Erweiterung um zehn gefunden 
hatten. Beide Besitzer kauften das an die Hofseite grenzende 
baufällige Hintergebäude des Alpen'schen Hauses in der Jüden- 
straße für 750 Thlr. dazu, ließen dasselbe abbrechen, und benutzten 
den so gewonnenen Platz als Hofraum. Daher die ungewöhnliche 
Tiefe des durch den modernen Bau eines Quergebäudes in zwei 
Höfe getheilten Grundstücks. 
Nach Joseph's Tode veräußerten dessen acht Kinder die 
ererbte Grundstückshälfte im Jahre 1802 an Moses Joel für 
3800 Thlr. (in Friedrichsd'or), so daß derselbe durch die ihm 
unterm 13. October jenes Jahres von der General-Direction er 
theilte Concession nunmehr alleiniger Besitzer des ganzen Grund 
stücks wurde, zu dem noch eine, in der „großen Freiheit" gelegene, 
Wiese von 37 Quadratruthen gehörte. — Jetziger Besitzer ist 
bekanntlich der königl. Hoflieferant Theodor Hildebrandt. 
So erzählt uns diese steinerne Chronik von vergangenen 
Jahrhunderten, — von dem Wirken vornehmer und mächtiger 
Patricier da, wo jetzt das geschäftige Treiben des Kaufmanns- 
siandes fast alle Spuren des feudalen Mittelalters verwischt hat. 
Wie Vieles ist hier nicht unter der Macht der Zeit gefallen, um 
einer Neuwandlung entgegen zu gehen —: ein Bild unseres 
eigenen Daseins, dessen Hinsinken das Signal zu neuem Leben giebt! 
Die offizielle brandenburgische Geschichtsschreibung zur 
Zeit Friedrich Wilhelms, des großen Kurfürsten. 
(Fortsetzung, statt Schluß.) 
Joachim Pa st orius war der zweite der brandenburgischen 
Staatshistorigraphen. Zu Glogau 1610 geboren, scheint er 
seinen deutschen Namen Hirtenberg, der Sitte jener Zeit ge 
mäß, übertragenzu haben; erst gegen Ende seines Lebens nannte 
er sich egues Polonus Pastorius de Hirtenberg, oder Joachim 
von Hirtenberg Pastorius. Nach Beendigung feiner Studien zu 
Leyden, wirkte er als Doctor der Medizin und professor 
historiarnm in Elbing, und wurde 1652 zum Rector der dortigen 
Gelehrtenschule ernannt. Drei Jahre später tritt er in Danzig 
sein neues Amt als professor honorarius historiarum an, ging 
zur katholischen Kirche über und wurde mit geistlichen und welt 
lichen Würden überhäuft. Mit dem brandenburgischen Hofe trat 
Pastorius 1659 zum ersten Male in Beziehung, nachdem der 
große Kurfürst mit dem polnischen Souverain sich ausgesöhnt hatte 
und in Pommern den Schweden bekämpfte. Durch die Ver 
mittelung des Kanzlers v. Somnitz wurde Pastorius durch die 
unterm 31. October 1659 im Hauptquartier zu Barth ausge 
fertigte kurfürstliche Bestallung zum Staats-Historigraphen er 
nannt. In der Empfehlung des Kanzlers heißt es unter 
Anderm: „Und weil dann bekannt, wie dieser Mann eine 
zierliche und angenehme Arth hat im Lateinischen zu schreiben, 
auch schon etliche feine Stücke seiner Historie an tag gegeben, 
undt Wo von jemandem einige Wirkliche Fortsetzung eines so 
mühesamen Werkes, von ihm zuforderst selbige zu hoffen, ab 
sonderlich aber Ew. Churfl. Durch!, höchst daran gelegen, daß 
auch die Polnische Historie ohne Dero Vorwissen, wie sie 
eingerichtet, nicht ausgegeben werde, so haben wir anheim 
stellen wollen, ob es beliebe, bemeldtem Pastorio den Namen 
Ew. Churfl. Durch!. Listoriograplri nebst einem appointernent 
von etwa 200 Rthlr. jährlich in Gnaden zu verwilligen". Und 
so feiert er denn in seinem „Plorus polonieus^, welches Werk 
ihm einen europäischen Ruf verschaffte, den Kurfürsten und die 
Thaten seiner Truppen und Führer überall, wo solche im Lause 
seiner Darstellung und in ihren Beziehungen zu Polen geführt 
werden, mit größter Hochachtung und Anerkennung in den wohl- 
tönendsten lateinischen Phrasen. Dies scheint es auch allein ge 
wesen zu sein — wie der Herr Verfasser meint, — was Friedrich 
Wilhelm bei der Ernennung dieses Mannes zürn Historiographen 
beabsichtigte. Wenigstens geben die Akten des Pistorius über die 
anderweitige Thätigkeit in seinem neuen Amte keine ferneren 
Aufschlüsse. Als er am 26. December 1681 zu Frauenburg 
starb, war er Pronotarius apostolicus, Canonicus zu Wenn- 
land und Chelm, Oeeanus zu Danzig, Königl. polnischer Histo- 
rieus, Leoretarius und Oomwissarius. 
Die nächste Wahl des großen Kurfürsten zur Schilderung 
des Ruhmes seines Hauses und Landes fiel auf den niederländi 
schen Professor Martin Schookius. Er wurde.am 1. April 
1614 zu Utrecht geboren, besuchte das Gymnasium Hierony- 
mianum in seiner Vaterstadt und, 1629, die Universität Franecker 
in Friesland, woselbst er drei Jahre hindurch philosophische, theo 
logische und mathematische Studien betrieb. Dann nach Utrecht 
zurückgekehrt, verließ er seine Vaterstadt 1638 von neuem, um einem 
Rufe als Professor der Geschichte und Beredsamkeit, der Geographie 
und griechischen Sprache nach Deventer zu folgen. Doch schon 1640 
gab er diese Stelle auf, um in Groningen den Lehrstuhl für 
Physik und Logik einzunehmen. — Der bedeutende, bei Hose 
höchst einflußreiche Domprediger Johann Kunsch von Breitenwalde, 
ein ehemaliger Schüler Schooken's, lenkte zuerst die Aufmerksam 
keit des Kurfürsten auf unseren Gröninger Professor. Dieser 
erstaunte, als er das knrfürstliche Schreiben erhielt, in welchem 
ihm das Historiographenamt angetragen wurde; hatte er sich doch 
um dasselbe weder beworben, noch eine Ahnung davon, wer ihn 
empfohlen hätte, bis er aus einem beiliegenden Brief den Namen 
seines Gönners erfuhr. Die Erfahrungen des großen Kurfürsten 
hinsichtlich seines ersten Historiographen, scheinen ihn bestimmt 
zu haben, dem neuen kein bestimmtes Gehalt zuzusichern, 
sondern nur wirkliche Leistungen entsprechend zu honoriren. So 
dann erwirkte er für seinen Historiographen unterm 14. Juni 
1664 einen sechswöchentlichen Urlaub, um sich im kurfürstlichen 
Archiv zu Berlin für seine Arbeiten unterrichten zu können. 
Schook arbeitete zunächst ein „Memoriale concernens Historiam 
Marchicam“ aus, worin er seine historischen Prinzipien aussprach 
und dem Kurfürsten einen Plan seines Werkes unterbreitete, das, 
bis zum Jahre 1640 reichend, 18 Bücher umfassen sollte; den 
Thaten des großen Kurfürsten wollte er 4 Bücher bestimmen 
und binnen Jahresfrist das Werk bis zum Druck befördern. 
Diesem Memoriale fügte er, als Probe, einen Theil des ersten 
Kapitels in lateinischer Sprache bei, welches der modernen For 
schung gegenüber recht seltsam erscheint. So soll Brandenburg 
ursprünglich Brennaburg, nach Brennus, geheißen haben; der 
Gallierhäupiling wird zu einem Heerkönig der Semnonen umge 
staltet, und die Urbewohner der Mark feiert er als die Eroberer 
der ewigen Stadt. Nach Ablauf der 6 wöchentlichen Frist, er 
wirkte der Kurfürst seinem Historiographen einen längeren Urlaub,
	        
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