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Volume Nr. 1, 01.01.1877

Contents : Der Bär (Public Domain) Ausgabe 3.1877 (Public Domain)

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sein  muß  als  jetzt;  eine  Urkunde  vom  Jahre  1193  (Riedel,
cod.  diplom.  Brandenb.  I,  10.  p.  183)  erwähnt  wenigstens
Las  Dorf  Rädel  (Radele)  cum  stagno  adiacente,  welcher  jetzt
nicht  mehr  vorhandene  See  mit  dem  Gohlitzer,  von  dem  sich  eine
niedrige  Wiese  bis  Rädel  und  Schwine  erstreckt,  eins  gewesen
sein  könnte,  wenn  man  nicht,  wie  es  gewöhnlich  geschieht,  das
in  derselben  Urkunde  genannte  Göritz  enm  stagno,  welches
sonst  nicht  nachzuweisen  ist,  für  den  Gohlitzsee'  mit  dem  gleichnamigen, ­
  der  Sage  nach  in  ihm  untergegangenen  Dorf  halten  will.
Die  ganze  Gegend  war,  soweit  sie  festes  Land  bot,  in  ältester ­
  Zeit  niit  dichtem  Wald  bedeckt,  und  noch  jetzt  finden  sich
schöne  Exemplare  von  Eichen,  Buchen  und  Linden;  doch,  so  wie
man  den  Rand  des  Plateaus  betritt,  in  welches  Lehnin  eingesenkt
ist,  ändert  sich  die  Vegetation  mit  einem  Schlage,  es  beginnt
sofort  die  dürftige  Kiefernheide,  wie  man  dies  besonders  auf  dem
Wege  nach  Nahmitz  beobachten  kann.
Einen  prächtigen  Blick  aus  das  ganze  ehemalige  Seebecken
genießt  man  von  der  Oberförsterei,  welche  an  dem  ziemlich  steil
nach  Rädel  zu  sich  erhebenden  Berge  malerisch  unter  hohen  Bäumen ­
  versteckt  liegt;  und  nicht  minder  anziehend  ist  die  Aussicht
von  dem  kleinen  hölzernen  Luginsland  bei  der  Schiffbauerei  am
Klostersee,  namentlich  bei  Abcndbeleuchtung,  oder  bei  Mondschein
von  den  Bergen  bei  Kaltenhausen  auf  die  von  dort  in  ihrer
ganzen  Ausdehnung  sich  dem  Beschauer  darbietenden  Klostergebäude, ­
  hinter  denen  wieder  der  Spiegel  des  Klostersees  blinkt.
Weniger  verlockend  war  das  Bild,  welches  sich  den  ersten
aus  Sittichenbach  hier  einziehenden  Mönchen  bot.  Zu  den
Hindernissen,  welche  die  unwirthliche  Natur  entgegenstellte,  kamen
die  Feindseligkeiten  der  Bewohner*),  die  zwar,  wie  die  Geschichte
von  Jahrhunderten  lehrt,  dem  Christenglauben  an  sich  gar  nicht
besonders  abhold  waren,  durch  die  Grausamkeit  der  christlichen
Sieger  aber  und  durch  die  Habgier  des  Clerus  in  eine  Opposition ­
  gedrängt  wurden,  die  sich  nach  endgiltiger  Unterwerfung  der
Wendenländer  zu  Ende  des  12.  Jahrhunderts  in  hartnäckigem
passivem  Widerstand  äußerte,  bis  ein  noch  unaufgeklärtes  Ereigniß ­
  sie  zu  offener  Gewaltthat  und  Ermordung  des  Abtes  Seboldus
  führte.
Stellt  man  sich  die  damalige  Situation  recht  lebhaft  vor,
so  kommt  man  zu  der  Ueberzeugung,  daß  zur  Anlegung  des  Klosters
kaum  ein  Ort  hätte  gefunden  werden  können,  welcher  besser  der
Cisterzienserregel,  sich  stets  in  niedrig  gelegenen,  feuchten,  sumpfigen ­
  Thälern  anzusiedeln,  entsprach,  —  eine  Regel,  welche  der
hl.  Benedict  in  der  allegorischen  Redeweise  seiner  Zeit  folgendermaßen ­
  motivirt  und  empfiehlt:  „In  den  Thälern  ist  die
Fruchtbarkeit;  dort  gedeihen  die  Pflanzen,  hier  findet  man  die
vollen  Aehren;  hier  findet  man  hundertfältige  Frucht.  Die  Thäler
hört  man  überall  da  nennen,  wo  die  Demuth  gepriesen  wird.
Dort  pflanzt,  wo  die  Wasser  fließen,  denn  da  ist  die  Fülle  geistlicher ­
  Gnade!  An  dem  Ort  laßt  uns  feststehen,  damit  wir  nicht
verdorren  und  uns  nicht  bewegen  lasten  durch  jeden  Wind."
(Winter,  d.  Cisterzienser  d.  nyrdöstl.  Deutsch!.  I.  p.  6.)  Man
möchte  daher  annehmen,  daß  die  Mönche  den  Platz  aus  eigenster
Entschließung  gewählt,  nicht,  daß  er  ihnen,  wie  die  Sage  will,
durch  Otto  I.  angewiesen  worden.  Die  Erzählung  von  dem
*)  Für  wie  unsicher  man  damals,  und  noch  später,  unsere  Havelgegenden ­
  hielt,  zeigt  ein  Schreiten  des  Papstes  Cölestin  II.  v.  I.  1197,  in
welchem  er  bedauert,  daß  der  Propst  Heinrich  von  Brandenburg  „in  medio
nationis  pravae  et  perversae,  scilicet  Inter  Slavos  et  inimicos  Christian! ­
  nomiuis  constitutus“  sei  (Riedel  c.  d.  B.  I.  8.  p.  122).

beängstigenden  Traum,  welcher  die  Veranlassung  zur  Klostergründung ­
  gewesen  sein  soll,  bleibt  daneben  ganz  gut  bestehen*).  Die
unaufhörlichen  Angriffe  des  Hirsches,  von  denen  Otto  träumte,
legte  er  sich  aus  als  Verkündigung  ihm  bald  drohenden  Todes,
denn  der  Hirsch,  in  der  germanischen  Mythologie  ein  heiliges
Thier,  war  dem  Mittelalter  zu  einem  von  bösen  Geistern  gesendeten ­
  Todesboten  geworden,  wie  denn  auch  der  Volksmund  den
mit  dem  Markgrafen  kämpfenden,  und  den  auf  dem  Klostersee
erscheinenden  Hirsch  gradezu  als  den  Teufel  bezeichnet  (Kuhn,
Märk.  Sag.  No.  73.  Kritzinger,  Kloster  Lehnin  und  seine
Sagen.  Lehnin  1876.  p.  67.  In  Konrads  von  Würzburg
goldener  Schmiede  dagegen  ist  der  Hirsch  ein  Sinnbild  Gottes).
Durch  dieses  meineiito  mori  geschreckt,  beschloß  Otto,  dem  Geiste
seiner  Zeit  gemäß,  ein  Kloster  zu  gründen,  mit  der  ausgesprochenen ­
  Absicht,  dadurch  die  Macht  des  Teufels  zu  bekämpfen  und
dereinst  in  den  heiligen  Klostermauern  dem  jüngsten  Tage  entgegenzuschlummern.
  Dem  entsprechend  sagt  denn  auch  Ottos
Sohn,  Albrecht  I.,  sein  Vater  habe  das  Kloster  frommen  Gemüths
  gegründet:  ob  remedium  animae  suae  et  totius  parentelae
  suae  (Urk.  v.  I.  1208,  Riedel,  eod.  I.  10.  p.  191).
Daß  seine  Wahl  bei  Besetzung  des  Klosters  auf  die  Cisterzienser ­
  fiel,  findet  eine  Erklärung  darin,  daß  dieselben  damals
auf  der  Höhe  ihres  Ruhmes  standen,  und  daß  er  selbst  ihren
zweiten  frommen  Stifter  St.  Bernhard,  den  eifrigen  Gegner
Abälards,  wahrscheinlich  bei  seinen  Kreuzzugpredigten  kennen  und
schätzen  gelernt  hatte;  vielleicht  erwartete  er  auch  von  ihrer
Frömmigkeit  besonderen  Schutz  gegen  fernere  Versuchungen  des
Satans  —  St.  Bernhards  Attribut  ist  wenigstens  ein  gefeffelter
Teufel.  Aber  sicher  spielten  auch  politische  Motive  dabei  eine
Rolle.  Zur  Germanisirung  und  Kultivirung  des  durch  seine
und  seines  Vaters  Bemühungen  errungenen  Wendenlandes  gab
es  kein  besseres  Mittel,  als  die  Stiftung  von  Klöstern,  (es  ist
unrichtig,  wenn  Fontane,  Ost-Havelland  p.  66  bereits  Albrecht
dem  Büren  das  Verdienst  zuschreibt,  dieß  erkannt  und  ausgeführt ­
  zu  haben)  und  im  Besonderen  die  Ansiedlung  der  einfachen, ­
  frommen,  arbeitsamen  Cisterzienser,  welche  ihr  verdienstvoller ­
  Geschichtsschreiber  Winter  treffend  eine  Vereinigung  von
Bauer,  Handwerker  und  Asketen  nennt.  Die  Entwässerung  und
Urbarmachung  der  Sumpflandschaften,  in  denen  sie  sich  niederließen, ­
  die  Kultur  des  Getreide-,  Wein-  und  Obstbaues**)^  welch

*)  Die  Quelle  der  andern,  in  Riesels  .Ausflügen  und  Ferienreisen'"
V.  p.  111  mitgetheilten  Gründungssage  ist  mir  unbekannt.  Nack)  Pulkawas
  Gründungssage  riethen  Ottos  I.  Diener  ihm,  an  der  Stelle  des
Traums  eine  Burg  zu  errichten.  Ganz  ähnliches  wird  von  der  Gründung
des  Klosters  Heiligcngrabe  durch  Otto  den  Langen  erzählt.  (Riedel,  eod.
I.  1.  p.  465.)  Fälschlich  läßt  Schwebet  in  seinen  sonst  vortrefflichen
„kulturhistorischen  Bildern  aus  der  alten  Mark  Brandenburg"  p.  49,  369
diesen  Hirsch  ein  Kreuz  zwischen  dem  Geweih  tragen.  Es  liegt  eine  Verwechselung ­
  mit  der  Vision  Joachims  B.  vor  (Beckmann,  histor.  Beschreibung ­
  der  Chur-  u.  Mark  Brandenburg.  I.  Bd.  Sp.  783,  wo  Hafftitz
citirt  wird,  welcher  indessen  (p.  128)  nur  eines  Hirsches  überhaupt  Erwähnung ­
  thut.  Temme,  Volkssagen  der  Altmark:c.  p.  96).
**)  Wir  haben  die  Lehniner  Mönche  als  Väter  der  Wcrderschen  Obstcultur ­
  zu  betrachten.  Bereits  1193  (Riedel,  eod.  I.  10  p.  184  wird
Weinbau  des  Klosters  erwähnt,  nicht  erst  1196  wie  Winter  (II.  270)
angiebt.  Wie  wohl  der  damals  gekelterte  Wein  gemundet  haben  muß,
geht  daraus  hervor,  daß  der  Ritter  Rudolf  und  seine  Gattin  Bia
i.  I.  1219  bei  Abtretung  des  Dorfes  Stangenhagcn  an  das  Kloster  sich
neben  andern  Gefällen  die  jährliche  Lieferung  einer  bedeutenden  Quantität
weißen,  im  Klosterweinberg  gewonnenen  Weins  ausmachten.  (Riedel,
eod.  I.  10  p.  194.)
            
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