Path:
Periodical volume 15. Mai 1878, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 4.1878

97 
Daß die Fischer, von ihrem Standpunkte aus, auch wohl einige 
Berechtigung haben, den Pritzstabel nicht für einen staatlichen Beamten 
zu halten, geht wohl auch daraus hervor, daß die Behörde, wenn 
sie in Angelegenheiten, die den Pritzstabcl betreffen, nicht gehörig 
unterrichtet ist, sich das Gutachten der Fischer ausbittet. Dies zeigte 
sich besonders in Folgendem: 1817 mußte der Pritzstabcl Friedrich 
wegen hohen Alters sich durch seinen Sohn vertreten lassen, dieser 
vernachlässigte den Dienst so sehr, daß an die Anstellung eines 
neuen Pritzstabels gedacht werden mußte. In dieser Lage nun 
veranlaßte die Regierung den Fischerei-Pächter Kaumann zu einem 
Gutachten, der sich dahin aussprach, daß der eigentliche Uebelstand 
dieser schlechten Beaufsichtigung wohl in dem Rechte des Pritz 
stabels liege, selbst fischen zu dürfen. Und nun fügt Kaumann 
hinzu, er sei erbötig, dem Pritzstabcl ein Gehalt von 50 Thalern 
jährlich aus seiner Tasche zu zahlen, wenn diese Berechtigung 
jenem genommen würde, damit er seine ganze Zeit und Aufmerksam 
keit auf die Erfüllung seines Amts verwenden könne. Es müßte aber 
dann das Rent-Amt, statt der bisherigen 7 Thaler, dem Pritz- 
stabel 100 Thaler geben, damit er leben könne. Und in Folge 
dieses Gutachtens erhielt der Pächter Kaumann das Recht, selbst 
einen neuen Pritzstabcl anzustellen, was dann in der Person des 
Invaliden Carl Judis im Jahre 1823 geschah. 
Ist somit nicht ein eigenthümliches Verhältniß geschaffen? 
Es soll also der Pritzstabcl den Pächter, der ihn bezahlt und an 
gestellt hat, amtlich beaufsichtigen und die etwaigen Uebergriffe 
desselben zur Anzeige bringen! Das Sonderbare seines Dienst 
verhältnisses überhaupt geht übrigens wohl am Besten daraus 
hervor, daß bestimmt ist, es solle ihm bei plötzlicher Verarmung 
eine Unterstützung aus dem Armenfonds gegeben werden — 
für einen Beamten, der Andere zu beaufsichtigen und zu Geld 
strafen anzeigen soll, gewiß ein im Preußischen Staate abnormes 
Verhältniß. 
Und noch in neuerer Zeit ereignete sich ein Vorfall, der 
auch nicht die Meinung erweckt, die Pritzstabcl werden von den 
Fischern als eine staatlich geheiligte Person betrachtet. Er hat, 
wie schon oben erwähnt, gleich den anderen Fischern auch den 
Pächter der siscalischen Fischereien in fiscalischem Interesse zu 
beaufsichtigen und erhält von diesem einen Haupttheil seines 
Einkommens. Als nun eines Sonntags Morgen des Jahres 1863 
der Pritzstabcl Henning auf dem Hofe des Fischereipächters Kraatz 
erschien und die aufgehängten Netze abschneiden wollte, weil sie nach 
der ihm gegebenen Instruction gesetzwidrig sein sollten, gestattete 
dies Kraatz nicht und entfernte ihn vielmehr mit Hilfe seiner 
Fischerknechte von seinem Grundstück. Aus diesem Vorfall ent 
standen allerlei Beschwerden. Kraatz verbot dem Pritzstabcl das 
Betreten seines Grundstücks und der Pritzstabcl verlangte in Folge 
dessen sein monatliches Gehalt vom Amte Mühlenhof, da er es 
nicht aus der Wohnung des Fischereipächters abholen dürfe, 
Kraatz verlangte seinerseits die Absetzung Hennings als Pritzstabcl 
und erklärte, sie brauchten überhaupt keinen Pritzstabcl mehr, was 
die Regierung ihrerseits wieder für unstatthaft fand. Die ganze 
Sache wurde dann in Güte von den Parteien beigelegt. 
Die schon früher angeregten Vorschläge zur Beseitigung des 
Institut der Pritzstabcl wurden 1867 wieder aufgenommen, doch 
hat man ihn im Jntercffe des Domänen-Fiscus fortbestehen lasten. 
Er ist jetzt ein Unterbeamtc der Domänenverwaltung und erhält 
als solcher ein Jahresgehalt von durchschnittlich 775 Mark, und 
wenn auch noch im Großen und Ganzen seine Befugnisse dieselben 
geblieben sind, so haben sie doch einen größeren staatlichen Rück 
halt und es kann wohl jetzt nicht mehr der Fall eintreten, daß 
der Pritzstabcl, wenn er unvermuthet in Stralau zur Revision 
erscheint, vom Schulzen Tübbecke sich sagen lassen muß: Das war 
doch früher nicht. 
Wie kam das Haus Dorotheenstraße 9 ;u dem Damen 
„der Hiihnerhof"? 
Herr Heidepriem schreibt an den Vorsitzenden des Vereins 
für die Geschichte Berlins, Herrn Geh. Hofrath L. Schneider: 
„Bei Gelegenheit der Sichtung und Vernichtung längst ver 
jährter und unnütz gewordener Familienpapiere, fand ich in einem 
entwertheten Hypothekendocument auch die beiliegende Schenkungs 
urkunde, und wurde mir aus derselben die Bestätigung, weshalb 
noch in den vierziger Jahren das von meinem Vater lange Zeit 
zu seinem Heu- und Fourage-Geschäft benutzte Grundstück sich im 
Volksmunde als der sogenannte Hühnerhof bekannt, erhalten 
hatte. 
Es liegt hier der Fall vor, daß 1704 das erwähnte Grundstück 
von oben herab verschenkt, und nachdem es 1788 für 12,000 Thlr. 
Gold, 1817 für 24,000Thlr. und 1857 von den Heidcpriem'schen 
Erben für 60,000 Thlr. verkauft, also nach c. 160 Jahren von 
unserm Nachbesitzer I. Landsberger für 100,000 Thlr. zum Ab 
bruch von der Regierung zurückerworben wurde. 
Früher Letzte Straße Nr. 6, späterhin Dorotheenstraße Nr. 9, 
bildete das Grundstück gegenüber der alten Sternwarte den viel 
benutzten Durchgang nach der Georgcnstraße Nr. 30 zu Gropius, 
da auch schon damals die Universitätsstraße den Verkehr der Stu 
denten zu Mitscherlich, von Heinr. Rose aus, nicht bewältigen 
konnte. 
Vom 19. Mai 1788 bis 1817 im Besitz des Artillerie- 
Tischlermeister Peters, war cs 1817 und 1818 vorübergehend 
im Besitz des bekannten Fabrikanten Chr. Aug. Jannowitz und 
kam 1818 in die Hand meines Vaters, des Königs. Fourage- 
Lieferanten I. T. Heidepriem, verblieb nach dessen Tode 1841 
noch bis 1857 in dieser meiner Familie, also 40 Jahre. 
Vor etwa 15 Jahren kaufte dann das Ministerium der 
geistlichen Angelegenheiten dasselbe für 100,000 Thlr., und be 
nutzte den hinteren Theil mit dem anstoßenden Garten von Prof. 
Hoffmann zur Erbauung des chemischen Universitäts-Laboratorium, 
und späterhin dann den nach der Doroiheenstraße hinaus gele 
genen, zum Bau der in neuerer Zeit fertig gewordenen Univer 
sitäts-Bibliothek. 
Potsdam, den 15. April 1878. 
Heidepriem, 
am heiligen See Nr. 3." 
Das diesem Brief beiliegende Aktenstück ist eine Petition 
des Leib-Kutschers I. Wernicke, und lautet: 
„Allerdurchlauchtigster Großmächtigster König, 
Allergnädigster Herr. 
Cw. Königl. Majestät danke ich alleruuterthänigst vor 
die Gnade, daß Sie mir ein Plätzchen zum Hauß-Bau aller- 
gnädigst zu versprechen geruhen wollen, Und weil ich in der 
Stadt keinen Platz anzutreffen weiß, also bitte Ew. Königl. 
Majestät hiermit alleruuterthänigst, Sie wollen die Königl. 
Gnade mir thun, und mir denjenigen Ort hinter dem Königl. 
Marstall auf der Neustadt, alwo das alte Hühner-Hauß stehet, 
allergnädigst zu schenken geruhen. Vor diese Königl. Gnade 
werde ich und die Meinigen alleruuterthänigsten Dank zusagen
        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.