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Periodical volume 1. April 1875, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 1.1875

„Könnte er uns nicht öffnen?" — „Ich möchte es nicht wagen, 
ihn zu rufen. Ich weiß nicht, welche Verabredung unser Mann mit 
ihm getroffen hat. — St, hören Sie nur! Die Apothekerfamilie 
ist noch nicht zur Ruhe — man spricht noch sehr eifrig in dem 
Zimmer. — ES tritt Jemand in den Hausflur; laffen Sie uns 
ein Wenig bei Seite gehen — vielleicht ist es unser Mann." 
Sie stiegen die Treppe hinab und sahen bald darauf, wie die 
Thür sich öffnete; aber statt des Mannes, den Beide zu erwarten 
schienen, trat eine Dame heraus. Sie war vollständig in die zur 
Zeit übliche und allgemein getragene Contouche gehüllt, welche sie 
vom Kopf bis zur Zehe umgab und vor dem Regen schützte. Ein 
Diener, der eine Laterne trug, schritt vor ihr her. Die Dame schlug 
den Weg gegen die Bifchofftraße ein. Kaum jedoch hatte sie dem 
Apotheker den Rücken gewandt, als dessen Thür auch schon wieder 
geschloffen wurde. 
„Wieder Nichts!" sagte Struve, „Ich rathe ernstlich zur Heim 
kehr. So viel mir selber daran liegt, Seine Excellenz von dem 
ominösen Experimente zu überzeugen und denselben die Bekanntschaft 
des Künstlers machen zu lassen, so rathe ich doch, wir kehren heim. 
Es scheint, daß drinnen im Haufe die Gelegenheit nicht günstig fein 
dürfte, um heute noch eine Laboratio vorzunehmen." 
„Ha", sagte Wittich, in die Ferne deutend, „dort kommt Je 
mand! Er schreitet soeben unter der Laterne hin — seht Ihr? Er 
geht jetzt auf das Apothekerhaus zu — er blickt sich um — gehen 
wir schnell zu ihm." 
Beide lenkten ihre Schritte einem Manne entgegen, der, ebenfalls 
in den weiten Regenmantel gehüllt, von der Konigsstraße her auf 
de» Markt geschritten war und sich prüfend umschaute. 
Er hatte bald genug die beiden Männer erkannt. „Ich muß 
meiner Zögerung wegen um Pardon bitten, Monsieur Struve", sagte 
er. „Aber es war noch eine Sache zu erledigen, die erst kurz vor 
meinem Fortgehen arrivirte; wir können gehen, Wittich?" 
„Excellenz werden den Monsieur Struve vorausgehen lassen. Er 
wird vor allen Dingen unsern Mann benachrichtigen, damit wir ohne 
Hinderniß oder sonstige Fährlichkeit eintreten können." 
„Hier äouL, Monsieur Struve", sagte der Mann. „Wir er 
warten Sie hier. Ah — das ist eine Aventure — ja, ja, man 
muß die Dinge nehmen, wie sie sich uns bieten. Ich bin in der- 
That sehr curiöse auf Alles, was wir sehen sollen". 
Der Mann, welcher mit Excellenz angeredet ward, war eine 
Persönlichkeit, deren Lebensalter sich etwa auf fechszig Jahre feststellen 
ließ. Groß und schlank gewachsen, mit feinen, fcharfgeschnitteuen 
Gesichtszügen, sehr elegant gebildeten Händen und Füßen, machte der 
Herr sofort den Eindruck des Mannes aus der besten Gesellschaft. 
Seine Manieren sowohl wie seine Sprache zeigten eine vornehme Nach 
lässigkeit; die Augen dagegen blitzten sehr geistvoll und feurig, und 
die ganze Haltung schien anzudeuten, daß der Herr eifrig wünschte, 
den Weg zum Haufe des Zlpothekers nicht umsonst gemacht zu haben, 
denn er schoß Blicke voller Erwartung auf Struve, der bereits vor der 
Thüröffnung stand, nachdem er die Nachtklingel der Apotheke gezogen hatte. 
Ein kurzes Gespräch fand hierauf vor der Oeffnuug statt. Struve 
stieg die Treppe hinab und kam zu den Wartenden. „Nur noch einige 
Minuten Geduld", sagte er, „der Künstler wird uns sogleich offnen. 
Er hat feinen besteundeten Collegen mit der Nachtwache betraut und 
kann uns also ganz angehören". 
„Alan dien", sagte der Herr, „wir werden doch keine Ungelegen 
heiten in diesem Haufe erfahren?" 
„Durchaus nicht, Excellenz. Denn wenn selbst Herr Zorn nicht 
mit der nächtlichen Visite einverstanden fein sollte, er würde Euer 
Excellenz gegenüber nicht wagen, eine erzürnte Miene anzunehmen, 
und er würde auch jedes von Ihnen gewünschte Schweigen sicher wah 
ren! Ah — man kommt!" 
Die kleine Hausthür öffnete sich, eine »rännliche Gestalt erschien 
in der Füllung und winkte. Struve schritt voraus, Wittich folgte 
und der vornehme Herr schloß den Zug, der sich bald auf dem finstern 
Hausstur befand. „Ich werde vorausgehen", flüsterte jetzt eine 
Stimme, „haltet Euch an mich, Meister Struve, an Euch müssen 
sich die andern Herren halten, bis wir im Hofe sind." 
In dieser vorgeschriebenen Weise begann sich der Zug, von dem 
unbekannten Führer geleitet, vorwärts zu bewegen, und kam bald 
auf dem Hofe des Hauses an. Dieser ward überschritten. Man 
stand vor einem Hintergebäude, dessen Thür der Führer öffnete. Eine 
Wendeltreppe ward sichtbar — ein scharfer, narkotischer Geruch strömte 
den Männern entgegen. Sie stiegen die Treppe hinair und befanden 
sich bald vor einer eisernen Pforte — hier schlug der Führer Licht. 
„Wir sind vor dem Laboratorium", sagte er. 
(Fortsetzung folgt.) 
Aus dem Familienleben Friedrich Wilhelms III. 
Ein alter Staatsbeamter, welcher während des Aufenthaltes des 
Königs und seiner Nächstangehörigen in Meckleirburg-Strelitz, bei Ge 
legenheit der bevorstehenden Vermählung der Prinzessin Charlotte mit 
dem Großfürsten Nikolaus von Rußland zugegen war, schildert als 
> Augenzeuge die nachstehende, a» eine schone Zutraulichkeit zwischen 
Fürst und Volk erinnernde Begebenheit. 
In ben letzten Tagen des Juiri 1817 ordnete der König a», 
- daß die Prinzessin, bevor sie zur Vermählung. nach Petersburg reifete, 
| sich in Begleitung der Königlichen Familie nach dem Flecken Zechlin 
(zwischen Rheinsberg und Wittstock) begebe, um sich von der Groß 
herzoglichen Familie und besonders von der greisen Urgroßmutter, der 
Landgräfiii von Hessen, welche sich in Zechlin aufhielt, zu verabschieden. 
Der König nahm seine Wohnung in denr voir dem Flecken etwas 
abgelegenen Diensthanse des Oberförsters Kellner, die übrigen Familien 
mitglieder hatten ihr Absteigequartier in dem geräumigen Amtshaufe, 
das Gefolge vertheilte sich bei den Einwohnern des Dorfes. 
Bei einem Spaziergange in den Fluren erkältete sich der Monarch; 
am folgenden Tage trat eine Zahnrose hinzu, die ihn an das Zim 
mer fesselte, so daß der beabsichtigte vierundzwanzigstündige Aufent 
halt auf eine volle Woche ausgedehnt werden mußte. 
Es läßt sich denken, daß bei der großen Zähl der Anwesenden 
| sogar ein Mangel au gewohnten Lebensmitteln eintrat, was bei der 
Königlichen Familie sehr beengend war. Die Blutegel für de» 
hohen Patienten mußten durch Couriere von Rheinsberg, die Arzneien 
in gleicher Weise von Wittstock requirirt werden. Der Königliche 
Küchenmeister beauftragte unter Anderm den Courier, ihnr ans der 
Letzteren zehir Pfund Rindfleisch und eine Kalbsmilch mitzubringen; 
statt dessen kehrte dieser mit einer von dem Altmeister des Schlachter 
gewerks ausgestellten Bescheinigung zurück, daß in der ganzen Stadt 
— einer Hauptstadt der Priegnitz! — weder das Eine noch 
das Andere zu haben sei. 
Die Königliche Familie machte inzwischen Ausflüge nach Witt 
stock, Rheinsberg und der zum Amte gehörigen Glashütte. Ein ein- 
sörmiges Leben, das aber durch einen Festtag sich auszeichnen sollte, 
i der werth ist, mitgetheilt zu werden. 
Bei der Ausgabe der Parole aus denr freien Platze des Fleckens 
i Zechlin, woselbst sich au jedem Vormittag ein großer Theil des 
Königlichen Gefolges versammelte, um über das Befinden des Mo- 
uarcheu Erkundigungen einzuziehen und auf Zerstreuungen für die 
Prinzen und Prinzessinnen zu sinnen, wurde von dem Rittmeister 
von Ostrowski mitgetheilt, daß der Schuhmacher des Ortes, 
welcher als Soldat die Freiheitskriege mitgekämpft hatte, am fol 
genden Tage seine eheliche Verbindung feiere. Der Gedanke, daß
        
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