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Periodical volume 15. October 1875, Nr. 14

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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Ankauf von Raritäten empfing, zeigt das Jntereffe des Fürsten für 
feine „Sammlung". Diese Passion übertrug sich auch auf die Unter 
thanen, und somit machte ein spekulativer Italiener, I. Baratt«, 
ein ganz seines Geschäft, als er im jetzigen Lustgarten, dort wo die 
alte Börse steht, eine Grotte mit Naturalien, Mineralien, Waffen 
aller Art und weiteren derartigen Dingen angefüllt, zur Schau brachte, 
welche eines starken Zuspruchs sich zu erfteuen hatte. 
Der Antiquar Lorenz Beyer, bisher Bibliothekar des Kur 
fürsten Karl von der Pfalz, daselbst Verwalter der „Antiken- und 
Kunstsammlung", die nach dem Ableben des Kurfürsten in den Besitz 
Friedrich Wilhelm's von Brandenburg gelangte, erhielt zugleich damit 
die Direktorialstelle der „ Kunst kämm er". Lorenz Beyer trat 
1686 seine Stelle an, nachdem er sorgsam die Ueberführung der Kunst- 
schätze seines früheren Herrn geleitet und überwacht hatte. 
Das begonnene große Werk ging in die Hände des Kurfürsten 
Friedrich III. (1688—1713), nachherigen ersten Königs von Preußen, 
über; indeffen blieb es trotz des besten Willens unvollendet, da ein 
Anderer dieser Bestimmung entgegensah, sein Enkel, dessen Geburt er 
noch freudig begrüßte. Sein ganzes Streben, Dichten und Trachten 
lenkte seinen Blick aus äußere Ehre, Glanz und höchste Prachtentfal 
tung. Berlin kam durch diese Eigenschaften nicht zu kurz, indem es 
der Sammelplatz für Kunst und Wissenschaft wurde. Architekten, 
Maler, Tondichter eilten aus Nah und Fern herbei, um dem auf 
steigenden Königs Hause ihre Dienste zu widmen. Der Hof entfaltete 
einen nie geahnten Aufwand und Luxus. Italienische Sänger und 
Sängerinnen, Balletbeflissene und die sogenannten „allegorischen Ballette" 
wurden sehr beliebt, ja oft betheiligte sich der gesammte Hof daran. 
Die ehemalige kurfürstliche Musikkapelle, ein Steckenpferd des Vaters, er 
fuhr eine bedeutende Erweiterung. Ter Reitstall in der Breiten Straße 
mußte (im zweiten Stockwerk sind heutigen Tages noch die Spuren 
ausfindig zu machen) Raum für eine improvisirte Bühne schaffen. 
Zeitgenossen rühmen oft die Pracht der. Kostüme und Dekorationen; 
auch versuchte die ftanzösische Komödie sich breit zu machen. Eine 
prachtvolle Ausstattung vertuschte Geistesarmuth. Ein A. Schlüter 
und sein Gegner Eos ander von Göthe entfalteten, namentlich der 
Erstere, ihre künstlerischen Schwingen. Uebrigens lockte das heitere, 
prunkvolle Hosleben eine große Fremdenzahl herbei, namentlich Fran 
zosen, und bald mußte das kernige Deutsch dem Geschnatter einer 
fremden Sprache weichen. Thierkämpfe, Jagden und Feuerwerke, von 
den leicht erregbaren, heißblütigen Berlinern vorzugsweise willkommen 
geheißen, waren an der Tagesordnung. Die „Kunftkammer" hatte 
sich der Festivitäten halber durchaus nicht zu beklagen. Friedrich 
forderte ein genaues Verzeichniß, das der Münz- und Bergrath 
Ungelter anfertigte und vorlegte. Dasselbe ergab einen Bestand von 
etwa sechshundert Nummern. Ungelter knüpfte hieran die Bemer 
kung, daß sehr viele Gegenstände, welche der „Kunst kämm er" 
fehlten, anderen Instituten überwiesen seien. In Folge deffen erfolgte 
eine Kabinetsordre: „Alle Gegenstände, welche sowohl auf der Bibliothek, 
als auch in den Zimmem der Schlösser sämmtlicher Provinzen ver 
wahrt und für paffend geeignet für die „Kunstkammer" befunden 
würden, sofort an dieselbe auszuliefern". Dieser bestimmten Ordre 
schloffen sich, um beliebt zu werden, etliche Private an, und über 
wiesen aus freiem Antriebe der Sauimlung eine große Menge von 
Kostbarkeiten und Seltenheiten. Das Ausgebot verkaufsfähiger Samm 
lungen, aus welches sehr Bedacht genommen wurde, verlieh viel Werth 
volles der „Kunstkammer"; so wurden u. A. die werthvolle Samm- 
in Halle, ferner die zahlreichen Naturalien des Kammerrathes Lorenz 
von Adlerhelm zu Leipzig erworben. Die Ausscheidung der „An 
tiken" aus der „Kunstkammer" begann im Jahre 1693. Diese 
Sammlung, .noch heute das Fundament zum Antiquarium unseres 
alten Museums, erfuhr unter ihrem Direktor Lorenz Beyer eine 
glänzende Bereicherung durch den Ankauf der aus dreihundertundzwei- 
undsechzig Stück bestehenden Bellori'schen Sammlung in Rom. 
Am 2. Februar 1702 starb Beyer, und sein Schwiegersohn Schott 
trat in seine Stelle. Die „ Kn n stk a mm er" hatte übrigens den 
Bibliothekar Philippi zum Vorstand erhalten, der nach Kräften sein 
Amt verwaltete und auf Zuwachs bedacht war, sobald sich Geeignetes 
» darbot. Die „Gemäldesammlung", welche in den verschiedenen 
Provinzschlössern ein freudenloses Dasein fristete, erhielt gelegentlich, 
auf rein zufällige Weise, eine Anzahl beliebter Werke aus der hollän 
dischen und niederländischen Schule. Die erworbene Hinterlassenschaft 
des berühmten Medailleurs und Steinpelschneiders Raymond Falz 
führte der „Kunstkammer" sämmtliche Medaillen, Portraits und 
Stempel des im besagten Genre so berühmten Meisters zu. Ein 
schwerer Verlust traf 1698 die Sammlung, als dieselbe auf Befehl 
dem Stifter des Halleschen Waisenhauses, behufs des naturwissen 
schaftlichen Unterrichtes, Herrmann Franke, sämmtliche Doubletten 
der „Naturaliensammlung" zu behändigen hatte. 
Unter der Regierung des „Soldatenkönigs" Friedrich Wilhelml. 
(1713—1740) war es traurig um die „Kunstkammer" bestellt, 
da Aussichten auf Vermehrung nicht vorhanden, und überhaupt eine 
Beschäftigung mit den schönen Künsten und Wissenschaften zu den 
sieben Todsünden gerechnet wurde. Peter der Große, Czaar von 
Rußland, der Zimmermann von Saardam, kam 1716 zum Besuch, 
und erhielt für die Dauer seines Aufenthaltes das jetzige Schloß 
Monbijou angewiesen. Beim Abschied inachte er seinem königlichen 
Freunde eine Anzahl von Bernsteinsachen zum Geschenk, wahrscheinlich 
als Entschädigung für die barbarisch zugerichteten, kaum »och erkenn 
baren Zimmer und Meubles. Wo der Czaar nämlich sich niederzu 
lassen geruhte, hämmerte, hobelte oder schnitzelte er an dem ersten besten, 
wenn auch noch so kostbaren Gegenstand herum. Diese Bernstein 
sachen nun fanden ihren Platz in der „Kunstkammer". In den 
Jahren 1723 und 1726 mußte die „Sammlung" eine nicht unbe 
trächtliche Anzahl Vasen und Antiken an August II. von Sachsen, 
gegen Eintausch zweier Regimenter, als Baarzahlnng abliefern. Selt 
sames Handels- oder Tauschgeschäft! DaS „Japanische Palais" in 
Dresden legt Zeugniß ab von der Wahrheit dieses kaufmännischen 
Coups. Viele Sachen wanderten anch wohl nach dem Jagdschlösse 
Wusterhausen hin, von wo dieselben niemals wiederkehrten, um dann 
schließlich im Laufe der Zeit spurlos zu verschwinden. Die Anwesen 
heit fürstlicher Gäste kostete stets der „Kunstkammer" einige Stücke 
als Geschenke, zu deren Herausgabe sie sich bequemen mußte, da 
vernünftige Vorstellungen und Raisonniren nichts auszurichten ver 
mochten. Im Jahre 1735 wurden die gesammten Naturalien der 
„Akademie" (eine Stiftung seines verstorbenen Vaters, Leibniz war 
deren erster Präsident) überwiesen, trotzdem Se. Majestät mit dem 
„gelehrten Pack" — das war sein huldvoller Ausdruck — nichts zu 
thun haben wollte. Der bisherige Direktor Philippi, welcher heldcn- 
müthig die „Kunstkammer" behauptet, starb im Sommer desselben 
Jahres; sein Nachfolger wurde Christian Neuburg, seit 1723 
bereits als Bibliothekar angestellt. Das „Antiken- und Me- 
: daillen-Kabinet" erhielt in.der Person eines ehemaligen Benedik- 
j tinermöches Maturin la Croze, der Paris hatte verlassen müssen, 
als Flüchtling in Brüssel Aufnahme und Schutz gefunden, dann nach 
Berlin gekommen war, wo er eine Bibliothekarstelle erhalten, einen 
tüchtigen und gebildeten Vorsteher. Ein bedeutender Diebstahl, der 
die „Medaillensammlung" betraf, und mit Ergreifung und 
Strangulirung des Attentäters endete, fällt in diese Zeit. Die „Samm 
lung nordischer Alterthümer" fand als „Vaterländische" einzig 
und allein Gnade vor des Königs Augen. Freilich nutzte dies Interesse 
wenig, ihn zu Ankäufen zu stimmen, das litt seine übergroße Oeko- 
nomie nicht; lieber gab er für einen Einzigen seiner „Riesengarde" 
siebentausend Thaler baar. Freiwillige Beiträge und Geschenke halsen
        
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