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Periodical volume 1. September 1875, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 1.1875

111 
Literatur. 
Grundsteinlegung zum brandenburgisch ° preußischen 
Staate um die Mitte des 12. Jahrhunderts. Von 
Richard Schillmann. (Separat-Abdruck ans des Verfassers „Ge- 
schichte der Stadt Brandenburg.) Mit Abbildungen der Marien 
kirche und des Stier'schen Denkmals. 102 S. Brandenburg a. H. 
1875. In Commission bei I. Wiesike. Preis 1 M. 80 Pf. 
In dem uns vorliegenden Hefte geht der Verfasser von Albrecht 
dem Bären aus (die Vor- und Nachgeschichte lernt der Leser aus dem 
bei Gülker u. Cie. in Berlin erschienenen Gesammtwerk kennen); er 
behandelt eingehend das Verhältniß dieses brandenburgischen Cäsar 
zum Wendenfürsten Pribislav und die letzten Kämpfe um Branden 
burg, die Gründung und Erstarkung des Bisthums, die Gründung 
der Marienkirche und des Doms, die Entwickelung und Spaltung der 
Stadt und die Fortschritte des Deutschthums im Wendenlande; daran 
schließt sich ein Excurs über das Verhältniß der wichtigeren uns über 
lieferten Brandenburgischen Chronikern zu einander. 
Das uns hier vorliegende Heft verdient die Aufmerksanlkeit des 
gebildeten wie des gelehrten Publikums ebenso sehr wie das hoffentlich 
bald ganz veröffentliche Gesannntwerk; es macht dem Fleiß und der 
Gelehrsamkeit des Verfassers alle Ehre, und es ist zu wünschen, daß 
es in jeder Beziehung den reichlich verdienten Erfolg finde. Die beiden 
Illustrationen können den Werth des Heftes nur erhöhen. 
Miscellen. 
Bei einer Aufführung des „Titus", von Metastasio, wirkte die 
Lieblingssängerin Friedrichs des Großen, Signora Porporina, mit. 
Alles ging gut und die Oper nahte sich ihrem Ende. Von Zeit zu 
Zeit hatte der König sich zum Kapellmeister hingewandt, um ihni durch 
ein Kopfnicken feinen Beifall zu bezeugen. 
Plötzlich brach die Sängerin mitten in einer glänzenden Roulade, 
die sie sonst niemals verfehlt hatte, kurz ab und sank, die Augen 
starr' auf einen Punkt gerichtet, mit dem Ausruf: „O mein Gott!" 
ohnmächtig zu Boden. 
Sie mußte hinter die Coulissen getragen werden. 
Während der allgemeinen Auftegung redete Friedrich der Große, 
von seiner Loge aus, den auf der Bühne zurückgebliebenen Tenor an: 
„Was soll das bedeuten? Geh' Er, Conciolini; geh' Er rasch, um 
zu sehen, woran es liegt.' 
Nach wenigen Minuten kehrte der Sänger zurück. „Sire, die 
Signora ist wie todt. Man fürchtet, sie werde ihre Partie nicht zu 
Ende singen können." 
Der König zuckte die Achseln und erwiderte, man solle ihr ein 
Glas Wasser oder Etwas zu riechen geben. Während er sich noch 
>nit dem Kapellmeister unterhielt, erschien der Theater-Intendant, 
Baron von Pöllnitz. 
„Nun, Baron", rief der König ihm zu — „wird es bald? Hat 
Er denn keinen Arzt auf die Bühne kommen lasten? Ich sage Ihm, 
es muß imnier ein Arzt auf der Bühne sein!" 
„Sire, der Arzt ist da, doch wagt er es nicht, der Sängerin zur 
Ader zu lasten, aus Besorgniß, sie möchte dadurch zu schwach werden." 
„Also ist es Ernst? Keine bloße Komödie? Nun, dann laß' Er 
den Vorhang fallen, und wir gehen nach Hause. Oder weiß Er was 
— laß' Er den Conciolini Etwas singen, um uns schadlos zu halten, 
und danrit der Abend nicht mit einer Katastrophe endige." 
Der Sänger trug zwei Piecen ganz vortrefflich vor; der König 
klatschte ihm Beifall, das Publikum that desgleichen und die Vor 
stellung war zu Ende. Während das Haus sich leerte, ließ der König 
sich von Pöllnitz zu der Sängerin führen, unr sich persönlich nach 
ihrem Befinden zu erkundigen. 
Fragekasten. 
B. Leipzig. Der ehemalige Kirchhof in der Kommandantenstraße, 
neben der französischen Kapelle, entstand um das Jahr 1727 als Begräbniß- 
platz für die Werdersche Gemeinde. Zu gleicher Zeit wurde jene Kapelle 
erbaut, welche die „Wallonenkirche" hieß, weil sie für die eingewanderten 
Wallonen bestimmt war. Ehedem stand auf ihrer Stelle eine Scheune in 
dem Amtsrath Merian'schen Garten, welcher dieselbe der französischen Ge 
meinde zur Erbauung der Kapelle im Jahre 1700 geschenkt. Der Werder 
sche Begräbnißplatz — zu dem damaligen Hoffer'schen Grundstück an der 
Ecke der Lindenstraße gehörig — diente seinem Zwecke bis zur Errichtung 
des (jetzt ebenfalls „alten") Begräbnißplatzes der vereinigten Werderschcn 
und Dorotheenstädtischen Gemeinde vor dem ehemaligen Oranienburger 
Thore. Noch in jüngster Zeit wurde der Kirchhof in der Kommandantcn- 
straße als Trockenplatz benutzt. Die Straße selbst, welche 1658 bei der For- 
tifikation entstand, bildete ursprünglich die Kommunikation des den Festungs 
graben umgebenden Walles. Nachdem dann, auf Befehl des Gr. Kurfürsten, 
1678 sämmtliche Scheunen aus der Stadt verlegt werden mußten, wurden 
die in diesem Stadttheil befindlichen dem Walle gegenüber aufgestellt, wovon 
die Straße anfänglich den Namen „Scheunengasse" führte. Dreißig Jahre 
später lagen Gärten hinter diesen Scheunen, von denen die bedeutendsten 
der Merian'sche, Minister Crcutz'schc (nach welchem die gleichnamige Straße 
benannt ist) und der Juanne'sche waren. Nach Letzterem hieß dann die 
Straße eine Zeit lang „Juannen-Gaffe" — im Volksmunde schlechtweg 
„Schwanengaffe". Mit Beseitigung der Festungswälle, 1740, begann die 
eigentliche Bebauung der Straße; 1753 wurde die Kaserne Nr. 28—3l (der 
jetzige Geber'sche „Industrie-Palast") für das Braun'sche und Pfuel'sche 
Regiment errichtet, und die Straße erhielt später ihren jetzigen Namen nach 
dem Generalmajor und Kommandanten Grafen v. Wylich-Lottum, welcher 
hier seit 1763 das Haus Nr. 15 besaß. — 
Der kleine, in das Territorium der Potsdamer Eisenbahn-Gesellschaft 
eingezwängte Kirchhof an der Königgrätzer Straße wurde um die Mitte 
des vorigen Jahrhunderts für die Dreifaltigkeits-Gemeinde angelegt. Zuvor 
hatte der Konsistorialrath Hecker auf dem Terrain längs der Südseite der 
heutigen Bellevuestraße, zwischen dieser und der Potsdamerstraße, einen 
Begräbnißplatz für diese Gemeinde hergerichtet, welcher aber sofort wieder 
aufgegeben werden mußte, als ihn Friedrich der Große zu seinem Mißfallen 
bemerkt hatte. Jener erstgenannte Kirchhof, auf den der Ausspruch deS 
Dichters: „Am Ruheplatz der Todten, da pflegt es still zu sein", nicht mehr 
zutrifft, ist längst überfüllt. Unter den wenigen noch erhaltenen Gräbern 
ruhen der Geheime Ober-Hofbuchdrucker Georg Jakob Decker, Karl 
Sp ener, ehemaliger Besitzer der eingegangenen, gleichnamigen Zeitung, und 
der Staatsrath und Direktor der Königl. Porzellan-Manufaktur, Philipp 
Rosenitiel — Beide Schwäger des Erstgenannten. Ferner ruht hier 
unter einem mit seiner Büste geschmückten Monument der Direktor des 
preußischen Hütten- und Salinenwcscns, sowie der Gründer der Zinkhütte» 
in Schlesien, Karsten. Während der Befteiungskriege leitete er daselbst 
auch die Geschütz- und Gewehr-Fabrikatton. Er wurde nach seinem am 
22. August 1853 erfolgten Tode hier noch bestattet. — jedenfalls auf einer 
„reservirten" Stelle, da der Kirchhof schon geschlossen war. Ebenso wurde 
drei Jahre später der am 16. Januar 1856 verstorbene Staatsminister vr. 
Eichhorn und bald darauf der letzte Todte, ein Schneidermeister, ebenfalls 
auf reservirter Stelle, hier zur Ruhe bestattet, — 
M. Fr. Berlin. Hohen-Ziatz, Pfarrdorf mit Rittergut und Kolonie, 
liegt im Kreise Jerichow I. und zählt 600 Einwohner. 
V. B—. Stettin. Die Bezeichnung „Uppstall" möchte noch einer ge- 
naueren Aufklärung bedürfen, insofern man an den Uppstall („Uppstallbom" 
— aufgestellten Gerichtsbaum) der Friesen denken wollte. Die neuere Be- 
zeichnung ist wahrscheinlich von dem Aufstellen des Gcmeindeviehes 
auf der ländlichen Feldmark, bei Nachtzeit, herzuleiten; denn fast jede alte 
Feldmark konnte vor der Acker-Separatton einen solchen Uppstall aufweisen, 
der Gemeindebesitz war. Der „Uppstall-Graben" bei Berlin, führt diesen 
Namen übrigens nur auf der Tcmpelhofer-Feldmark, während die Benennung 
„schwarzer Graben' auf seine Verlängerung bis zur Ausmündung in die 
Spree angewendet wird.
        
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