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Volume 1. August 1878, Nr. 15

Full text: Der Bär (Public Domain) Issue4.1878 (Public Domain)

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Zunächst ist constatirt worden, daß die Kirche im Innern 
ein Rohziegelbau gewesen, im Material vorzüglich, wie Lehnin 
und Chorin. Wie lange dieser geblieben, ist schwer zu sagen; 
vermuthlich ist die Decorationsmalerei durch Gardinen auf Gyps- 
verputz, der, außer im Chor, auf der ganzen Südseite vorhanden 
war, noch aus der katholischen Zeit, vielleicht 1460 bei der 
großen Renovation angebracht worden. Vor der ursprünglichen 
Wand, deren Bogenprofile durchgehends mit schönen Formsteinen 
geziert sind, liegt im ersten Geschoß eine Mauer von ein bis 
zwei Steinen Dicke, welche die Nischen und Unebenheiten zwischen 
den Denkmälern hat ausgleichen sollen. — Bei der Entfernung 
dieser Wand resp. des Putzes sind verschiedene interessante Denk 
mäler, Wappen und allegorische Verzierungen zu Tage gekommen. 
Das Bedeutendste unter ersteren, ein großes Sculptnrwerk aus 
dem 16. Jahrhundert, mit jenen wunderlichen Ornamenten der 
Pluderhosenzeit, ist leider, da man vandalischer Weise grade 
in die Mitte einen Tragebalken des Chors eingestemmt hat, 
sehr beschädigt; dennoch sind eine Reihe Darstellungen auf dem 
selben, z. B. die Verkündung der Hirten, erhalten. Merk 
würdig auf diesem Bilde sind die Worte des Engels: „Ich 
verkündige Euch große Freude" rc. in Spiegelschrift auf ver 
goldetem Felde. 
Das vom Unterzeichneten s. Z. entdeckte große Wandgemälde, 
das jüngste Gericht, ist mit vieler Mühe nun auch ganz blos 
gelegt worden, so daß die Composition des Bildes völlig zu er 
kennen ist. Zu den untersten mit Minuskelschrift umgebenen 
Feldern sind noch zwei Darstellungen, aus dem Himmel und 
aus der Hölle, hinzugekommen; tvährend oben, als richtende 
Gewalt, Christus auf dem Regenbogen thronend, die rechte Hand 
segnend erhoben und von Heiligen umgeben, erschienen ist. Die 
ganze riesige Darstellung wird, in Form und im Anschluß an 
die Wandfläche, von einem gothischen Bogen aus rother Farbe 
eingefaßt. Wir haben hier unstreitig die älteste bildliche Dar 
stellung in der Mark, und wohl auch die eines heimischen Pinsels 
vor Augen. 
Absolute Conturmalerei, bei der sich nur die Farbe der 
Figuren von der Farbe des Grundes abhebt. Unter der Fläche 
des Bildes ist die Feldsteinwand des Thurmes, und wir 
können, von dem Gesichtspunkt ausgehend, daß diese Wandfläche 
von gedachtem Material sich nie roh dem Auge der Andächtigen 
präsentirt haben wird, unter dieser Frescoschicht aber keine andre 
Kalkschicht ist, sie als mit der Feldsteinwand zusammen 
entstanden annehmen; die Malerei also in das Ende des 
13., sicher aber in den Anfang des 14. Jahrhunderts verlegen. 
Die Untersuchung der analog gelegenen Fläche auf der Schluß 
wand der Kirche ergab die in bunten Farben sehr roh aus 
geführte Darstellung eines Glasfensters. 
Noch ein Frescogemälde aufzufinden, war dem Unterzeichneten 
vorbehalten. Noch zur Zeit des unverputzten Inneren der Kirche 
hat man das Wandfeld in der nordöstlichen Ecke zur Anbringung 
eines Bildes: Christus auf dem Wege nach Golgatha, benutzt. 
Die Arbeit, etwa aus dem Ende des 15. Jahrhunderts, hatte 
(wir müsien in der Vergangenheit sprechen, denn leider ist es, 
ohne eine Abbildung davon vorher zu nehmen, abgeschlagen 
worden, und für die Erhaltung fehlten zu große Stücke, die in 
früherer Zeit schon entfernt worden) — künstlerischen Werth. 
Die Figur des Christus fehlte, sein wohlgelungener, man möchte 
sagen, schöner Kopf war völlig erhalten; unversehrt waren ferner 
die beiden Räuber, welche gefesselt der Henker, in voller Tracht, 
wie wir ihn in Beschreibungen aus dem Mittelalter finden — 
rother Mantel, Helm, eiserne Keule oben mit einer Spitze — 
führte. Ganz oben schaute über einer großen zerstörten Fläche 
noch der Kopf des Simon von Kyrene hervor, der durch das in 
schräger Stellung, wie ein griechisches X (das Andreaskreuz) 
dargestellte Kreuz des Herrn gleichsam eingerahmt erschien. 
Gehen wir nun zu dem, was unter der Erde gefunden ist, 
über, so erfahren wir zunächst eine kleine Enttäuschung. Die 
Tradition hatte die Kirche vor 1817, zu welcher Zeit sie eine 
Erhöhung und Pflasterung des Fußbodens erfahren, mit Grab 
steinen bedeckt gewesen sein lassen; diese endlich zu finden, darunter 
die zahlreichen Grabkammern der alten Berliner Geschlechter, war 
kaum fraglich. Nichts von alledem im Schiff der Kirche, überall 
5—6 Fuß Schutt, unter dem die Gebeine längst dahin ge 
schwundener Geschlechter namenlos ruhen. Nur ein noch nicht 
untersuchtes kleines Gewölbe, besten Steine auf hohes Alter 
deuten, liegt im Schiff an der nordöstlichen Thür. Waren hier 
dereinst Gewölbe, die längst verschüttet sind, oder hat man die 
Todten, wie draußen, innen einfach in der-Erde bestattet? Nur 
hinter dem Altar sind einige Grabkammern im Grunde der 
Kirche aufgefunden worden, die, sei es, weil keine Gewölbe unter 
den Außennischen mehr frei' waren, sei es, weil die Verstorbenen 
in Verbindung zur Kirche standen, dort angelegt worden sind. 
Es ist immer interessant zu prüfen, wie unter den verschiedenen 
Verhältnissen der Leib des Menschen zu Staub wird. Hier war 
dazu Gelegenheit; drei Grabkammern mußten, da eine Central- 
heizüng angelegt werden soll, geöffnet werden. Die erste Gruft 
war die des 1576 verstorbenen zweiten evangelischen Probstes 
Thomas Brendike, des Nachfolgers des berühmten Buchholzer. 
Eine enge Oeffnung mußte in die Decke, die nach Einscnkung des 
Sarges einst von Außen vermauert worden, eingebrochen werden, 
durch diese vorsichtig hinabgestiegen, sah man bei Laternenlicht 
die völlig nackten Gebeine des Probstes wie auf einer schwarzen 
Sammetschicht liegen. Sie war von Allem, was nicht Gebein 
war, entstanden. Fleisch, Bekleidung, Sarg, alles ein weicher, 
drei Zoll hoher schwarzer, lockerer, feuchter Staub, der unter den 
Füßen des Stehenden in eine dünne Schicht zusammenging; nur 
acht gewaltige Sarggriffe und ein federleichtes Blumenstrauß 
gerippe waren dem Gebot des zu Aschewerdens entgangen. Aber 
was war das? der Schädel des Probstes lag auf dem Gesicht?! 
Sollte er sich im Grabe umgedreht haben? Nein, auch hier im 
Schoße der Erde geht's noch natürlich zu; man hatte, um den 
Sarg nicht von unten ohne Luft zu lasten zwei Schwellen ge 
mauert; der Hals war, als Alles unter ihm in Staub versunken, 
auf solche gekommen und hatte den befreiten Kopf nicht länger 
zu halten vermocht. — 
Eine andre Gruft daneben, die eines berliner Schöffen aus 
dem Anfange des vorigen Jahrhunderts, ließ drei ziemlich er 
haltene Särge erkennen. Ganz aus der Linie dieser, nach dem 
Altar concentrisch liegenden Kammern, wurde eine mit einem 
mächtigen Steine geschloffene Gruft gefunden, die Aufschrift lautet 
(ohne Jahreszahl): 
Hic situ sunt ossa conjugum immaturo funere ex- 
tinctorum yiri incomparabüis JOH. FRID LOEPERI, Regi 
a sanctioribus consiliis; Uxorisque tanto manto *) (?) dignis- 
simae CHR MAR LOEPERIAE sit ipsis placata mitis- 
que tellus. 
*) marito.
	        
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