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Periodical volume 15. April 1875, Nr. 2

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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,AH, ach!" schrieen Frau Zorn und daS Fräulein von Wensen 
auf. „WaS ist denn nun schon wieder passirt?" 
„Hat er den Bösen wirklich citirt?' rief das Fräulein. „Oder 
hat er eine Hexe in's Haus gebracht, die uns die Hühner sterben und 
die Gurken faulen macht?" setzte Madame Zorn hinzu. 
„Ach warum nicht gar", eiferte Zorn, „Dummheiten macht er! 
Er hat keinen Kopf mehr für seine Arbeit — für seinen Beruf. 
Seitdem er mit dem Ebers zusammen die verteufelte Alchymie vor 
genommen hat, ist nichts mehr mit ihm anzufangen. Ich habe eben 
ein Donnerwetter vom Doctor Meiste an den Kopf gekriegt — der 
Bengel hat die Dosis Ipecacuanha, welche Meiste auf dem Recept 
angegeben hat, doppelt so stark gemacht — er hat seine verdammten 
alchymistischen Gewichte im Kopfe — er macht sich und mich un 
glücklich — er muß fort!" 
Das letzte Wort schien auf die hübsche Wilhelmine besonders 
erschreckend zu wirken. Sie ließ ihre Arbeit sinken und blickte den 
Dater recht bittend an. „Papa', sagte sie, „Du wirst nicht so hart 
sein mit dem jungen Fritz Böttcher, eS ist ein sonst kluger Mensch, 
so jung er auch ist." 
„Nimmst Du schon wieder Partei für ihn?" rief Zorn. „Za, 
ja — ja — ja — ich sage es — das kommt mir nicht richtig vor" 
Philipp», fuhr er zu seiner Frau gewendet fort, „ich befehle Dir, 
habe Achtung aus Minchen! — Ja, ja! — sieh mich nur so groß 
an! Deine Pathe, das gnädige Fräulein,-kann Alles hören. Ich 
-will es nicht leiden, daß der Musjeh Böttcher hier noch länger ver 
bleibt. — Sein Vater, ein trefflicher Mann, hat steilich gewollt, 
daß Ihr Beide einst für einander bestimnit werden solltet, aber nach 
dem der Fritz den ordentlichen Weg verlaffen, seine Apothekerwisten- 
schaften denen alchymistischen Hirngespinsten geopfert hat — seitdem 
will ich Nichts davon wiffen. — Ich sehe es nicht länger mit an, 
wie er mir die tollsten Dinge treibt, sondem schaffe ihn aus dem 
Hause, damit er nicht mein Geschäft und meine Tochter unglücklich 
mache. Ha, ha, ha! — Dieser alberne Bursch' will Gold machen, 
will eine Tinctur, ein Arcanum erfunden haben — mir soll er damit 
kommen, ich fürchte seinen Teuselskram nicht — ich will ihm zeigen 
■ " — Zn diesem Augenblicke fuhr Zom heftig zusammen, 
denn die Thür öffnete sich, und der Gegenstand all' dieser unmuths- 
vollen Auslastungen erschien im Zimmer. Es war ein blutjunger, 
kaum 18 Jahr alter Mensch, der Lehrling Fritz Böttcher. 
Er grüßte sehr artig die Damen, und drückte sogar auf die ihm 
gereichte Hand des Fräulein von Wensen einen Kuß. Zorn nahm 
gar keine Notiz von dem Jünglinge, sondern schritt in höchstem Un- 
muthe im Zimmer aus und nieder, die hübsche Wilhelmine machte 
aber einige sehr bedeutungsvolle Blicke und Gebehrden, welche sagen 
wollten: „Es ist böses Wetter für Dich im Anzuge." 
Böttcher blieb demnach an dem Tische stehen, sah auf Zorn 
und sagte dann mit fast schüchternem Tone: „Mein sehr werther 
Lehrherr — was hat sich zugetragen? Ihr seid — wie es scheint, 
nicht bei guter Laune". 
„Was sich zugetragen hat?" rief Zorn, eine schnelle Wendung 
machend, „das kannst Du noch fragen? Du? der bald meine Apo 
theke in den abscheulichsten Ruf bringen wird? Da — da — lies 
selbst, das ist ein Brief vom Doctor Meiste. Du hast eine doppelte 
Dosis Ipecacuanha genommen und den dicken Schloffer-Meister aus 
der Probgaffe beinahe ins Jenseits befördert. Und woher kommt das? 
weil Du mit Deinen verdammten Goldmachergeschichten Dir den Sinn 
verwirrst und den Teufel in das Haus zauberst. Ich leide das nicht 
länger — ich habe es satt, satt bis zum Ueberdruß!" 
Fritz Böttcher hatte den Brief des Arztes genommen und be 
reits gelesen. „Es ist wahr," sagteer, das Schreiben auf den Tisch 
legend, „ich muß mich schuldig bekennen, aber mit dem Sterben des 
Grobschmieds Müller sieht es so schlimm nicht aus." 
„Was?" rief Zonr außer sich, „nun willst Du auch noch den 
Arzt Hofmeistern? Nein — seht den Jungen an! seht ihn an — 
ist es wohl zu glauben? Was hast Du denn für Verdienste und 
Kenntniffe? Du sollst ein ehrsamer Apotheker werden, das ist Deiner 
Mutter — Deines Stiefvaters Wille — aber statt Dich Deiner 
Kunst zu widmen, treibst Du Teufelszeug — he! ha! ha! — der 
Goldmacher Böttcher, Herr Arzt — ein Apothekerlehrling! es ist zu»r 
Tollwerden — nichts kannst Du, bist Nichts — —" 
„Ei, Ei, Herr Prinzipal! fuhr jetzt Böttcher heraus, „ganz so 
schlimm steht es nicht mit mir; habe ich nicht die besten Kenntniffe? 
— ich habe Herrn Dagelius die letzten Proben geliefert. Meine 
Arbeiten in der Lackir- und Oelkunst sind gesuchte Waare. Die 
lackirten Stahlwaaren, welche Dagelius liefert, sind von mir vervoll 
kommnet worden. Gnädiges Fräulein" sagte er zur Wensen, „Sie werden 
mir bezeugen, daß jenes Kästchen, so ich Ihnen verehrte, den Beifall 
der Herren und Damen des Hofes erhalten hat." 
„Das ist richtig — das ist wahr!" riefen die Damen im Chore, 
zu Zorn's größtem Mißbehagen: „Dies Kästchen ist charmant gear 
beitet," entschied Fräulein von Wensen. 
„Ach was, Kästchen — was ftage ich nach Kästchen!" brummte 
Zorn. „Latwergen, Mixturen hat Mosjeh Böttcher zu machen — 
keine Sachen, wobei allerlei geheime Geschichten angewendet werden." 
„Geheime Geschichten? hm," fiel Böttcher ein, indem er eine 
Stellung annahm, „die scientia hat ihre Mysterien, wie es die 
Alten nannten — aber ich will die, welche für die Arbeit des Herrn 
Dagelius angewendet wurden, gern verrathen. Die Unwiffenden haben 
sich die Köpfe zerbrochen, wie ich Blumen und Zierrathen, die kleinen 
Engelsbilder und sonstige Gestalten auf den Stahl gebracht; — ich 
habe den Asphalt oder das Judenpech angewendet — darauf sine 
die Dummen nicht gekommen. Wer die Arbeit sehen will * 
„Judenpech! Teufelspech!" schrie Zorn, der die Ueberlegenheit deö 
jungen Menschen sehr wohl kannte. „Ein für alle Mal — ich ver 
biete Dir, dergleichen Dinge zu machen. Es ist ja auch zu gar 
nichts nütze, Fritz," fuhr er sanfter fort, „eS ist ja Albernheit! Bleib 
bei Deinem redlichen Geschäft — da wird's gut gehen. Wer fragt 
nach Dir? Der tolle Dagelius vor dem Leipziger Thore — ein Paar 
hirnverbrannte Goldsucher, wie es deren leider genug in Berlin giebt 
— sonst kräht nicht Huhn noch Hahn nach Dir." 
Böttchers Gesicht wurde jetzt ein wenig geröthet. Seine Eigen 
liebe war bereits verletzt. „Niemand fragt nach mir?" rief er, 
„das ist ein neuer Irrthum, Herr Prinzipal. Wißt Jhr's noch nicht, 
daß sie mich heut schon den Goldjungen nennen?" 
„Ha! ha! der Bengel bildet sich Etwas darauf ein, daß sie ihn 
hänseln! — Freilich nennen sie Dich den Goldjungen — das ist gerade 
so viel an Werth als der Titel: Marschall von Luremburg, den sie 
dem tauben Invaliden am Spandauer Thore geben. — Wer ftagt 
nach Dir wohl sonst?" 
„Ich will Euch gleich Einen nennen" sagte Böttcher, „den be 
rühmten Herrn Kunkel von Löwenstern — den Pathen Eures jüngsten 
Sohnes Caspar, Euren Hausfteund. Hat er mich nicht sehr lieb 
gewonnen? Er lernte mich kennen, als ich mit dem Gewürzkrämer 
Röber laborirte — erbat er sich von Euch die Erlaubniß aus, mich 
auf sein Gut Dreißighufen mitnehmen zu können, und dort habe ich 
ihm eine feine Demonstration auf Silber gethan. — Fragt doch Hern: 
Kunkel — er wird Euch schon sagen, wie es mit mir steht. Er 
hat mir gestanden, wie meine Discurse ihm manches Licht gegeben 
haben." 
„Also Ende vom Liede", höhnte Zorn: „ich bin ein Dummkopf 
— Du bist der Meister — ich kann, ich soll von Dir lernen. 
Kunkel ist — na ja, er ist ein sehr gelehrter Herr, den ich achte, 
der sich aber auch mit Adeptengeschichten den Kops schwer macht. 
Laßt mich zufrieden!" setzte er höchst erregt hinzu, wie es wohl bei
        
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