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Periodical volume 1. Juli 1875, Nr. 7

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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fachen, durch keine Inschrift kenntlich gemachten Steines zu ver 
stehen. Auf dem Südchore der Kirche hängt, fast unbeachtet, 
die Votiv-Tafel eines Verstorbenen. Ein junger, blasser Ritter 
ist darauf in schwarzer Rüstung dargestellt, ein weißer Feder 
mantel umgiebt seine Schulten,; fein Schild, mit zwei Leoparden, 
und sein Helm, mit einem schwarzen Adler geziert, hängen über ihni. 
In einer, die Anschauungen mystischer Theologie verrathenden Dar 
stellung sehen wir das wehmüthige, schöne Haupt des Ritters zu dem 
Heiland erhoben, welcher mit den Emblemen seiner Schmach, der 
Geißel und dem Rohrstab, vor ihm steht, und aus dessen Wunden 
sich fünf Blutströnie in den Kelch des Abendmahls ergießen. Es ist 
nicht allein das hohe Alter und der künstlerische Werth, es ist zugleich 
auch eine große geschichtliche Erinnerung, welche uns an die beiden 
Monumente festelt. Die Unischrist des Bildes nämlich lautet: „Anno 
domini 1412, an St. Columbans Abend, verschied der hochgeborne 
Herr Johannes von Hohenlohe, dem Gott genade." 
An diesem Tage ist's und am Cremmer Damme — eine Wahl 
statt, wo schon oft der Boden von Pommern- und Märkerblut sich 
geröthet hat, — da treffen auch heut wieder die Pommernherzöge 
mit dem nenen Herrn der Mark, dem Burggrafen Friedrich, zusammen; 
es handelt sich heut um Ehre und Besitzthum des neuen Statthalters, 
um die Früchte jahrelanger Bemühungen nm Kaiser und Reich. Heiß 
wogt der Kanipf hin und her; auch die pommerschen Schwerter führen 
wuchtigen Schlag; den alten wendischen Herren des Ostseelandes winst 
heut' endlich die Besteiung von dem verhaßten Bande der Lehnsherr 
schaft, welches die Märker um ihren Nacken geworfen haben. So 
wird gestritten bis an den späten Abend; da trennen sich die Kämpfenden, 
keiner darf sich den Sieg zuschreiben, aber die Pommern weichen zurück. 
Die blutige Schlacht kostete drei Freunden des Markgrafen Leib und 
Leben: Gras Johann von Hohenlohe, Kraft von Leutersheim und 
Philipp von Utenhoven, drei Franken, welche dem zollerschen Freunde 
in sein neues Amt gefolgt waren, hatten die Treue gegen Friedrich 
mit dem Leben bezahlt oder Wunden bis auf den Tod davongetragen. 
Alle drei wurden in der Klosterkirche, welche für das „hohe Haus" 
die Stelle einer Hofkirche vertrat, bestattet; Friedrich errichtete ihnen 
Grabmale, welche nun bis auf die erwähnten beiden Reste verschwunden 
sind; aber noch immer errinnert das jugendlich schöne Antlitz des 
fränkischen Grafen an jene Zeit, da die Herrschaft der Hohenzollern 
in den Marken begründet wurde. 
Wir treten die Stufen des Chores hinab. Vor ihnen liegt eine 
lange Reihe alter, gänzlich abgcftetener Grabsteine; wir konnten auf 
dem einen derselben nur die Jahreszahl 1322 entdecken. Vielleicht, 
daß diese Steine die Ruhestätten mehrerer Fürstlichkeiten bezeichnen, 
welche, wie Herzog Ernst von Sachsen und Kunigunde von Ballen- 
städt, während des 14. Jahrhunderts sich hier im Gewände des Fran 
ziskaner-Ordens bestatten ließen, um der Verdienste desselben theil 
haftig zu werden. Besser erhalten sind die Grabmale an der nörd 
lichen Wand der Kirche, an welche einst der Kreuzgang sich anschloß. 
Eine einfache Tafel mit dem geschachten Wappenschilde erinnert an 
das Geschlecht der Grafen von Hohenstein, welche später Schwedt 
und Vierraden erwarben, — ein andrer Schild an der gegenüber 
liegenden Wand an die Herren von Stein, von denen die Zollern 
1497 das Ländchen Zossen erbten. Die lange Reihe von Grab 
steinen hinter der schön geschnitzten Kanzel nimmt nun unser besondres 
Interesse in Anspruch; sie entstammt den verschiedensten Jahrhunderten, i 
und es erscheinen in ihr die einfachen Steine des 14. und 15. Jahr- 
hunderts, die von Todesgenien umgebenen Urnen der Roccoco-Zeit, 
und die sauber auf Zink gemalten Portraits aus dem Jahrhundert 
der Perruque und des Zopfes. Ein zerbröckelter Grabstein zeigt die 
Gestalt eines Bischofs im vollen Ornate; die Inschrift ist absolut 
unleserlich, vielleicht aber liegt hier der Bischof Liborius von Schlichen, 
Hirt der Kirche zu Lebus, begraben, welcher 1386 in Berlin in 
seinen, Hause in der Klosterstraße verstarb. Der dicht daneben stehende 
Stein ist ungleich intcreffanter. Er trägt in schönen Lapidarbuch 
staben die Inschrift: Anno Domini MCCCYIII. XY. Kl. Maii. o. 
Konradus de Belis cuius anima requiescat in pace amen. f. und 
stellt den Entschlafenen in festen Linienumriffen dar. Der Verstorbene 
war ein Berliner Patrizier und gehörte einer vielfach in der Mark 
begüterten Familie an; er trägt ein langes, höfisches Kleid, wie man 
es häufig auf Miniaturen der Hohenstanfenzeit findet, und darübe 
einen schmalen ledernen Gürtel; das Haar fällt vorn in die Stirn, 
der Bart ist kurz geschoren. Für die Trachtengeschichte ist jener Stein 
von höchster Wichtigkeit; er allein überliefert uns das Bild eines 
jener weifen und bescheidenen Männer, denen die Stadt Berlin ihre 
Größe verdantt; denn auch die Belitze saßen in, Rathe und ver 
walteten der Stadt Angelegenheiten mit hohem Lobe, gleich den Lietzen, 
Ryke's und Blankenfelde, den Rathcnow's und Wardenberg's. Nicht 
weit von diesem Grabmal zieht ein Sandstein unser Auge auf sich, 
in welchen auf eisen,er Tafel folgende Inschrift eingelassen ist: „Anno 
domini N60666XXI am Abendt Albani starb der Vilvirdig, Erbar 
vndt Geistlich Herr Klas von Pach, weylandt Großkommeter des 
Ritterlichen Deutschen Ordens dem Got geruh Genedig vndt Barn,- 
hertzig zu sein. Amen." Darüber befindet sich das Wappen des Groß- 
Comthurs auf einer eisernen gothischen Rose, an der das Schtldlein 
des deutschen Ordens befestigt ist. Zu diesem Grabmal gehört eine 
gleichfalls noch erhaltene Tafel, die uns in wunderbare», Farbenschmuck 
den Heiland mitten im Kreise seiner ftommen Begleiterinnen zeigt. 
In jeder Ecke des Bildes kniet ein glänzender Ritter: links vom 
Beschauer Klas von Pach, rechts ein Truchseß von Wetzhausen, wie 
das beigefügte Wappen zeigt. Beide Männer sind ehrwürdige, ernst 
blickende Greise, sie führen gewaltige Zweihänder und tragen über 
den wie Silber schimmernden Rüstungen das große, schwarze Ordens 
kreuz. Die Feinheit der Ausführung in den Köpfen und den Gegen 
ständen der Rüstung ist eine bewundernswerthe; das Bild gehört zu 
den vorzüglichsten Kunftschätzen unserer Berliner Kirchen und ist aus 
gezeichnet erhalten. Wie aber kommen die beiden Großcomthurc nach 
Berlin? Es bleibt nur die Möglichkeit, daß sie sich als Gesandte 
des Großmeisters Albrecht an dem brandenburgischen Hofe aufgehalten 
oder auf Truppenwerbung für den polnischen Krieg im Lande sich 
befunden haben. Die alten Herren mit den männlich schönen, aus 
drucksvollen Köpfen hatten schwere Zeiten im Orden zu durchleben, 
Zeiten des Kampfes nach außen und innen. 
Unser Blick schweift nach den Ufern der Nogat; verlassen steht 
die Marienburg, die Mauem und Thürme zeigen die Spuren manch' 
einer polnischen Kugel, welche in den Belagerungen des 15. Jahr 
hunderts an die Veste angeklopft hat; vereinsamt steht die grandiose 
Statue der Himmelskönigin. Ein Jahr war's nach dein Tode un 
serer Ritter, 1522, da bewegte sich noch einmal ein glänzender Zug 
aus der Maricnburg hinaus, der Hochmeister Albrecht von Branden 
burg zog zun, Nürnberger Reichstage. Grabe aber zu Nürnberg er 
regten die feurigen Predigten Osianders dem Hochmeister Zweifel an 
der Gottwohlgefälligkeit seines Standes; noch ein paar Jahre und 
Preußen war ein weltliches Herzogthum. Wo der Stern des Ordens 
trübe unterging, da sollte sich glänzend die Sonne des Hauses Hohen- 
zollen, erheben. 
In demselben Gange, wo die erwähnten Grabsteine stehen, treffen 
wir noch ein großes, dunkelbraunes Denkmal mit den vergoldeten 
Wappen des Berliner Bürgermeisters Wilcke Blankenfelde und einiger, 
diesem Geschlecht verwandten Familien. Die Inschrift meldet von 
den Verdiensten der Blankenfelde, welche von 1284 bis zum Schluß 
des 16. Jahrhunderts dem Rathe der Stadt angehört haben und 
ohne Zweifel die reichste, mächtigste und klügste Familie des Patriziats 
von Berlin gewesen sind. Ihre Geschichte wird uns noch näher be 
schäftigen; hier erwähnen wir nur jenen Johann von Blankenfeld,
        
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