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Periodical volume 1. April 1875, Nr. 1

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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Auf dem Transport von Rom, auf einem österreichischen, unter 
englischer Flagge fahrenden Schiffe, wurde das Kunstwerk von einem 
amerikanischen Kaper im Kanal erbeutet. Dann von einem englischen 
Schiffe in Cadir wieder genommen, gelangte es nach Jersey zum 
Verkauf, wurde hierauf wieder erstanden, und endlich von der englischen 
Regierung am 1. Mai 1815, auf der Brigg „the Spy“, nach Ham 
burg gesendet. Die Aufstellung ini Mausoleum fand bei der An 
kunft des Königs vom Wiener Congresse, am 15. Mai, statt. . . . 
Fünfundzwanzig Jahre später, um die mitternächtige Stunde 
des 11. Juli 1840, bewegte sich ein anderer Leichenzug, ebenfalls 
achtspännig und unter deni Schein der Fackeln, ooui Dom aus, die 
mittlere Promenade der Linden entlang. Es war die sterbliche 
Hülle des verewigten Monarchen Friedrich Wilhelms HL, die, gleich 
prunklos, nach seiner letztwilligen Bestimmung neben der hochseligen 
Königin Luise beigesetzt werden sollte. 
Ein leicht bewölkter Mond verbreitete sein elegisches Dämmer 
licht, gegen das der Schein der Fackeln um so magischer die zu 
sammengeneigten Wipfel der Bäume und das von den Mannschaften 
der Garde du Corps und Ulanen gebildete Spalier beleuchtete. 
Zahllose Volksmassen erfüllten den dunkel beschatteten Weg in 
seiner ganzen Ausdehnung bis nach Charlottenburg. Hier, im eng 
sten Kreise der Königlichen Familie, fand der letzte Theil der Cere 
monie in dem Mausoleum statt. 
Neben der Statue der ftüh vollendeten Gemahlin ruht, eben 
falls aus Rauchs Meisterhand hervorgegangen, das weiße Marmor 
bild des Königs in der Weise, wie er bestattet worden ist: in voller 
Uniform, von den, Mantel halb bedeckt. 
Ueber beide Sarkophage ist die Hülle des Grabtuches verbreitet; 
zu jeder Seite steht ein marmorner Kandelaber, von denen der eine 
die Gruppe der Parzen, von Rauch, der andere die der Horen, von 
Tieck, darstellt. (Schluß folgt.) 
Der Goldjunge. 
Eine Erzählung aus dem alten Berlin. 
Von Georg Hiltl. 
I. 
Es war eine rechte Sturmnacht, wie sie die Zeit mit sich zu 
bringen pflegt, welche dem Beginne des Frühjahrs vorausgeht. Die 
Fensterladen klapperten im Winde, der pfeifend und heulend durch die 
Gaffen schnob und die Massen von Regenwaffer, welche der stockfinstere 
Himnicl niedersandte, gegen die Mauern der Häuser und über das 
kothige Straßenpflaster jagte, die an einigen Stellen in Ketten hän 
genden Laternen hin und her schaukelte oder das Licht in denen, welche 
auf Pfählen standen, gar arg und bedenklich flackern machte. 
In solchen Stunden und bei solchem Wetter ist es nirgend besser 
und heimischer, als in der trauten Stube am warmen Ofen oder vor 
dem Hellen Kaminfeuer; daL mochten auch die Berliner in jener Nacht 
fiir das Beste halten, denn man erblickte außer den mit Spieß und 
Horn bewaffneten Nachtwächtern gar fetten einen Menschen in den 
öden Straßen; dagegen sah man so manches Fenster erleuchtet, oder 
gewahtte durch die Ritzen der Läden des Erdgeschoffes die Sttahlen 
blitzen. Endlich blieben die Fenster der Bierhäuser oder Tabagien 
im hellsten Lichtschein, und wer an solchen Otten vorüberging, der 
konnte deutlich das Gesumme der sich unterhaltenden Zecher, das Klap 
pern der Bierkrüge und zuweilen auch einen Gesang vernehmen — 
die abscheuliche Witterung gab den Durstigen einen willkommenen 
Voyvand, heut noch länger zusammen zu bleiben, als dies sonst be 
liebt wurde. 
Aus einer dieser Tabagien, welche in der Königsstraße gelegen 
war — im Jahre 1701, wo unsere Erzählung beginnt, gab es in 
Berlin noch keine Cafe'S, Restaurants oder Traiteurs, — traten in 
I 
jener Nacht zwei Männer. Sie hatten kaum den, von einer aus 
polirter Meffingfcheibe befestigten Lampe erleuchteten Flur hinter sich, 
als sie auch schon ihre Mäntel fester um den Körper, die Hüte tiefer 
in die Stirn zogen und dann in die Straße traten, welche bereits 
mit verschiedenen kleinen Seen oder vielmehr Pfützen erfüllt war, zu 
denen der Regen seine Tropfen lieferte. 
„Brr!" sagte der Eine, sich schüttelnd, „ein wahres Mordwetter! 
Wahrhaftig, gälte es nicht eine sehr curiöse Sache zu observiren, ich 
kehtte noch jetzt um und suchte mein Haus wieder auf." 
„Bedentt, ami," fiel der Andere ein, „daß wir nicht um unser 
selbst den merkwürdigen Besuch unternehmen, sondern daß seine Ex- 
eellenza uns beordett hat, mit ihm zusammen zu treffen und die 
wunderbare Sache und deren Versettiger kennen zu lernen, den Ihr 
so angelegentlich empfohlen habt; da kann uns kein böses Wetter 
abhalten." 
„Ich fürchte eben, Excellenza werden sich durch die Witterung 
zurückhalten lassen; wir haben den Weg umsonst gemacht, und bei 
solchem Wetter ist es eine nicht gar freundliche Aussicht, vor der 
Thüre verstohlen auf- und niederpromeniren zu müssen, bis ein glück 
licher Casus uns in das Haus schlüpfen läßt, denn Ihr wißt ja, daß 
der Herr unseres Künstlers sehr eifrig gegen denselben oder vielmehr 
dessen Versuche wüthet — wir können nur verstohlen eintreten." 
Während dieser Unterhaltung waren Beide durch die Königsstraße 
bis zum Hohen Steinweg geschütten, den sie bald passitt hatten. 
Sie befanden sich auf dem Neuen Martte. Der öde Platz, dem 
einige Buden und Fischsäffer nicht als Zierde dienten, lag ebenfalls 
wie mit einer glitzernden Decke versehen, vor ihnen. Der Regen ließ 
zwar ein wenig nach, aber der Wind fuhr so naßkalt über die Fläche 
dahin, daß unsere Wanderer fchauetten und so dicht wie möglich an 
den Häusern entlang eilten, um dem Zugwinde zu entgehen. Sie 
schienen ihre Schritte gegen ein Haus zu lenken, zu dessen schmaler, 
mit hohen Läden geschloffener Thür einige Steinstufen fühtten. 
Sämnttliche Fenster des Erdgeschosses waren, wie die Thüre mit Läden 
geschloffen, aber letztere besaßen einen viereckigen Ausschnitt, der groß 
genug war, um jeden beliebigen Gegenstand von Außen hinein oder 
von Innen heraus bringen zu können; auch sttahlte gerade jetzt du 
greller Lichtschimmer durch die geöffnete Stelle, und die über der zwei 
ten kleineren Thür befindliche Laterne verbreitete genug Helle, so daß 
die Vorübergehenden deutlich das aus einem länglichen Schilde ge 
malte Wott „Apotheke" lesen konnten. 
Die beiden Männer waren, durch Sturm und Näffe arbeitend, 
glücklich bis zu dem genannten Hause gelangt. Sie blieben vor dem- 
selben stehen und sonditten sehr scharf umher, ob sich nicht eine brüte 
Person — dieselbe von welcher sie bereits vorhin gesprochen hatten — 
blicken lasse; aber nirgends war eine Spur des Erwatteten zu be 
merken, selbst eine Nachsuchung, welche Einer der Harrenden hinter 
den Buden und an den Fischfäffern untemahm, fiel ftuchtlos aus. 
„Ich habe es gesagt," brummte der Mann, zu seinem Gefähtten 
ttetend, „Niemand ist hier — wir sind umsonst gekommen!" 
„Treten wir hier unter die zweite Thür. Sie hat ein Ueber- 
dach und wir find mindestens vor dem Regen sicher" — bat der Zweite. 
„Herr Wittich," meinte der Erste, „Sie werden sich erkälten, 
wir sollten nur lieber noch ein Mal in die Tabagie zurückkehren und 
in einiger Zett wiederkommen — vielleicht wird der gnädige Herr 
dann hier sein." 
„Vermögen Sie nicht durch die Thürklappe zu blicken, ob unser 
Mann in der lilpotheke ist? Sehen Sie ein Mal zu, Herr Struve." 
Struve stieg vorsichtig die schlüpftigen Stufen hinan, und ver 
suchte durch die Oeffnung in den hellerleuchteten Raum zu schauen. 
„Er ist nicht da," sagte er zurückkommend, „wohl aber mein 
anderer Bekannter, Ebers. Es scheint, dieser hat die Nachtwache in 
der Apotheke."
        
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