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Periodical volume 1. November 1875, Nr. 15

Full text: Der Bär Issue 1.1875

„Nun? aus welchen? Ich wäre begierig, das zu erfahren". 
„Majestät, die Kunde von des Böttchers ganz außerordentlichen 
Kenntnissen und besonderem Genie ist nicht innerhalb der Stadt 
mauern von Euer Majestät Residenz geblieben, sondern vielmehr weit 
über dieselbe hinaus gedrungen. Viele hohe Potentaten, welche sich 
mit der edlen Kunst der Alchymie befassen, haben von dem Böttcher 
gehört, und es ist höchst wahrscheinlich, daß Einer jener Herren dem 
Böttcher Anerbieten sonderlicher Art gethan habe, um den hochbegabten 
jungen Mann in seine Dienste zu bekommen, und daß Böttcher 
solchem Anerbieten Folge zu leisten, das Haus seines Prinzipals 
heimlich verlassen habe". 
Der König hatte bei diesen Worten ärgerlich das Haupt ge 
schüttelt. Es war ihm höchst fatal, daß ein Anderer diesen Böttcher 
in seine Dienste nehmen sollte, der als ein Unterthan des Königs, 
mindestens als zur Berliner Einwohnerschaft gehörig, sich dem Befehle 
seines Souvecains fügen mußte. Außerdem stachelten Haugwitz 
Worte, die Vermuthung, daß einer der goldmachcnden Monarchen aus 
der Kunst Böttchers für sich Nutzen ziehen könne und wolle, den 
König besonders aus, der durchaus allein von den Künsten Böttchers 
profitiren wollte. 
„Ich werde solches nimmermehr saus sagen geschehen lassen", 
rief er, ,,dcr Böttcher ist bei einem meiner Unterthanen in Condition, 
er hat von mir, dem Könige, eine Invitation erhalten, und er darf 
ohne meine Permission nicht aus Berlin gehen. Ich hoffe, Sie 
erkennen an, daß ich vollkommen Recht habe". 
So wenig nun auch Haugwitz dieser Anerkennung geneigt sein 
möchte, dein Könige durfte kein Widerspruch gemacht werden. Haugwitz 
verbeugte sich daher und sagte: „Ew. Majestät sind gewiß in voll 
kommenem Rechte". 
„Eh bien", ries der König, „so werde ich handeln, wie ich es 
für gut erachte". 
Er zog die Glocke und befahl dem eintretenden Kammerdiener, 
sofort den Maltre des ßequetes, Herrn von Wedel, in das Schloß 
zu bescheiden. Dann ließ er den Kammerherrn vom Dienste rufen 
und gab Ordre, Herrn Kunckel von Löwenstern kommen gu lassen. 
„Majestät", sagte Haugwitz, „ich weiß, daß der Kammerherr 
von Grote Herrn Kunckel durch Kourier nach Berlin beschieden hat". 
„6'est den", sagte der König, „so werden wir den Kunckel desto 
schneller hier haben. Er soll sein Gutachten nochmals abgeben — 
auch nach dem Apotheker Zorn soll man senden — geschwind. Bis 
heut Abend muß Alles in Ordnung sein. Ich will wissen, wohin 
sich der Böttcher gewendet; es ist höchst unrecht, daß man auf eine 
so wichtige Person nicht besser Attention gehabt". 
„Es wird Alles geschehen müssen, des Böttcher wieder habhaft 
zu werden", eiferte Haugwitz, dem ebenfalls sehr viel daran gelegen 
war, den Goldjungen in Berlin zu sehen. 
„Laus deute", rief der König, „wir wollen den Böttcher nicht 
außer Landes wissen. Eilen Sie", herrschte er dem Kammerherrn zu, 
„lassen Sie die Herren benachrichtigen — Kunckel — Zorn, auch 
Monsieur Liebmann, ich will sie sprechen — Adieu Haugwitz — Sie 
können auch zur Berathung kommen — Adieu". Er winkte mit 
der Hand zum Abschiede, und die Anwesenden verließen des Königs 
Zimmer. 
Böttcher, der keine Ahnung von dem ungeheuren Werthe hatte, 
welchen man aus seine Person legte, war unterdessen bei Röber wohl 
aufgehoben. Er hatte behutsamer Weise noch keinen Ausgang 
gemacht. Einmal wollte er Röber vollkommen sicher machen, dann 
aber sagte er sich, daß sein Wirth, je länger er, Böttcher, bei ihm 
verborgen blieb, desto verantwortlicher gemacht werden konnte. 
So war der erste Tag der fteiwilligen Gefangenschaft vergangen. 
In Röberö Hause wohnte außer dem Eigenthümer Niemand, als 
dessen alte Mutter und ein sogenannter Helfer, ein alter Mann, der 
Röber bei dessen Arbeiten unterstützte. Böttcher konnte daher nicht 
sicherer aufgehoben sein. 
Am zweiten Tage jedoch, um die Mittagsstunde, erschien Röber 
plötzlich oben in Böttchers Zimmer. Des Gewürzkrämers Antlitz 
hatte eine sehr seltsame Färbung angenommen; er fiel fast erschöpft 
auf einen Schemel nieder, seine Arme hingen schlaff herab und er 
stammelte: 
„Da haben wir's — es ist gräßlich". 
„Um Gottes Willen, was giebt es?" rief Böttcher, der sofort 
Unheil ahnte. 
„Du hast mich in's Unglück gestürzt", entgegnete Röber. „Es 
ist ein Anschlag auf dem Neuen Markte, auf dem Schloßplätze, und 
wer weiß, wo sonst noch, in welchem steht, daß auf Befehl Seiner 
Majestät Jeder, der Dich verbirgt, in Strafe fallen werde, daß man 
Dich ausliefern und" Röbers Augen funkelten, „daß Derjenige, 
welcher Dich ausliefert, eine Prämie von tausend Thalern erhalten soll". 
Böttcher schreckte zusammen, denn er zweifelte keinen Augenblick 
daran, daß Röber sehr geneigt sei, den Preis zu verdienen. 
„Röber", begann er, den Arm des Krämers fassend, „wollt Ihr 
mich etwa ausliefern?" Röber hatte den Kopf gesenkt, er wagte es 
nicht, Böttcher anzusehen. „Ich — ich will nicht; aber wenn man 
dahinter kommt, daß Du bei mir bist — —" 
„ Wer soll dahinter kommen, wenn Ihr mich verbergen wollt? 
außerdem sollen es nur noch einige Tage sein. Endlich, was sind 
die lumpigen tausend Thaler gegen das Geld, was ich mir — uns 
machen kann?" 
„Das ist wahr", sagte Röber, „aber wenn man einen Goldvogel 
im Käfige hat —" 
„So ist man ein Thor, wenn man ihn andern Leuten ausliefert", 
fiel Böttcher ein. „ Und nun weiter. Was könnt Ihr machen, wenn 
mir mein Erperiment nicht gelingt?" 
Röber starrte ihn an. „Es könnte Euch mißlingen?" fragte 
er verwundert. 
„Es ist Alles möglich", fiel Böttcher schnell ein, „ich hoffe, von 
Lascaris die Tinctur zu erhalten, aber ich setze den Fall, sie wäre 
nicht ganz genau bereitet, sie genügte nicht — es kann vorkommen, 
denn die Constellation muß genau getroffen werden — dann würde 
der König erzürnt sein; so gut als sein Zorn mich träfe, träfe er 
Euch mit, denn wenn großen Herren eine Sache fehl schlägt, werden 
Alle von ihrem Zorn bedroht, welche bei dem Mißgeschick betheiligt 
sind. Weiter noch; wenn ich selbst auch eine gute Tinctur zu machen 
im Stande bin — und ich kann sie wirklich machen —- so lausen 
wir Gefahr, daß unser Secretum eickdeckt werde, denn glaubt Ihr, 
der König werde mich jemals wieder ohne Aufticht ausgehen lassen? 
Nicht doch; er wird mir seine Leute mitsenden, und ich möchte den 
Kopf verwetten, daß Einer jener Aufpasser der Jude David aus des 
Bosen Geschäft sein werde, na — dann ist Alles vorbei. Der Jude 
ist geschcidt, der läßt nicht nach, und wenn ich laborire, hat er sicher 
die Kunst abgelauscht, wir sind fertig, der König zahlt vielleicht ein 
Paar Thaler, damit ist es genug". 
Röber war dieser Auseinandersetzung sehr gespannt gefolgt. Er 
känipfte mit sich, denn es schien ihm einleuchtend, daß das Geheimniß 
in Gefahr schwebte. „Aber ich sehe nicht ein, weshalb Du bei dem 
Könige nicht Dein Glück machen kannst", sagte er, „man will Dir 
wohl — Haugwitz, Kunckel — Alle sind für Euch. Sie erzählen, 
Kunckel habe Thränen in den Augen gehabt, als ihm Euer Ent 
weichen bekannt geworden und gesagt: Dieses Burschen Glück hätte 
ich machen wollen, wäre er geblieben. Alles ist daher für Dich". 
Es lag auf der Hand, daß die tausend Thaler bei Röber mächtig 
wirkten, er wollte sie gewinnen und dann auch noch von Böttchers 
späteren Erfolgen profitiren.
        
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