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Periodical volume 15. December 1875, Nr. 18

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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•»» # I • 
Nunmehr erschien am 3. November ein zweiter preußischer 
Offizier, der am Wittenberger Kreisamte ein vom König von 
Preußen eigenhändig unterzeichnetes Schreiben übergab, in welchem 
die Auslieferung Böttcher's als eines preußischen Unterthanen verlangt 
wurde. Er solle au Menzel, der, wie wir wissen, sich iiu Amte als 
fteiwilliger Gefangener befand, ausgeliefert werden, auch solle, wenn 
Menzel es wünsche, eine Verstärkung des Militärkommandos statt 
finden. Dem Kreisamtmann wurde gesagt: daß solche Auslieferung 
denselben auf keinerlei Weise präjudiciren solle. 
Jakob zögerte jedoch niit der Auslieferung, bis auf Einzug 
Allerhöchster Resolution aus Dresden. Menzel erbot sich, obschon 
er in Folge des königlichen Schreibens aus der Haft entlasten war, 
dennoch so lange in: Amte zu verbleiben, bis die Angelegenheit ge 
ordnet sei, man möge Böttcher nur ausliefern. 
In dem nach Dresden gesendeten Berichte war übrigens auch 
betont, daß Böttcher nicht preußischer Unterthan sei, sich auch nur 
der Studien wegen in Wittenberg aufhalte. Der nach Dresden mit 
dem Bericht gesendete — merkwürdiger Weise preußische Kammer 
courier — sollte bei dem Statthalter von Sachsen, dem Fürsten 
von Fürstenberg die Vorstellung thun, daß man Böttcher an Preußen 
ausliefern müsse. Diese Vorstellung wurde auch gemacht, aber 
Böttcher protestirte unterdessen gegen seine Auslieferung rmd bat um 
ungestörte Studienfteiheit, und als geborener Sachse um die 
Gnade, nicht ausgeliefert zu werden, und eine leichtere Haft zu er 
langen. 
Diesen Protest begleitete ein Schreiben Jakob's mit dem Be 
merken, daß man von Berlin aus die größten Intriguen spiele, um 
Böttcher wieder zu erlangen und daß man ihm — Jakob — viel 
Gnade, sogar Anstellung in preußischen Diensten ver 
sprochen habe, wenn er die Sache zur Zufriedenheit des Königs 
von Preußen befördere. 
Diese Berichte wurden dem Kammerrath Wichmannshausen in 
Dresden zur Begutachtung vorgelegt. Dieser unterbreitete sie Abends 
3 Uhr dem Fürsten von Fürstenberg, der von Moritzburg angekommen 
war. Der Fürst, ein sehr strenger Katholik und Beförderer geheimer 
Wissenschaften, war hocherfreut, feinem König einen Goldmacher zu 
führen zu können, und da Wichmannshausen besonders darauf Werth 
legte, daß Böttcher sächsischer Unterthan sei, so wurde der Statthalter 
bald der Ansicht, daß ohne königliche Resolution nichts geschehen 
dürfe. In dem Bericht von Wichmannshausen hieß es am Schluffe: 
Man müsse diese Sache mit äußerster Vorsicht behandeln, da sie ein 
pormum Eridos (Zankapfel) sei, wenn man nicht am Ende gar eine 
Störung der nachbarlichen Verhältnisse herbeiführen 
wolle. 
Es war also nahe daran, daß um des Apothekerlehrlings willen, 
ein Krieg zwischen Sachsen und Preußen entbrannte. So komisch 
das sich anhören niag, den damaligen Verhältnissen nach war es 
nicht unmöglich. In Sachsen sowohl' als in Preußen waren die 
Finanzen durch große Ausgaben der Höfe nicht im besten Zustande, 
und es mochte beiden Regierungen viel daran gelegen sein, einen 
Mann zu besitzen, der durch seine Kunst allen Geldverlegenheiten 
leicht ein Ende machen konnte. Fürstenberg hielt noch eine Konferenz 
mit dem Raths-Director von Gersdorf, dem Kanzler von Friesen und 
General von Steinau, deren Resultat ein dringender Bericht an den 
König von Sachsen, um schnelle Resolution war. Inzwischen wurde 
Böttcher's strengste Bewachung angeordnet und dessen Auslieferung 
auf das Bestimmteste verweigert. Auch erhielten die Wittenberger 
Behörden Befehl, von des Böttcher's Sachen, seinen Liquo rc. nicht 
das Geringste anzurühren. Der Statthalter conferirte auch mit dem 
Kanunersekretär von Rystel, Verwandter des Kreisamtmanns, der 
den Rath gab, Böttcher entwischen und an einen geheimen Ort 
bringen zu lasten. Dies sei die beste Manier, um Preußen von der 
weiteren Verfolgung abzulenken. Man könne auf solche Art leicht 
Böttcher im Besitz bekommen, und wenn derselbe aus dem Käfig sei, 
könne man Befehl zu seiner Auslieferung ertheilen. 
Dem Wittenberger Kreisamtmann wurde befohlen: die Branden 
burger d. h. die preußischen Soldaten gut zu traktireu und zu 
amüsiren, aber zu beobachten, ob sie dam oder vi etwas gegen Bött 
cher intendirte». Böttcher selbst solle auf's Beste gehalten werden. 
Der Amtmann befolgte diesen Befehl sehr genau, er hielt Böttcher sehr 
gut, aber in strenger Haft. Zu fürchten waren nur die Wittenberger 
Studenten, denn obwohl Böttcher erst als „Fuchs", und dies kaum, 
gelten konnte, war es doch leicht möglich, daß Jene den Versuch 
machten, ihn mit Gewalt zu befreien. Um solchen Ereignissen vor 
zubeugen, schickte man unter dem Vorwände, Excesse zwischen Müden» 
ten und Soldaten verhüten zu wollen, General-Major von Rosen 
mit 4 Offiziere und dem General-Major von Albedyllft nach Witten 
berg. Die Offiziere waren Polen, die kein Wort deutsch sprachen, 
und daher als Wache für den Gefangenen verwendet werden sollte». 
Es wurde sogar eine Verstärkung der Garnison beabsichtigt, sie 
unterblieb aber, um keinen Verdacht zu erregen. Dagegen hatte 
Rosen Befehl erhalten, erforderlichen Falls Infanterie oder Kavallerie 
aus den nächsten Standquartieren herbeizurufen. Alles um den 
Apothekerlehrling! 
Rosen ließ sich die Sache sehr angelegen sein und untersuchte 
auch Böttcher's Gewahrsam. Nunmehr verdoppelte man von Berlin 
aus die Bemühungen. Es wurde die Auslieferung Böttcher's als 
eines Criminal-Verbrechers verlangt. Hierzu hatte wohl Menzel 
die Weisung gegeben. Der Maitre des Rcquetes, Herr von Wedel 
beschuldigte Böttcher des Betruges und zweier Vergiftungen, auch 
könne sich — schrieb er — der Berliner Hof nicht genug darüber 
wundern, daß man sich weigere, einen Crimiual-Vcrbrecher auszu 
liefern, und der König von Preußen müsse sich über das unfreund 
liche, gegen gute Nachbarschaft laufende Verfahren beim König von 
Polen beschweren. Menzel trat mit Drohungen auf, durch verschiedene 
Personen suchte er, auf Böttcher zu wirken, aber Jakob von Rystel 
wies sie ernstlich zur Ruhe. Er erhielt noch obenein von Dresden 
aus, wo inzwischen neue Confereuzen gepflogen wurden, eine Nase 
darüber, daß er fremde Leute mit Böttcher verkehren lasse, und den 
Befehl: die Bewachung des Goldmachers zu verstärken. 
König Friedrich von Preußen war höchst zornig über die Erfolg 
losigkeit seiner Schritte. Die Behörden wurden von ihm als „Esel" 
titulirt, daß sie einen so seltnen Kerl hatten entwischen lassen. Es 
wurde sogar List angewendet, den Adepten aus Witterberg zu holen, 
man brauchte dazu Böttcher's Stiefvater Tiemann, der ihn besuchte 
und wegen verschiedener Anlässe mit sich nehmen wollte. Es wurde 
ein Pardon für Böttcher durch Menzel eingebracht, der sich zur Ab 
reise bereit erklärte. Aber der Amtmann blieb taub gegen alle Vor 
stellungen und wollte ohne die Resolution des Königs von Sachsen 
Nichts gewähren. 
In Berlin war Böttcher das Tagesgespräch, zwei Negierungen 
stritten sich um seinen Besitz. Zorn wurde herbeigeholt, um über 
Böttcher Auskunft zu geben, sie fiel nicht günstig aus, denn der 
Prinzipal beschuldigte den Lehrling der Veruntreuung. Tiemann kam 
mit diesem Bericht wieder nach Wittenberg, um Böttcher's Aus 
lieferung zu betreiben, allein inan hielt — und mit Recht — diese 
Anschuldigungen für unwahr und als eine von Zom, den Berliner 
Behörden und Tiemann abgekartete Sache, um den Goldmacher frei 
| zu bekommen. 
Alles half jedoch nichts, Böttcher wurde von den Wittenberger 
Behörden in Haft behalten. Auch der Versuch eines gewissen Posch, 
Böttcher mit Gewalt zu befreien, scheiterte, da der Vicerector 
Dr. Strauß auf Verhaftung des Posch antrug. Eine Unzahl von 
*) Zuweilen: Albedyll, Albendyll, auch Albadyll geschrieben.
        
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