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Periodical volume 1. Mai 1875, Nr. 3

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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Sie war eben in jene»: angenehmen Zustande, der zwischen 
Wachen und Einschlafen sich befindet, als sie heftig die Glocke läirten 
hörte, welche von der Apotheke in das Zimmer ihrer Eltern führte. 
Diese Glocke wurde nur gezogen, wenn ein ganz besonderes Ereigniß 
die persönliche Hülfe Zorn's erforderte. Erschrocken erhob sich Min- 
chen von ihrem Lager. Sie eilte zur Thüre, sie vernahm den schlür- 
senden Tritt Zorns. Wenn Fritz jetzt noch bei seiner geheimnißvollen 
Arbeit war, dann konirtc Zorn ihn leicht entdecken. Minchen bebte bei 
diesem Gedanken und sie wankte vor Schrecken, als sie deutlich die 
Worte des Vaters vernahm: „Infame Geschichten, Fritz Böttcher 
sollte die Nachtwache heut haben, wie kommt Er in den Laden, 
Mnsjeh Schräder? Das ist nicht richtig, icb will gleich untersuchen, 
der Fritz macht sicher wieder Dummheiten." Ihrem Versprechen ge 
mäß, wollte Minchen den Vater aufzuhalten suchen, aber noch ehe 
sie die Thür geöffnet hatte, war Zorn schon auf dem Gange 
zum Hofe. (Fortsetzung folgt.) 
Fliegendes Blatt d. a. 1594. 
Schreckliche Zeitung, welche sich zu Spandau mit 
einem Hutergesellen, Gabriel Kummer genannt, zu 
getragen, zu welchem der Teufel in Gestalt eines Menschen 
gekom men. 
Daß dennoch Gott der Herr — mein günstiger Leser — je 
und allezeit für der Strafe mancherlei Warnungen gesendet hat, damit 
anr jüngsten Tage keine Entschuldigung wir fürzuwenden haben (!), 
also ist das jetziger Zeit auch eine treuherzige Warnung, nemlich so 
Gott der Herr zu Spandau hat erscheinen und abermals durch den 
Engel Gabriel seinen Zorn verkünden lassen und solches durch einen 
Hutergesellen zu vermelden, zu welchem der Teufel in Gestalt eines 
Menschen kommen ist, ihn mit Worten angegriffen, wann er sein 
eigen sein wolle, wolle er ihm Geld genug verschaffen. Der Huter- 
gesell aber hat sich mit Gottes Wort getröstet und dem Satan ge 
antwortet: „Ich will bei meinem Herrn Christo bleiben, der machet 
mich reich genug." 
Nimmt derowegen Urlaub bei seinem Meister, Melchior Hart 
mann genannt, wandert bis Frankfurt an die Oder und kehret da 
selbst bei einem Meister Hans Lammet ein. Allda kommt ein Engel 
des Herrn in der Nacht zu ihm, in einem weißen Kleide, vermahnt 
ihn, daß er soll zurückgehen nach Spandau um das Volk zur Buße 
zu vermahnen. Der Gesell ftaget den Engel: „Wer bist Du?" — 
Der Engel antwortet: „Ich bin der, welcher der Jungftau Marien 
den Gruß gebracht hat." Indem so thut der Engel sein hellglänzendes 
Kleid von einander, da steht ihm auf der Brust mit groben (!) rothen 
Buchstaben: Fortitudo Bei; auf der rechten Seite steht: Fortitudo 
— auf der linken Bei. 
Der Gesell kehrt sich an des Engels Vermahnung nicht, sondern 
nimmt seinen Weg noch weiter bis zu einem Städtlein Fürstenberg. 
Allda denket er zurücke und schloß in sich, daß wann er auf des 
Engels Vermahnungen nicht wiederum nach Spandau sich verfügte 
und solches dem Volke anzeigte, möchte Gott ihn gräulich darum strafen. 
Nimmt deswegen seinen Weg zurück, langet zu Spandau an 
und wandert zu seinem vorigen Meister ein, welcher ihm auch wiederum 
Arbeit giebt. 
Also trägt sich zu, daß in Yigilia Martini dieses 1594 Jahres 
in der Nacht der Teufel in Gestalt eines Menschen, einen langen 
Wolfspelz umhabend, abermals zu dem Gesellen an's Bett kommt. 
Wird ihm da angst und bange, daß er für Furcht nicht schreien kann. 
Bald siehet er, daß ein Engel auch erscheinet, eine Sense in der Hand 
ragend und wird so hell und licht, als wäre es am hellen Tage 
gewesen, dagegen der Teufel schwarz dagestanden. Saget der Engel 
zum Gesellen: „Gabriel fürchte Dich nicht. Kennst Du mich wohl 
noch?" Er sagt: „Wie sollt ich Euch kennen, ich hab Euch mein 
Lebtag nicht gesehen." Alsbald thut der Engel sein Kleid auf und 
zeiget wieder die rothen Buchstaben, in der Herzgrube aber hat er 
ein vergüldet Krenzlein, welches er wegen der großen Klarheit nicht 
hat sehen können, hängen. Darunter hebräische Buchstaben, so der 
Hutergesell wohl gekannt, aber nicht habe lesen können, und erinnert 
sich nun, daß er der Engel sein niüßt, der zu Frankfurt bei ihm 
gewesen. Indem kommt der Teufel zu dem Gesellen, ficht ihn heftig 
an, also daß er matt und kraftlos darüber worden. Da bläset der 
Engel den Teufel gar hart an, also, daß cs gesauset, und gehet ein 
glänzend Schwert aus des Engels Munde, dafür der Teufel gewichen. 
Da nun der Gesell so kraftlos lieget, bricht der Engel Etwas 
von seinem Rautenkranze, giebt es dem Gesellen und spricht: „Nimm 
und iß im Namen Christi", welche Rauten er auch gegessen, ob es 
aber süß oder sauer gewesen, kann er nicht wissen. 
Darnach nimmt der Engel des Herrn ein schneeweiß Leingewand, 
darinnen ein vergüldet Kreuz gestanden, bedeckt damit den Huter 
gesellen, der ist davon wieder zu Kräften gekommen. 
Hierauf ist eine himmlische Cantorei gefolgt, die das Io dornn 
laudamus auf Deutsch (!) gesungen. Insonderheit ist aber eine 
Diskantstimme darunter gehört worden, so hell und lieblich, daß es 
nicht zu sagen ist. Darnach hat der Engel den Gesellen vermahnet, 
er sollte aufstehen und zu dem obersten Superintendenten gehen, ihm 
zu veriuelden, daß er das Volk mit schärferen Worten und mehrem. 
Eifer zur Buße vermahnen sollt, als bisher geschehen. Aber der 
Geselle ist bald wieder eingeschlafen. Da kommt der Engel wieder 
und fragt ihn grob(!): „Bist Du hin gewesen?" Er sagt: „Nein!" 
„Ei", spricht der Engel, „so gehe hin und sage ihm: „Wird das Volk 
sich nicht bekehren, so wird ein Geschrei kommen von Mitternacht bis 
Mitternacht und wehe! wehe! wehe! schreien, darauf wird Strafe 
kommen, wie nie geschehen ist." 
Weil man aber in Vigilia Martini des Abends zuvor, ehe dies 
geschehen, mehr angefechtete und besessene Personen in der Kirche zu 
Spandau vor dem hohen Altar gehabt, sie mit Gottes Wort zu 
trösten, hat der Teufel in den Besessenen dermaßen gewüthet und 
gebebet, daß es nicht genugsam zu sagen ist. 
Da redet der Engel zum Gesellen: „Hast Du mich nächtens 
in der Kirche nicht gesehen?" Er sagt: „Nein, aber den Teufel hab 
ich in einem Wolfspelz unter den Besessenen und anderm Volke so 
dabei gewesen, sehen tanzen und springen und hat mir auch einen 
Strick um meinen Hals geworfen, daß Jedermann es laut gehört 
hat, hat aber die Schlinge nicht zuziehen können. 
„Ja", sagt der Engel, „wann ich nicht widergestanden hätte, 
wäre es den Leuten in der Kirche übel ergangen, Gott hat den Teufel 
noch über andere Leute." 
Montags nach Martini, auf Abends 8 Uhr, wie der Gesell sich 
zu Bett gelegct, fällt ihn der Teufel abermals an, worauf der Engel 
wieder erscheint und spricht: „Gabriel, gehe zum Grefen (?), sag ihm 
er soll einem ehrbaren Rath und den Geistlichen melden, wie sie alle 
Abend um 7 Uhr eine Betstunde anordnen und jedesmal die große 
Glocke läuten lassen, damit Gottes schwere Sttafe von ihnen gewendet 
werde; so es nicht geschieht, will ich mit meiner Sense alle Frommen 
abmähen, sie durch den Tod aus dieser Welt wegzureißen, damit sie 
die große Sttafe nicht sehen mögen, , so über ganz Deutschland kommen 
wird. Auch wirst Du mit leiblichen Augen hinfort nicht mehr sehen, 
aber der Teufel wird Dich wieder anfechten, ich aber will unsichtbar 
bei Dir sein." 
An die Leser: Gebe Gott, daß wir solch Englische 
Warnung von Herzen annehmen und mit fleißigem Gebet 
in wahrer Buße und Bekehrung bei Gott im Glauben an- 
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