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Periodical volume 1. Juni 1878, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 4.1878

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wanderten Wallonen resp. Schweizern zur Andachtsübung dienen 
konnte, geht auch daraus hervor, daß die übrigen Refugiö's schon 
früher ihren Gottesdienst im Dom und gleichzeitig in der 
Torotheenstädtischen Kirche abhielten. 
Jene Kapelle lag vor dem umfangreichen Merian'schen 
Garten an der damaligen „Scheunengasse", wie der ältere Theil 
der heutigen Kommandantenstraße, als damalige Communication 
außerhalb des 1658 entstandenen Fortisicationswalles, nach den 
auf Verordnung des großen Kurfürsten aus der Stadt hierher 
verlegten Scheunen genannt wurde, hinter denen die Gärten 
ihrer Besitzer sich ausdehnten. Fidicin sagt nun, und wohl 
mit Recht: diese Kapelle hieß die „Wallonen-Kirche", weil sie 
für die eingewanderten Wallonen bestimmt war. Vorzugsweise 
aus Gärtnern bestehend, hatten diese sich in der Köpenicker Vor 
stadt angesiedelt und betrieben hier den künstlichen Gartenbau in 
den rings um die „Bullenwiese" angelegten Gärten. Später 
gelangte der Merian'sche Garten in den Besitz eines gewissen 
Jouanne, nach welchem dann die „Scheunengasse" eine Zeit 
lang „Jouannen-Gasse" hieß, im Volksmunde aber „Schwanen 
gasse" genannt wurde. 
Diese Umwandlung einer Scheune zur Kapelle darf uns 
nicht befremden. Wurde doch der Gottesdienst für die Mit 
glieder der heutigen Luisenstädtischen Gemeinde, bei ungünstiger 
Witterung, anfänglich in einer, nur mit einem Predigtstuhl und 
rohen hölzernen Bänken ausgestatteten Bretterbude abgehalten, 
während dies bei günstigem Wetter unter den Bäumen des 
Kirchhofes geschah. 
Den übrigen Refugid's und denen, welche sich in der 
Dorothcenstadt niedergelassen, war, wie bereits erwähnt, der 
Dom und die 1687 vollendete Dorotheenstädtische Kirche ein 
geräumt worden. Zu ihnen gehörten sicher auch die zuletzt ein 
gewanderten Orangisten, welche unweit der letztgenannten Kirche 
ihr „Maison d’Orange“ (Dorotheenstraße 23) als Armen- und 
Krankenhaus besaßen, das König Wilhelm von England von 
dem französischen Prediger Beausobre zu diesem Zweck hatte an 
kaufen lassen. 
Bei dem stetigen Wachsthum auch der französischen Ge 
meinden mußte bald auf den Besitz eines eigenen Gotteshauses 
für dieselben Bedacht genommen werden. Schon 1699 hatte Kur 
fürst Friedrich III. für die im Dom sich versamnielnden Refu- 
giö's das ehemalige kurfürstliche Reithaus auf dem Werderschen 
Markt bestimmt, 'welches seit 1645 zum Ringel- und Quintain- 
Rennen, sowie zur Aufbewahrung des Jagdzeuges diente. Nach 
Grünebergs Zeichnungen wurde daffelbe nunmehr von Simonetti 
im schlichten Styl zu einer Kirche umgewandelt, und gleichzeitig 
der Werderschen (deutschen) Gemeinde überwiesen. Die Ein 
weihung fand am 1. Mai 1701 statt; der Wiederabbruch er 
folgte 1821, um der nach Schinkels Plan im Jahre 1830 voll 
endeten Werderschen Kirche zu weichen. — Gleichzeitig, am 
30. Mai 1701, fand die Grundsteinlegung zum Bau der 
französischen Kirche auf dem Gensdarmen-Markt für die Be 
sucher der Dorotheenstädtischen Kirche, und, ebenfalls an einem 
ersten Mai des Jahres 1705, die Einweihung dieses, von 
Ca hart nach dem Plan der ehemaligen Kirche zu Chareton er 
bauten Gotteshauses statt. Den Thurm vor derselben ließ 
bekanntlich Friedrich der Große errichten. 
Wenden wir uns nun der Wallonen - Kapelle in der 
Köpenicker Vorstadt wieder zu, so wurde dieselbe am 17. Fe 
bruar 1719 zur Pfarrkirche erhoben, und demnächst im Jahre 
1727 auf ihrer Stätte mit dem Bau des jetzigen Gotteshauses 
begonnen, zu dem General Forcade, auf Befehl des Königs, 
den Grundstein legte. Die Einweihung erfolgte am 27. März 
1728, und die Kirche wurde zugleich den von der umfangreichen 
Werderschen Gemeinde getrennten Refugie's überwiesen. 
Was nun den Namen „Melonen" für Wallonen-Kirche 
betrifft, so heißt es in einer französischen Schrift „Nswoirss 
bist. xubliees 1828": Die Kirche heißt jetzt die Luisen 
städtische. Ob sie zunächst namentlich für die eingewan 
derten Wallonen bestimmt war und deshalb Wallonen-Kirche 
genannt wurde, und diese Benennung sich in Melonen-Kirche 
verunstaltete, oder ob dieser letztere Name der ursprüngliche ist 
und der Kirche von den Obst- und Melonengärten gegeben wurde, 
die in ihrer Nähe lagen und vielleicht von französischen Flücht 
lingen angelegt waren, ist kaum zu unterscheiden." 
Wir erachten die erstere Anführung für zutreffend. Was 
zuvörderst die Benennung „Luisenstädtische" Kirche anlangt, so 
muß es allerdings auffallend erscheinen, zwei gleichnamige 
Kirchen in einem Stadttheil vorzufinden. Denn nachdem, auf 
das Ansuchen der Bewohner der Köpenicker Vorstadt, dieselbe 
mittelst Kabinets - Ordre vom 4. April 1802 den Namen 
„Luisenstadt" erhalten hatte, wurde vier Tage später dieser 
Name auch auf die Kirche ausgedehnt, welche bisher nach dem 
um ihre Erbauung hochverdienten Rathmann Sebastian Nethe 
seit 1795 die „Sebastian"-Kirche hieß. Nach dem Tode der 
Königin bat der Magistrat um die Genehmigung, der Kirche 
den Namen „Luisen"-Kirche beilegen zu dürfen, welche Be 
nennung, ohne Beimischung fremdartiger Ideen, das Andenken 
an die hohe Verklärte, welche die Freude und das Glück ihrer 
Unterthanen war, noch der spätesten Nachkommenschaft erhalten 
werde. Die Kurmärkische Regierung genehmigte unterm 27. Sep 
tember 1810 das Gesuch. Wahrscheinlich legte nun erst die 
französisch-reformirte Kirche sich den Namen „Luisenstüdtische" 
bei, während König Friedrich Wilhelm III. mittelst Kabinets- 
Ordre vom 28. August 1837 befahl, den Namen „Luisen"- 
Kirche wieder aufzuheben. Jene Genehmigung sei ohne sein 
Wissen erfolgt, und in der Benennung „Luisenstadt"-Kirche 
bleibe der Name unverletzt, welcher dem Andenken Seiner ver 
ewigten Gemahlin gewidmet sei. Seitdem ist jener Name der 
Kirche erhalten geblieben. 
In Bezug auf die Wallonen-Kirche sagt eine zweite, eben 
falls 1828 in deutscher Sprache erschienene, zwei Octavblätter 
umfassende Schrift: „Sie wird zuweilen auch Melonen-Kirche 
genannt, weil diese Frucht vorzüglich durch die französischen 
Gärtner hier bekannt wurde; nicht etwa — Wallonen-Kirche, 
von den Wallonen oder Pfälzerkolonien, die sich gar nicht in 
Berlin niedergelassen haben". Dieser Annahme widerspricht die 
geschichtliche Thatsache; insbesondere sei auf Bachmanns vor 
treffliche Geschichte der Luisenstadt verwiesen. Wenn aber der 
Herr Verfechter jener Annahme im „Bär" hinzufügt: dem Ber 
liner habe der Name „Melonen"-Kirche zu profan geklungen, 
und er dafür Wallonen-Kirche — weshalb diesen Namen, 
wenn überhaupt keine Wallonen in Berlin eingewandert sein 
sollen? — „ausgedüftelt", so können wir dies Argument bei 
dem bekannten Hange der Berliner, gerade das ihnen 
Fremdartige zu corrumpiren, nicht gelten lassen. So ent 
stand gleichzeitig aus der ihnen sprachlich unbequemen Jouan 
nen-Gasse eine Schwanen-Gasse, aus der Jnfanten-Brücke 
wurde eine „Elephanten"-Brücke u. s. f. Weshalb nicht auch
        
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