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Periodical volume 15. Juni 1878, Nr. 12

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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letzter Gewisien, wohl gern wieder einfinden würden, wann 
Sie nur Pardon wegen ihres Verbrechens zu hoffen hätten, 
und darüber Versicherung erhielten; So haben Höchstgedachte 
Se. König!. Majestät sich dadurch vor diesesmahl bewegen 
lassen, und darauf in Gnaden resolviret, lassen solches auch 
jedermänniglich hierdurch bekandt machen, daß Sie allen denen 
Deserteurs sie mögen seyn von Dero Infanterie, Cavallerie, 
Dragouner, oder Husaren, welche Reue über ihre schwere 
Versündigung haben, und denen cs ein Ernst ist, Jhro König 
liche' Majestät forthin in Dero Krieges-Diensten treu und 
redlich zu dienen, wann sie sich vom I. Februarii 1738. an 
zurechnen, in Zeit von drey Monahten in der einen oder 
andern von Sr. Königlichen Majestät Grentz-Städten wieder 
einfinden, und als zurückkommende Deserteurs melden, und 
dem nechst von dannen unverzüglich sich zu ihren Regimentern, 
wobey sie gestanden, zurückbegeben, den vollkommenen Pardon 
hiermit dahin ertheilen, daß alle und jede solche zurückkommende 
Deserteurs krasit dieses öffentlichen Publieati, nicht allein 
von aller Straffe, und Ahndung gantz frey seyn, und bleiben, 
und ohne allen Vorwurff hinwieder zu ihren vorigen' Diensten 
zugelassen werden sollen, sondern auch dererjenigen Nahmen, 
welche der Desertion halber etwa schon an die Justiz ge 
schlagen worden, davon wieder abgenommen, und sie nach 
Krieger Gebrauch wieder ehrlich gemachet werden, und Ihnen 
oder den Ihrigen ihre bisherige Desertion, und was deshalb 
wieder Sie erkandt und geschehen, niemahlen zu einem Vor 
wurff noch zu einiger Hinderung in irgend einem Notier 
oder Profession gereichen solle. Und damit die aus diesen 
general-Pardon zurückkommende Deserteurs Sr. König!. 
Majestät Gnade für diesesmahl desto vollkonimener in der 
That empfinden mögen; So sollen diejenigen, welche davon 
in das erste Glied zu stehen kommen, 30 Rthlr., die im vier 
ten Gliede 20 Rthtr., die im zweyten 15 Rthlr. und die im 
Dritten 10 Rthlr. von dem Offizier, in dessen Compagnie 
sie wieder kommen, so fort baar zu empfangen haben. Auch 
wird dieser Königlicher generai-Pardon hiemit zugleich allen 
und jeden vollkommen ertheilet, welche bey denen Königlichen 
Regimentern irgendwo, es sey wo es wolle, enrollirt gewesen, 
und ausgetreten sind, wann dieselben sich ebenfalls in Zeit von 
Drey Monahten in irgend einer König!. Stadt wieder ein- 
finden, und sich demnechst unverzüglich bei demjenigen Regiment 
und Compagnie, wobey sie enroiliret sind, wieder angeben, 
und dabey treu verbleiben. Die zurückkommende, sie mögen 
seyn Desertirte, würckliche Soldaten und Unter-Ossieiers, 
oder auch nur Enrollirte, sollen von der ersten Stadt, wo 
sie sich einsinden, von Garnison zu Garnison an die Regi 
menter, worunter sie gehören, oder wobey sie enroiliret sind, 
gantz frey und sicher gebracht, und eseortiret werden; Zur 
Uhrkund alles deffen lasten Seine Königliche Majestät diesen 
Dero generai-Pardon für alle bisherige Deserteurs und 
ausgetretene Enrollirten durch den öffentlichen Druck publi- 
ciren, damit ein jeder dererselben, sich danach achten, und 
derer Ihnen hiedurch annoch declarirter Gnaden in Zeiten 
theilhafftig machen könne; Bey Beharrung aber in ihren 
Meyneyd, Ungehorsam und weiterem Aussenbleiben, auch desto 
härtere Straffen unnachbleiblich zu gewärtigen haben. 
8ignatum Berlin, den 31. Deeembris 1737. 
,t o Fr. Wilhelm. 
^ } F. M. v. Viebahn" 
Literatur. 
Ueber dm Skavismus der Kthik. Von E. Handtmann. 
Gotha 1878. 8. 149 S. 
„So soll denn dieser Blätter Bestimmung sein, den ersten 
Wurf im deutschen Denk- und Sprachgebiete zu Nutz und From 
men der Deutschen selber für das gute Recht des Slavcnthnms 
zu wagen. Als Preuße, als Kurbrandenburger, mache ich mich 
in den folgenden Zeilen an ein Beginnen, auf welchem ich nach 
meinem eigenen Wissen und nach den offen an mich ergangenen 
Erklärungen wohlmeinender Freunde wie übeldeutcndcr Gegner 
noch keine Vorgänger gehabt habe". (S. 3.) Der Verfasser, 
Prediger in Seedorf bei Lenzen, bricht in der anregenden Schrift 
nicht blos eine Lanze für die Rechte und Bedeutung des Slaven- 
thums, sondern vindicirt demselben, wie wir gleich sehen werden, 
eine ungemein wichtige Rolle für Brandenburg und Preußen. 
„Die Monatsschrift (muß heißen Halbmonatsschrift!) „Der Bär" 
hat dieses Gebiet bisher noch nicht genügend betreten." (S. 8.) 
Wir können dem Verfasser hierin Recht geben; doch hat „Der 
Bär" oder sein Mitarbeiterkreis seine guten Gründe dafür. Denn 
kein archäologisches Gebiet ist noch weniger gründlich durchackert, 
als gerade das Wendenthum in der Mark, und vorsichtige Forscher 
mögen auf dem wenig Thatsächlichen, was bisher sicher festgestellt, 
noch keine weittragenden Schlüsse aufbauen. Um nur einen Punkt 
— die Anthropologie der Wenden — zu berühren, so körnten 
wir uns den heidnischen Wenden noch nicht einmal körperlich 
konstruiren. Es ist, unseres Wissens, nicht ein einziges Wenden- 
Skelett aus der Mark bekannt, ja kaum hier und da ein Schädel. 
Ferner, während wir für die sogenannte Steinzeit, für das Volk 
der Hügelgruben, für das germanische Bronzevolk ein überaus 
reiches Fundmatcrial besitzen, sind wendische Kultur-Reste ungleich 
seltener. 
Mit den sicheren Sprachresten des Wendenthums steht es 
entsprechend trübe in unserer Mark aus. Wir brauchen wohl 
kaum daran zu erinnern, wie verschiedenartig, je nach der 
linguistischen Liebhaberei, besonders die Ortnamen bald keltisch, 
bald germanisch, bald slavisch, ja sogar finnisch gedeutet werden. 
Handtmann kennt die Dürftigkeit der anthropologischen, 
ethnologischen, antiquarischen und linguistischen Reste des Wendcn- 
thums ganz wohl, trotzdem kommt er zu ganz positiven Resultaten 
über die Stellung des Slavcnthums bei uns, und zwar auf 
Grund social-wissenschaftlicher und ethischer Studien, 
wie er denn seine Schrift selbst: sociale und ethischeBildcr 
in politischem Rahmen betitelt. 
Ihm ist die völkerpsychologische Verschiedenheit des nord 
östlichen Deutschlands seit seiner Kindheit aufgefallen, mit Liebe 
hat er sich darin vertieft und er glaubt nun den Schlüssel des 
Räthsels in dem Slavismus, d. i. in dem slavischen Geist und 
Gemüth gefunden zu haben, wovon die ungeheure Majorität 
unserer Bevölkerung, namentlich die Landbevölkerung, beseelt sei. 
So ist dem Verfasser der Brandenburger nur der 
Sprache nach Deutscher, in allem andern — Wende, 
Slave. 
Es ist bekannt, wie der auffallende Unterschied des branden- 
burgisch-preußischen Wesens von der Art der übrigen Deutschen, 
namentlich seit der Erhebung Preußens von 1864 an Gegenstand 
wissenschaftlicher Untersuchungen im In - und Auslande geworden 
ist. Herr von Quatrefages hat hierauf seine „berühmte" 
raee prussienne gegründet. Nach ihm sind die Preußen 
als Gesammtmasse, als völkerspychologisches Produkt, 
keine Deutschen, sondern Finnen. Er stimmt mit Handtmann 
darin vollkommen überein, daß er die „preußische Rasse" als durch 
aus verschieden von der deutschen Bevölkerung Germaniens trennt, 
der Franzose kommt aber zu dem diametral entgegengesetzten 
Resultat: die brandenburgisch-preußische Raffe steht an ethischem 
Werth hinter der deutschen weit zurück. Sie vereint Schlauheit 
mit Roheit. In schlauer Weise hat der „finnische" Preuße, dessen.
        
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