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sein muß als jetzt; eine Urkunde vom Jahre 1193 (Riedel,
cod. diplom. Brandenb. I, 10. p. 183) erwähnt wenigstens
Las Dorf Rädel (Radele) cum stagno adiacente, welcher jetzt
nicht mehr vorhandene See mit dem Gohlitzer, von dem sich eine
niedrige Wiese bis Rädel und Schwine erstreckt, eins gewesen
sein könnte, wenn man nicht, wie es gewöhnlich geschieht, das
in derselben Urkunde genannte Göritz enm stagno, welches
sonst nicht nachzuweisen ist, für den Gohlitzsee' mit dem gleichnamigen,
der Sage nach in ihm untergegangenen Dorf halten will.
Die ganze Gegend war, soweit sie festes Land bot, in ältester
Zeit niit dichtem Wald bedeckt, und noch jetzt finden sich
schöne Exemplare von Eichen, Buchen und Linden; doch, so wie
man den Rand des Plateaus betritt, in welches Lehnin eingesenkt
ist, ändert sich die Vegetation mit einem Schlage, es beginnt
sofort die dürftige Kiefernheide, wie man dies besonders auf dem
Wege nach Nahmitz beobachten kann.
Einen prächtigen Blick aus das ganze ehemalige Seebecken
genießt man von der Oberförsterei, welche an dem ziemlich steil
nach Rädel zu sich erhebenden Berge malerisch unter hohen Bäumen
versteckt liegt; und nicht minder anziehend ist die Aussicht
von dem kleinen hölzernen Luginsland bei der Schiffbauerei am
Klostersee, namentlich bei Abcndbeleuchtung, oder bei Mondschein
von den Bergen bei Kaltenhausen auf die von dort in ihrer
ganzen Ausdehnung sich dem Beschauer darbietenden Klostergebäude,
hinter denen wieder der Spiegel des Klostersees blinkt.
Weniger verlockend war das Bild, welches sich den ersten
aus Sittichenbach hier einziehenden Mönchen bot. Zu den
Hindernissen, welche die unwirthliche Natur entgegenstellte, kamen
die Feindseligkeiten der Bewohner*), die zwar, wie die Geschichte
von Jahrhunderten lehrt, dem Christenglauben an sich gar nicht
besonders abhold waren, durch die Grausamkeit der christlichen
Sieger aber und durch die Habgier des Clerus in eine Opposition
gedrängt wurden, die sich nach endgiltiger Unterwerfung der
Wendenländer zu Ende des 12. Jahrhunderts in hartnäckigem
passivem Widerstand äußerte, bis ein noch unaufgeklärtes Ereigniß
sie zu offener Gewaltthat und Ermordung des Abtes Seboldus
führte.
Stellt man sich die damalige Situation recht lebhaft vor,
so kommt man zu der Ueberzeugung, daß zur Anlegung des Klosters
kaum ein Ort hätte gefunden werden können, welcher besser der
Cisterzienserregel, sich stets in niedrig gelegenen, feuchten, sumpfigen
Thälern anzusiedeln, entsprach, — eine Regel, welche der
hl. Benedict in der allegorischen Redeweise seiner Zeit folgendermaßen
motivirt und empfiehlt: „In den Thälern ist die
Fruchtbarkeit; dort gedeihen die Pflanzen, hier findet man die
vollen Aehren; hier findet man hundertfältige Frucht. Die Thäler
hört man überall da nennen, wo die Demuth gepriesen wird.
Dort pflanzt, wo die Wasser fließen, denn da ist die Fülle geistlicher
Gnade! An dem Ort laßt uns feststehen, damit wir nicht
verdorren und uns nicht bewegen lasten durch jeden Wind."
(Winter, d. Cisterzienser d. nyrdöstl. Deutsch!. I. p. 6.) Man
möchte daher annehmen, daß die Mönche den Platz aus eigenster
Entschließung gewählt, nicht, daß er ihnen, wie die Sage will,
durch Otto I. angewiesen worden. Die Erzählung von dem
*) Für wie unsicher man damals, und noch später, unsere Havelgegenden
hielt, zeigt ein Schreiten des Papstes Cölestin II. v. I. 1197, in
welchem er bedauert, daß der Propst Heinrich von Brandenburg „in medio
nationis pravae et perversae, scilicet Inter Slavos et inimicos Christian!
nomiuis constitutus“ sei (Riedel c. d. B. I. 8. p. 122).
beängstigenden Traum, welcher die Veranlassung zur Klostergründung
gewesen sein soll, bleibt daneben ganz gut bestehen*). Die
unaufhörlichen Angriffe des Hirsches, von denen Otto träumte,
legte er sich aus als Verkündigung ihm bald drohenden Todes,
denn der Hirsch, in der germanischen Mythologie ein heiliges
Thier, war dem Mittelalter zu einem von bösen Geistern gesendeten
Todesboten geworden, wie denn auch der Volksmund den
mit dem Markgrafen kämpfenden, und den auf dem Klostersee
erscheinenden Hirsch gradezu als den Teufel bezeichnet (Kuhn,
Märk. Sag. No. 73. Kritzinger, Kloster Lehnin und seine
Sagen. Lehnin 1876. p. 67. In Konrads von Würzburg
goldener Schmiede dagegen ist der Hirsch ein Sinnbild Gottes).
Durch dieses meineiito mori geschreckt, beschloß Otto, dem Geiste
seiner Zeit gemäß, ein Kloster zu gründen, mit der ausgesprochenen
Absicht, dadurch die Macht des Teufels zu bekämpfen und
dereinst in den heiligen Klostermauern dem jüngsten Tage entgegenzuschlummern.
Dem entsprechend sagt denn auch Ottos
Sohn, Albrecht I., sein Vater habe das Kloster frommen Gemüths
gegründet: ob remedium animae suae et totius parentelae
suae (Urk. v. I. 1208, Riedel, eod. I. 10. p. 191).
Daß seine Wahl bei Besetzung des Klosters auf die Cisterzienser
fiel, findet eine Erklärung darin, daß dieselben damals
auf der Höhe ihres Ruhmes standen, und daß er selbst ihren
zweiten frommen Stifter St. Bernhard, den eifrigen Gegner
Abälards, wahrscheinlich bei seinen Kreuzzugpredigten kennen und
schätzen gelernt hatte; vielleicht erwartete er auch von ihrer
Frömmigkeit besonderen Schutz gegen fernere Versuchungen des
Satans — St. Bernhards Attribut ist wenigstens ein gefeffelter
Teufel. Aber sicher spielten auch politische Motive dabei eine
Rolle. Zur Germanisirung und Kultivirung des durch seine
und seines Vaters Bemühungen errungenen Wendenlandes gab
es kein besseres Mittel, als die Stiftung von Klöstern, (es ist
unrichtig, wenn Fontane, Ost-Havelland p. 66 bereits Albrecht
dem Büren das Verdienst zuschreibt, dieß erkannt und ausgeführt
zu haben) und im Besonderen die Ansiedlung der einfachen,
frommen, arbeitsamen Cisterzienser, welche ihr verdienstvoller
Geschichtsschreiber Winter treffend eine Vereinigung von
Bauer, Handwerker und Asketen nennt. Die Entwässerung und
Urbarmachung der Sumpflandschaften, in denen sie sich niederließen,
die Kultur des Getreide-, Wein- und Obstbaues**)^ welch
*) Die Quelle der andern, in Riesels .Ausflügen und Ferienreisen'"
V. p. 111 mitgetheilten Gründungssage ist mir unbekannt. Nack) Pulkawas
Gründungssage riethen Ottos I. Diener ihm, an der Stelle des
Traums eine Burg zu errichten. Ganz ähnliches wird von der Gründung
des Klosters Heiligcngrabe durch Otto den Langen erzählt. (Riedel, eod.
I. 1. p. 465.) Fälschlich läßt Schwebet in seinen sonst vortrefflichen
„kulturhistorischen Bildern aus der alten Mark Brandenburg" p. 49, 369
diesen Hirsch ein Kreuz zwischen dem Geweih tragen. Es liegt eine Verwechselung
mit der Vision Joachims B. vor (Beckmann, histor. Beschreibung
der Chur- u. Mark Brandenburg. I. Bd. Sp. 783, wo Hafftitz
citirt wird, welcher indessen (p. 128) nur eines Hirsches überhaupt Erwähnung
thut. Temme, Volkssagen der Altmark:c. p. 96).
**) Wir haben die Lehniner Mönche als Väter der Wcrderschen Obstcultur
zu betrachten. Bereits 1193 (Riedel, eod. I. 10 p. 184 wird
Weinbau des Klosters erwähnt, nicht erst 1196 wie Winter (II. 270)
angiebt. Wie wohl der damals gekelterte Wein gemundet haben muß,
geht daraus hervor, daß der Ritter Rudolf und seine Gattin Bia
i. I. 1219 bei Abtretung des Dorfes Stangenhagcn an das Kloster sich
neben andern Gefällen die jährliche Lieferung einer bedeutenden Quantität
weißen, im Klosterweinberg gewonnenen Weins ausmachten. (Riedel,
eod. I. 10 p. 194.)