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Volume 1. September 1878, Nr. 17

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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brechers. Als kurfürstlicher Raih und Lehns-Sekretarius wurde 
er wegen seiner Verdienste, auf Veranlassung des Kurfürsten 
Johann George, dom Kaiser Karl V. auf dem Reichstage zu 
Augsburg, 1530, in den Reichsadel aufgenommen. Er verstarb 
1562. Sein Sohn Friedrich war 1591 Bürgermeister, und 
suchte, wie ihm in schlichten Worten nachgerühmt wird, der Stadt 
Bestes. Die im Jahre 1599 verheerend auftretende Pest raffte 
ihn am 14, Juni, seine Tochter zwei Tage später, und am 
dritten Tage auch seine Wittwe dahin. Ihn überlebte sein Sohn, 
der Geheime Rath Erasmus, welcher sich besonders unter den: 
großen Kurfürsten verdient gemacht. Als er 1637 den Mark 
grafen Sigismund von Brandenburg als Statthalter nach Kleve 
begleitete, erhob sich während der Seefahrt, unweit Lübeck, ein 
gewaltiger Sturm. Da rief Erasmus den verzagenden Gefährten 
ermuthigend zu: „Getrost! Es ist noch kein Markgraf von Bran 
denburg auf der Ostsee unglücklich gewesen!" Im Jahre 1652 
begleitete er den großen Kurfürsten nach Prag in die Reichs 
stände-Versammlung, lehnte aber hier die ihm vom Kaiser zu 
gedachte Erhebung in den Freiherrnstand ab. Er war mit einer 
Blankenfelde vermählt, und bewohnte das Stammhaus dieses 
Geschlechts — Spandauerstraße Nr. 49. Zugleich gehörte ihm das 
damalige Dorf „Ziegel" (Tegel). Sein prachtvolles Epitaphium 
von rolhem Marmor nennt als Todestag den 30. März 1655. 
Sein Sohn Martin Friedrich Seidel tritt demnächst 
als- Besitzer des Hauses auf, und es entstand hier durch den ge 
lehrten Diplomaten jene Galerie berühmter Männer, die Küster 
1751 unter dem Titel herausgegeben: „M. F. Seidel's Bilder- 
Sammlung, in welcher größtentheils in der Mark Branden 
burg geborene, allerseits aber um dieselbe wohlverdiente 
Männer vorgestellt werden. Mit beigefügter Erläuterung, in 
welcher derselben merkwürdigste Lebensumstände und Schriften 
erzählet werden." Seidel ist, wie Küster in seiner Vor 
rede anführt, nahe der Einzige gewesen, welcher sich (da 
mals) die Historie der Mark hat anlegen sein laffen, und die 
auf eigene Kosten veranstalteten Abdrücke vielleicht nur unter 
Wenige vertheilt hat. Nachher sind die Platten — wie er fort 
fährt, — 100 an der Zahl, in andere Hände gekommen und 
so oft abgedruckt worden, als der Besitzer es für gut befunden. 
Seidel selbst sagt über die Bildnisse, daß man nicht die aller 
größte Kunst allhier zu suchen habe, und mit der Aehnlichkeit 
der Originale sich begütigen müsse. Vielleicht aber haben, fügt 
Küster dieser Entschuldigung hinzu, damals nicht sonderlich ge 
schickte Kupferstecher sich in Berlin befunden; maßen binnen so 
langer Zeit, gleichwie andere, auch diese Kunst höher getrieben 
und mehr excolirt ivorden. Wer wollte auch den Autor, der 
eine löbliche und untadelhafte Absicht gehabt: seines Vaterlandes 
Ehre zu fördern und das Andenken theils seiner Verwandten, 
theils seiner Landsleute, welche sich wohlverdient gemacht haben, 
zu erhalten! — Aber trotz ihrer theilweisen Mangelhaftigkeit in 
der Ausführung, muß die Sammlung mit ihrem schönen Wahl 
spruch: „Eines jeden edlen Bürgers Pflicht ist es, auf die Ehre 
des Vaterlandes zu denken", als ein hochschätzbares Werk an 
gesehen werden. 
Martin Friedrich Seidel, kurfürstlich Brandenburgischer Hof- 
und Kammergerichts-Rath, Erbherr auf Blankenfelde und Klein- 
Schönebeck, ließ nunmehr das auf ihn vererbte Haus in der 
Spandauerstraße uin das Jahr 1650 „repariren", ohne jedoch 
dem ursprünglichen Baustyl und der alten inneren Einrichtung 
Abbruch zu thun. Darauf bezieht sich eine zweite Inschrift auf 
einem Quaderstein, welcher in der Stube linker Hand (gegen 
wärtig zu einem Weißbier-Lokal eingerichtet), befindlich gewesen 
sein soll. Höchst wahrscheinlich wird er hinter dem hohen, fast 
die halbe Wandfläche bedeckenden Spiegel noch vorhanden sein 
Zu jener Zeit der ersten baulichen Veränderung hatte auch 
die Umgebung unseres Hauses ein stattlicheres Aussehen gewonnen. 
Neben dem „Rathhausstuhl" (Gerichtslaube), der einen gewölbten 
Aufbau erhalten, erhob sich der schiefergedeckte Zeigerthurm des 
nach dem letzten Brande 1581 größtentheils neu erbauten Rath 
hauses, — auf seiner Spitze ein vergoldeter Knopf mit dem 
aufrecht stehenden Bären. 
Neben dem Rathhause, auf der Stätte der früheren „Stadt 
schreiberei", war das Haus des Stadtrichters Otto (Nr. 54) 
entstanden. Nr. 53 besaß der Geh. Kammer-Gerichtsrath Wolf 
gang Bevert; Nr. 52 der bekannte Geh. Kammerrath Lindholz, 
welcher in Ungnade siel. Nr. 51 bildete die Ecke der damaligen 
Nagelgasse. Das gegenüberliegende Eckgrundstück (Nr. 50) ist 
nach dem Neubau des jetzigen Rathhauses, gleich den vorgenannten, 
auf welchen jener emporwuchs, bis auf einen schmalen Streifen 
verschwunden —: über dasselbe hinweg wurde, an Stelle der 
mitbebauten Nagelgasse, die Rathhausstraße angelegt. 
Betreten wir nun auf dem mit breiten Fliesen gepflasterten 
Flurgange das Innere unseres Hauses, so gehört dasselbe augen 
scheinlich drei verschiedenen Bauperioden an. Zunächst ist es der 
vordere, an die Fluchtlinie der Spaudauerstraße grenzende Seidel- 
sche Bau, aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, mit seiner später 
veränderten Fahnde. Der Flur wird von einer starken Quer 
mauer mit gewölbter Pforte durchbrochen — es ist die alte 
Mauer des Blankenfclde'schen Stammhauses. Wir schreiten hin 
durch und erblicken über uns die alten Kreuzgewölbe, welche mit 
den abgegrenzten Gemächern zur Rechten und Linken in Ver 
bindung stehen, und hier von einer starken Mittelsäule getragen 
wurden. Unverändert dagegen sind die Gemächer geblieben — 
jetzt freilich zu Küchen und Schlafzimmer rc. eingerichtet. Schlank 
steigen hier die hohen Kreuzgewölbe empor, als Reste altgothischer 
Baukunst in Berlin. Die Rippen vereinigen sich in einem 
Schlußstein, während ihre Console in den vier Wandecken kunst 
voll gearbeitete, leider aber zum größten Theil zerstörte männliche 
und Frauenköpfe darstellen. Die Formen dieser Gewölbe, welche 
an den äußeren Seitenwänden, etwa 6 Fuß vom Boden, mit je 
einem spitzbogigen Fenster versehen sind, erinnern lebhaft an 
unsere verschwundene Gerichtslaube. Jene Fenster - aber sprechen 
dafür, daß zwischen den angrenzenden Häusern die schon erwähnten 
freien Gänge sich befanden, welche dann, wie der Augenschein 
ergiebt, zur Verbreiterung des Hauses benutzt wurden. 
Zweiundsicbenzig Jahre nach dem Seidel'schen Anbau gelangte 
das Haus in den Besitz des Hofpredigers Wahrendorff, welcher 
dasselbe (am 21. April 1722) von den Procurator Staerke'schen 
Erben für 3325 Thlr. erwarb. Von den Erben des Ersteren 
kaufte es dann, am 15. Juni 1756, der Hof- und Kammer 
musikus Benoni Pape für 4000 Thlr. Als demnächstiger Be 
sitzer tritt mit königlichem Konsens der Schutz- und Handelsjude 
Wulf Riedel auf, welcher laut Kaufbrief vom 24. September 1759 
die Summe von 3500 Thlrn. dafür zahlte. 
Durften die Juden noch unter König Friedrich Wilhelm I. 
kein Besitzthum in Berlin erwerben, so wurde ihnen dies von 
Friedrich dem Großen in beschränkter Weise nachgegeben. Und 
so zählte jenes Haus denn zu den dreißig, welche die Inden 
bis 1763 besitzen durften.
	        
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