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Periodical volume 1. April 1875, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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dieses Fest ganz dazu angethan sein könne, der Königlichen Familie 
eine Zerstreung in der ländlichen Einsamkeit zu gewähren, veranlaßte 
den Vorschlag, an den Bräutigam die Aufforderung zu richten, durch 
den Hochzeitsbitter sämmtliche Prinzen und Prinzessinnen zu dem 
feierlichen Akt in der Kirche einladen zu lassen. 
Mit Bändern aufgeputzt, eine Citroire in der einen und einen 
Rosmaricnzweig in der andern Hand, machte der Hochzcitsbitter schon 
am frühen Morgen seinen Rundgang und — das Erscheinen der 
Königlichen 'Familie wurde zur allgemeinen Freude zugesagt. 
Um elf Uhr bewegte stch der Zug nach der Kirche. Voran 
schritt ein Mnsikcorps, dem der geschmückte Hochzeitsbitter folgte; 
hinter diesem gingen der Kronprinz — der spätere König Friedrich 
Wilhelm IV., — ebenfalls mit Eitrone und Rosmarienzweig in der 
Hand, darauf folgten sämmtliche Prinzen und Prinzessinnen, die ge 
ladenen Gäste des Fleckens beschlossen den Zug. 
Eine solche Versammlung hatte die Kirche bisher nie aufge 
nommen. Der bei der Gemeinde nicht sehr beliebte Prediger, welcher 
überdies noch das Unglück hatte, zu stottern, trat vor den Altar. 
Mochte nun die glänzende Versammlung, auf die er nicht vorbereitet 
war, ihn verlegen machen, oder war er außer Stande, seine einmal 
eingeübte Rede zu ändern — genug, er sprach nur über unglück 
liche Ehen und deren Folgen; und doch hatte er, außer der bereits 
genannten erhabenen Braut, auch die Prinzessin Friederike, Verlobte | 
deß Herzogs von Dessau, vor sich. 
Ungeachtet des nicht passenden Inhalts seiner Rede und deL 
sprachlichen Fehlers, hörten die hohen Personen mit dem größten 
Ernste zu, während mancher Einwohner des Fleckens ein Lächeln nicht 
unterdrücken konnte. 
Sobald die Trauung beendet, nahm die Prinzessin Charlotte 
ihre goldene Halskette und hing sic eigenhändig der Braut als Ge 
schenk um den Hals; der Kronprinz händigte dem Bräutigam zehn 
Fricdrichsd'or ein, welchem Beispiel die übrigen Prinzen folgten. 
Mit welchen Enipfindungen die Neuvermählten das Gotteshaus 
verließen, läßt sich denken; aber ihr Glück sollte noch gesteigert wer 
den. Ihnen und den Gästen wurde der Rath ertheilt, bei Tische 
mit den geistigen Getränken vorsichtig umzugehen, nach dem Schniausc 
aber mit den Musikanten vor dem Amtshanse zu erscheinen und dort 
ihre Tänze vor den Augen des Hofes auszuführen. 
Gegen fünf Uhr Nachmittags langte der Zug unter den Klän- ! 
gen. der Musik an, und der Tanz begann. Die Prinzen und Prin 
zessinnen nebst Gefolge nahmen Platz auf den Bänken unter den 
herrlichen Linden. Da traten der alte Sandrath von Ziethen und der 
Landrath von Kröcher in den Kreis, und forderten die Braut und die 
weiblichen Gäste zum Tanz auf. Ihrem Beispiel folgten bald die 
Adjutanten und die Hofdamen, und der Tanz wurde allgemein, als 
plötzlich der Kronprinz in den Kreis trat, mehrere Runden mit der 
Braut walzte, dann aber seine Schwester Charlotte an die Hand 
nahm mid sie dem Bräutigam zuni Tanze zuführte. Prinzen und 
Prinzessinnen, Adjutanten und Hofdanien tanzten nun mit Bauern 
und Bäuerinnen bis zum späten Abend auf dem erleuchteten Platze. 
Jener Schuhmacher aber wurde seitdem der Gegenstand allge 
meinster Aufmerksamkeit, und er hat sein Handwerk ordentlich aus 
geübt. 
Märkisches Provinzial-Museum der Stadtgemeinde 
Berlin. 
Im Sinne der Städtcordnung und dem Beispiel der übrigen 
-Provinzen folgend, beabsichtigt der Magistrat von Berlin, den Bestand | 
seiner vorhandenen Sammlungen allmälig zu einem Märkischen ; 
Provinzial- Museum zu erweitern und, etwa nach Art des Pom- ! 
merschen Museums der Stadt Stralsund, einzurichten. 
Es soll hiernach die gesamintc culturhistorische Entwickelung 
unserer Provinz, als des Stammlandes der Monarchie, von der ältesten 
vorgeschichtlichen Epoche bis zur Gegenwart in Zusammenhang mit 
dem Bildungsgänge des weitern deutschen Vaterlandes (woneben auch 
eine vergleichende Berücksichtigung der Cultur bei den hauptsächlichsten 
Nachbarvölkern nicht ausgeschlossen sein wird) durch eine fortlaufende 
Reihe interessanter und belehrender, öffentlich auszustellender und mit 
guten beschreibenden Katalogen auszustattender Gegenstände veran 
schaulicht werden. 
Daß ein solches, den Lehrenden wie Lernenden und dem großen 
Publikum auf das Liberalste zugänglich zu machendes Museum aut 
Belebung vaterländischen Sinnes, auf Förderung der Humanität und 
auf Verbreitung der nützlichsten Kenntnisse in allen Schichten der 
Bevölkerung außerordentlich einwirken wird, bedarf keiner Ausführung. 
Das angestrebte Ziel kann jedoch nur erreicht werden, wenn die 
hohen Behörden, die märkischen Schwesterstädte, die märkischen Ver 
eine und Gesellschaften, die wissenschaftlichen Sammler, die Gönner 
und Freunde der deutschen Reichshauptstadt ini In- und Auslande, 
sowie überhaupt Alle, denen die Förderung gemeinnütziger und wissen 
schaftlicher Zwecke am Herzen liegt, nicht nur der Sache ihre mora 
lische Unterstützung schenken, sondern sich auch geeignctenfalls mit 
fteiwilligen Spenden von Objecten für das Museum, deren auch die 
unscheinbarsten, sofern sie culturgeschichtliches Interesse haben, gern 
aufgenommen werden, betheiligen. 
Den Einsendem wird dankend quittirt, und ihr Name bei den 
in das Museum gestifteten Gegenständen vermerkt werden. 
Sollten die Verhältniße es in einzelnen Fällen nicht möglich 
machen, das volle Eigenthum werthvoller Schaustücke auf die Stadt- 
gemeinde Berlin zu übertragen, fo können dieselben unter Vorbehalt 
des Eigenthums der Einsender, ähnlich wie dies im hiesigen Gewerbe- 
Museum üblich, gleichwohl ausgestellt werden. 
Einsendungen bittet man an den Magistat von Berlin, unter 
Adresse des unterzeichneten Commissarius, Rathhaus, Zimmer No. 100, 
zu richten, und sehr voluminöse Objecte gefälligst vorher anzumelden. 
Berlin, im März 1875. 
Magistrat der Königliche« Haupt- und Residenzstadt Berlin. 
Der Commissarius 
für Archiv, Bibliothek und Sanimlungen der Stadtgemeinde Berlin, 
gez. Frieäel, Stadtrath. 
Jrrdem wir von den bereits in großer Anzahl vorhandenen Gegen 
ständen des Museums eine Besprechung der denkwürdigsten derselben 
folgen lassen, sei zunächst der Glocke des alten Rathhaus - 
thurmes erwähnt. Dieselbe hat ein Gewicht von 689 Pfd., eine 
Höhe von 2 Fuß 6V4 Zoll, und in der Mündung eine Weite von 
2 Fuß 10 Zoll. 
Als am 7. November 1581 ein wiederholtes Brandunglück das 
Rathhaus mit seinem Thurm bis auf die Umfassungsmauern zer 
störte, wurden nicht nur die älteren Stadtregister und sämmtliche für 
die bevormundeten Kinder dort aufbewahrten Gegenstände sowie das 
auf den Böden lagernde Getreide ein Raub der Flammen, sondern 
es zerschmolzen auch die Glocken des Thurmes. 
Schon im Jahre 1583 war der Wiederaufbau des Letzteren be 
endet; er bestand, wie früher, in seinem oberen Theil aus Holz, 
war mit Schiefer gedeckt und mit einem vergoldeten Knopf verziert, 
auf dem ein aufrecht stehender Bär sich erhob. 
Auf jenen Brand bezieht sich die Inschrift der Glocke: 
Als man zehlt Fünfzehnhundert und eyns und achtzig 
Deht ych yn Feiers Not zerflyesen; 
Ym Fünfzehnhundert und drey und achtzig 
Lys mych eyn erhar Hat zu Berlin wyder gyesen.
        
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