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Periodical volume 15. Juni 1875, Nr. 6

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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DK Tempelhofer Serge bei Serlin. 
Von Dr. 
(Schluß.) 
Den zuletzt erwähnten, den vierten Wein-, jetzigen Kreuzberg, 
trennt die Chaussee von Berlin nach Tempelhof. Bis zu der Stelle, 
wo die Straße anfängt in die Berge einzuschneiden, geleitete 1535 
Kurfürst Joachim II. die Leiche feines Vaters bei ihrer Ueberführung 
nach dem Kloster Lehnin. Rechts der Chaussee befand sich bis vor 
einigen Jahren die große Grube, aus welcher seit Menschengedenken 
für Berlin der „weiße Saud" entnommen wurde. Als diese Grube 
längs des ganzen Berges um das Jahr 1860 jedoch eine Ausdehnung 
genommen hatte, daß das Nachstürzen der Chaussee und des nach 
der jetzigen Aktienbrauerei führenden Weges zu befürchten war, wurde 
zum Verdruß der Sandfuhrleute die fernere Abfuhr von Sand in- 
hibirt, die Grundfläche und die Abhänge aber wurden parzellirt und 
verkauft. Unter dem Namen „Wilhelmshöhe" erhebt sich nunmehr 
auf jenem Saudterrain eine stattliche Villen-Kolonie mit wohlge 
pflegten Anlagen. Als denkwürdigstes Zeichen der Zeit sehen wir 
daneben den ehemals landesherrlichen Weinberg, dessen höchste Spitze 
sich nach den vorgenommen Messungen 176 Fuß über dem Spiegel 
der Ostsee erhebt. Er ist von besonderem historischen Interesse, denn 
Kurfürst Joachim I. war es, welcher am frühen Morgen des 15. 
Juli 1525 mit seiner Familie, seinem Hofgesinde und aller, auf 
Wagen irgend transportabler Habe dorthin flüchtete, um sich hier 
vor dem, an diesem Tage ihm prophezeihten Untergange der Städte 
Berlin und Köln zu sichern. Eine nicht unbedeutende Anzahl gleich 
ängstlicher Bürger wird nicht verfehlt haben, sich diesem eigenthüm 
lichen Zuge anzuschließen. So harrte man dort in Spannung der 
schrecklichen Ereignisse, die über Berlin und Köln so folgenschwer 
hereinbrechen würden. Da sich aber bis Mittag nicht das Geringste 
zutrug, was zu Befürchtungen Veranlassung hätte geben können, so 
versuchte die Kurfürstin, ihren Gemahl zur Rückkehr nach dem Schlosse 
zu bewegen. Nach vielem Einreden gab endlich der Kurfürst am 
Abend den Befehl zur Heimkehr, während welcher sich jedoch ein 
heftiges Gewitter entlud, das ihn in große Gefahr brachte; denn als 
er in das Schloß einfuhr, entlud sich ein heftiges Gewitter, ein Blitz 
strahl traf den Kutscher des kurfürstlichen Wagens und tödtete ihn 
sammt den vier Pferden auf der Stelle. 
Daß unter Joachim I. dieser Berg mit Wein bebaut uud 1718 
veräußert wurde, ist oben mitgetheilt. Im Anfange dieses Jahr 
hunderts gehörte er einem gewissen Götze, nach welchem man ihn 
den „Götze'schen Weinberg" nannte. Im Jahre 1813 errichtete man 
darauf ein großes geschlossenes Werk, gewissermaßen die damalige 
Zitadelle von Berlin; uud am 19. September 1818 wurde hier, 
nachdem das Werk längst verfallen und der Boden geebnet war — und 
zwar auf dem nördlichen, vorderen Theile des Berges, welcher zu diesem 
Zwecke vom Fiskus erworben war, — in Gegenwart König Friedrich 
Wilhelms III. und des Kaisers Alexander von Rußland, der Grund 
stein zu dem jetzigen Kreuzberg-Denkmal gelegt. Nach dem Entwürfe 
des Geh. Ober-Bauraths Schinkel gelangte dies, dem Andenken der 
glorreichen Jahre 1813/15 gewidmete Denkmal 1821 zur Vollendung, 
und wurde am 30. März defselb. I. unter Entfaltung besonderer Feier 
lichkeiten eingeweiht. Eine Allerhöchste Ordre von demselben Tage 
legte dem Berge den Namen „Kreuzberg" bei. Bald darauf wurde 
am Fuße desselben für den mit der Bewachung des Denkmals be 
auftragten Invaliden ein Wohnhaus erbaut, und fast in derselben 
Zeit entstandeir nicht allein einige Wohnhäuser au der zum Denkmal 
sührenden Straße, sondern fand auch auf dem südlichen Theile des 
Berges, welcher mit der oben geschilderten Sandgrube von einem 
Herrn Gehrke angekauft war, die Errichtung des ^Etablissements 
„Tivoli" durch den Käufer statt. Dies, lange Zeit von der feinen 
Welt besuchte Vergnügungslokal zeichnete sich durch die Eleganz seiner 
Räume, der dort veranstalteten Konzerte und Feuerwerke, besonders 
aber durch eine Rutschbahn aus, welche die erste dieser Art in Berlin 
war. Mit dem Jahre 1848 erlosch das Interesse für Tivoli und 
der Besitzer sah sich zur Veräußerung des Etablissements genöthigt, 
das nach mehrfachem Besitzwechsel schließlich von der Aktiengesellschaft, 
welche den Namen des alten Lokals beibehielt, angekauft wurde, um 
hier ihre großartigen Betriebs- und Gastlokale zu errichten. 
Der fünfte und letzte Weinberg, dessen, östliche Grenze sich seit 
wärts des Denkmals hinzog, war tauge Zeit im Besitz der Familie 
Weimar, bis er von dieser vor wenigen Jahren von dem Militair- 
Fiskus erworben wurde. Im vorigen Jahrhundert war der Berg an 
einen Weinmeister Rühl verpachtet und hieß deshalb längere. Zeit 
„Rühlensberg". Erft 1740 sind die Weinstöcke aus diesem Berge 
ausgerodet worden. 
Gegenwärtig liegt es in der Absicht der Regierung, den nörd 
lichen, der Stadt zugekehrten Abhang des Kreuzberges mit Anlagen 
zu versehen, um so der Großbeeren- und Möckernstraßc einen der Re 
sidenz würdigen Abschluß zu verleihen. 
Haben wir in Vorstehendem eine kurze Geschichte der Berge ge- 
gegeben, so möchte es nicht uninteressant sein, auch noch mit wenigen 
Worten der Ereignisse zu gedenken, welche auf der südlichen Abdachung 
dieser Berge, dem Tempelhofer Felde, die König Friedrich Wilhelm I. 
zuerst als Uebungs-Terrain für die Truppen benutzte, und die bis 
jetzt stets dem gleichen Zwecke gedient, sich zugetragen haben. 
Wie schon oben mitgetheilt, hatte der General Tottleben, von 
den Bergen aus, Berlin am 3. Oktober 1760 beschießen und ver 
geblich die Thore stürmen lassen. Am Abend bezog er auf dem 
Tempelhofer Felde ein Lager und marschirte auf die Nachricht hin, 
daß der Herzog von Württemberg mit seinem Korps in Berlin ein 
getroffen sei, unter Zurücklassung einiger Kavallerie und Infanterie 
nach Köpnick ab, um sich mit dem dort stehenden General Czernift'cheff 
zu vereinigen. In Folge der Anordnungen des Letzteren und nach 
dem er Verstärkungen von diesem erhalten hatte, marschirte er, unter- 
deß Czernitschcff auf dem rechten Spree-Ufer vorging, auf der linken 
Seite des Flusses entlang, und lagerte die Nacht bei Treptow und 
Rirdorf, während welcher die diesseitigen Truppen, welche die bei 
Tempelhof zurückgelassene russische Besatzung vertrieben, ein Lager 
bei der Hasenhaide bezogen hatten. Mit Sonnenaufgang des 7. 
Oktober brach Tottleben auf uud rückte quer über das Feld in einer 
ziemlich ausgedehnten Gefechtsstellung, deren linker Flügel bis an 
das Dorf Steglitz reichte, deren rechter dagegen bei Rirdorf, uird 
deren Mitte bei Tempelhof stand. Der Herzog von Württemberg 
führte nun seine Truppen von der Hasenhaide auf das Tempelhofer 
Feld und stellte sie derart in Schlachtordnung auf, daß der rechte 
Flügel bei Schöneberg, der linke beim Dusteren Keller und das 
Centrum bei Tivoli zu stehen kam. 
Die Russen eröffneten das Gefecht mit einer heftigen Kanonade, 
unter deren Schutz ihre Infanterie auf Tempelhof und.Steglitz vor 
ging. Das heftige Kanonenfeuer zwang den preußischen linken Flügel 
bis auf den Kamm der Berge zurückzugehen, und wäre er wahrscheinlich 
durchbrochen worden, wenn nicht die Vortruppen-Kavallerie des eiligst 
zur Hülfe aufgeforderten v. Hülsen'schen Korps in diesem Momente 
erschienen und die Flanke und den Rücken der Russen angegriffen 
hätte. Der Kommandeur dieser Kavallerie, Major von Kleist, war 
nämlich bei Steglitz erschienen und schwenkte hier, dem Feinde ganz 
unerwartet, auf das freie Feld ein. Vor sich fand v. Kleist nur 
eine Batterie von 6 Kanonen, welche den preußischen rechten Flügel 
beschoß und von einer bedeutenden Kavalleriemasse gedeckt wurde. Mit 
„Marsch, marsch!" jagte die dieffeitige Kavallerie auf die Russen 
los, kam von hinten in die Batterie, hieb die Artilleristen nieder und 
jagte die russische Kavallerie hinter dem Rücken der fechtenden In
        
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