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Periodical volume 1. August 1875, Nr. 9

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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in der Linken das Evangelium, in der Rechten einen Palmenzweig 
haltend; ihr Gewand ist ein Schleier. Nach des berühmten Berliner 
Kupferstechers Daniel Chodowiecki Entwurf, und nach Kamblv's Modell 
wurde dieselbe von Köhler in Potsdam angefertigt. Nach Chodowiecki's 
und Rode's Zeichnungen sind ferner die Basreliefs über den Blenden 
des unteren großen Vierecks gefertigt, in denen Jeremias, Ezechiel, 
Joseph von Arimathia, Daniel mit dem Löwen, Samuel mit der 
Krone und dem Oelhorn, Jesaias mit der Zange und glühenden 
Kohlen neben sich, sitzen. Jene Basreliefs stellen dar: die Einsetzung 
der Taufe, die Geburt Christi, seine Kreuzigung, Auferstehung und 
Himmelfahrt, die Ausgießung des heil. Geistes, und die Einsetzung 
des Abendmahls. In den Giebelfeldern sind dargestellt, gegen Morgen: 
die Bergpredigt; gegen Mittag: Christus und die Sainariterin ani 
Brunnen; gegen Mitternacht: Christus begegnet den Jüngern auf 
dem Wege nach Emmaus. Auf den Giebeln befinden sich, und zwar 
nach Morgen: die Hoffnung, auf den Anker gestützt; die Liebe, in 
dem Bilde zweier Kinder; der Glaube, mit einem Schleier und Kelch 
in der Hand. An der Mitternachtsseite: die Geduld, mit einem Joch 
auf den Schultern; das Mitleid, welches Geld austheilt, daneben 
ein Topf mit einem Brode; die Güte, mit dem Symbol eines Pelikans, 
der feine Jungen mit feinem Blute nährt; an der Mittagsfeite: die 
Dankbarkeit mit einem Storch als Symbol, welcher seine Alten auf 
deui Rücken fortführt; die Wohlthätigkeit mit einer goldenen Kette 
in der einen, und den drei Huldgöttinnen der sanften, menschen 
freundlichen Empfindungen in der anderen Hand; schließlich die 
Mäßigung mit Zügel und Gebiß. Auf den Couronnements stehen 
die vier Evangelisten; in den Blenden ani runden Dom die Apostel 
Judas, Matthias, Bartholomäus, Jakobus d.J., Simon und Matthäus 
mit ihren Attributen. Die darüber befindlichen Basreliefs stellen dar: 
die Unschuld — ein Mädchen, welches sich die Hände wäscht, neben 
ihr em Lamm; die Andacht, mit der Fackel vor einem Rauchfaß 
knieend; der Eifer, ein Greis mit einer Lampe und Geißel; die Liebe 
gegen Gott — ein junger Mann, dein eine Flamme ans der Brust 
lodert; die Nächstenliebe, welche in Gestalt eines Jünglings sich eines 
armen Kindes annimmt; und endlich die Seligkeit, mit Lorbeern be 
kränzt in den Wolken schwebend. — Die Erbauung des Thurmes 
erforderte die verhältnißmäßig nur geringe Summe von 175,000 
Thalern. Um das Kirchengebäude, außerhalb des dasselbe umgebenden 
Kirchhofes, ließ König Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1736 die Ställe 
für das Regiment Gensd'armes erbauen, deren Beseitigung dann im 
Jahre 1773 erfolgte. Nach ihnen führt der Platz feinen Namen. 
Der Kirchhof wurde schon vorher, durch Kabinets-Ordre ck. ä. Char 
lottenburg, den 6. Juli 1740, geschlossen, dagegen gestattete Friedrich 
der Große die Beisetzung von Leichen in dem Gotteshause. Hier 
auch wurde die 200jährige Feier des Bestehens der französisch-reformirten 
Gemeinde im Jahre 1872 begangen. 
Die Schliichterrviese. 
Lenken wir unsere Schritte aus dem Häusermeere der Residenz 
nach der Hasenhaide, so giebt uns das unter dem Namen der „Schlächter 
wiese" allgemein bekannte und jetzt zuni Theil bebaute Terrain vor 
und längs der Haide einen Theil der ältesten Geschichte unserer Vater 
stadt an die Hand. 
Wie jeder Ort, der zur Stadt erhoben wurde, so erhielten auch 
Berlin und Cöln, als aust'teigende Schwesterstädte, um das Jahr 
1220 Aecker, Wiesen, Weiden und Waldung als Dotation. Der 
Stadttheil Cöln, deffen ursprüngliches Weichbild — außerhalb der 
von der Spree und ihren Armen gebildeten Insel — in denjenigen 
Ländereien bestand, welche sich von dieser Insel aus über einen Theil 
der heutigen Luisenstadt, den Friedrichswerder und die Friedrichsstadt 
bis in den Thiergarten hinein erstreckten, erhielt vom Markgrafen auch 
die Urlake, welche sich vom Rixdorfer Damm bis zur Schöneberger 
Grenze hinzog. 
Diese „Urlake", Erlenlake, Lake oder Bruch, war ein ursprünglich 
bruchiges und mit Erlen bewachsenes Terrain, welches den Bürgern 
das nöthige Brennholz gewährte. In seinem östlichen Theil wird 
dieses Holzungsrevier seit neuerer Zeit „Schlächterwiese" und irrthümlich 
auch Urban genannt. 
Schon im Jahre 1416 wurde das Terrain als Bürgerholzung 
von der Stadt umhegt, und wir ersehen aus alten Prozeßakten, daß 
in jenem Jahre ein Bürger, Namens Kulbatz, gehenkt wurde, weil 
er auch die „Landwehr" (wie damals die Urlake hieß) aufgehauen 
und Holz der Bürger gestohlen hatte. 
Um das Jahr 1430 machten die Bauern von Tempelhof, das 
damals noch im Besitze des Johanniter-Ordens war, Ansprüche auf 
das Eigenthum oder die Mitbenutzung des Holzungsreviers. Der 
Streit darüber erneuerte sich von Zeit zu Zeit mit immer größerer 
Heftigkeit, bis es, wie ein alter Zeuge bekundete, endlich zu einem 
förmlichen Kriege kam, in dem der Ordens-Comthur mit dreihundert 
Pferden (Ordensrittern) und den Bauern von vier Dörfern die Stadt 
Cöln überlief. Die wackeren Berliner eilten jedoch ihrer Schwester 
stadt zu Hülse, und mit vereinte» Kräften wurden die Ritter und 
Bauern zurückgeschlagen. Um indessen die gefährliche Nachbarschaft 
loszuwerden, kauften beide Städte den Johannitern die Tempelhofer 
Güter ab. 
Die Grenzlinie des Holzungsreviers führte über die Sandhügel 
hinter dem Johannistische, und auf einem derselben stand eine alte 
Warte oder Landwehr. Ebendaselbst befand sich auch das Halsgericht 
oder die Feimstätte der Stadt Cöln, aus welcher im Jahre 1440 ein 
„armer Sünder", Wetzet genannt, abgethan und ein gewisser Fink 
geviertheilt wurde. Auch der bekannte Junker von Otterstädt endete 
hier (1513) durch Henkershand. 
Zu jener Zeit begab es sich nämlich, daß ein Berliner Kaufmann, 
von einer Reise mit seinem gelösten Gelde zurückkehrend, unfern der 
Stadt in der Spandauer Haide von mehreren Reitern überfallen und 
beraubt wurde. Die Räuber knebelten den Unglücklichen an Händen 
und Füßen und warfen ihn in einen Sumpf. Dennoch gelang es 
dem Beraubten, sich seiner Bande zu entledigen und glücklich die 
Stadt zu erreichen, wo er Hülfe und Gerechtigkeit von dem Kurfürsten 
Joachim I. erflehte. In der Umgebung desselben hatte der Bittende 
einen der Räuber wiedererkannt, und der Schuldige verrieth durch 
seine Bestürzung seine ehrlose That. Die Geschichte nennt ihn einen 
Herrn von Lindenberg, und obschon der Bösewicht bei dein jungen 
Kurfürsten in besonderer Gunst stand, so ließ dieser doch der Gerechtig 
keit freien Lauf — der Bösewicht erlitt durch Henkershand die ver 
diente Strafe. 
Ei» großer Theil des Adels hatte sich für den Uebelthäter beim 
Kurfürsten verwendet; da aber Joachim gegen alle Vorstellungen taub 
blieb, beschlossen die Spießgesellen des Hingerichteten, Rache an dem 
jungen Kurfürsten zu nehmen, welcher zu ihrem Nachtheile das Recht 
»nt so unerbittlicher Strenge handhabte. An der Spitze der Ver 
schwörer stand jener Herr von Otterstädt, welcher die Frechheit soweit 
trieb, daß er an die Wand des kurfürstlichen Schlafgemaches die 
Drohworte schrieb: „Jochimke, Jochimke, Hüde dy! Fangen wy dy, 
so hangen wy dy!" 
Joachim ließ sich hierdurch von seinem Vorsatze nicht abbringen, 
den Straßenräubereien ein Ende zu machen. Nun beschlossen Jene 
die Ausführung ihres blutigen Vorhabens. Von einer Anzahl seiner 
Mitverschworenen begleitet, lauerte Otterstädt dem Kurfürsten während 
der Jagd in der Köpenicker Haide auf; aber 'sein glücklicher Stern 
rettete den jungen Fürsten. Ein Landmann, welcher durch das dichte 
Gehölz seine Straße zog, bemerkte die verkappten Reiter und begegnete
        
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