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Periodical volume 1. September 1875, Nr. 11

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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die Wittwe des hochgeachteten General-Superintendenten der Mark 
hat in einem Stübchen des S. Jacobs-Hospitals gar kümmerlich bis 
zu ihrem Tode gelebt. Muskulus' Alter war durch den Schmerz 
getrübt, daß er den Sohn, der bei einem Abendmahl den Sacraments- 
wein vergossen hatte, in's Ausland flüchten sah; die strenge Zeit hatte 
sogar seinen Tod verlangt, weil er als Geistlicher das Blut des 
Herrn mit Füßen getreten habe. 
Die Schwedenzeit kam, und mit ihr die Verwilderung alles 
Lebens in Kirche und Schule. Auch von Frankfurt a. O. und seiner 
Marienkirche gilt die Schilderung, welche der wohlmeinende Kanzler 
von dem Borne entwirft: „Ocfters hat man die Comödianten, Fecht 
meister, Springer, Tanzmeister, Linienflieher, Bären- und Affen- und 
anderer ungewöhnlicher Thiere Führer auch wohl in den Kirchen nach 
beendetem Gottesdienste auftreten und durch dieselben dein Volke ein 
Spektakel und Kurzweil machen 
lassen, welchem auch der Magi 
strat und die Geistlichkeit mit 
sonderbarer Ergetzlichkeit beige 
wohnt, denn das seien eben 
solche notionos, welche man an 
de» Sonn- und Festtagen habe 
vornehmen und verrichten müssen, 
auf toeu Werktagen würden son 
sten die Leute dadurch von der 
Arbeit abgehalten." Die Uni 
versität Frankfurt trug mit an 
den Schäden der Zeit. Es gehört 
nicht hierher, ans die Geschichte 
ihres Pennalismus näher einzu 
gehen, — nur ein zeitgenössi 
sches Zeugniß möge den Zustand 
der Frankfurter Hochschule schil- 
deru: „Der Muthwille bei den 
Studiosen" soheißt es, „ist groß. 
Man erfährt alle Tage etwas 
Neues. Es werden die Fenster 
eingeworfen, die Jungfer» in 
der Kirche umgedreht, die 
Dicnstteute auf der Gasse ver 
gewaltiget und die Windlichter 
ausgeschlagen, ehrliche Leute ge 
foppt, und unzähliger Unfug 
getrieben, besonders zur Zeit der 
Fastnachteil, wo sie mit blanken 
Gewehren und geladenen Büchsen 
umherschweifen und neuerdings 
einem Bürger vier große Löcher 
in den Kopf gestochen haben." 
Daran schließt sich der Seufzer, daß nun Professoren und Bürger 
ihres Lebens nicht mehr sicher seien und lieber im Böhmer Walde als 
in Frankfurt sitzen möchten. Früher bewahrte die Oberkirche wie so 
viele andere Gotteshäuser der Mark Brandenburg sprechende Denk 
male der wilden, blutigen Schwedenzcit; — mehrere Offiziere des 
nordischen Heeres wurden während der Zeit der Occupation in ihr 
beigesetzt, so 1642 der Obristlieutenant Olaf von Planting, aber 
die wappengeschmückten Denksteine und die Helme und Fahnen über 
ihnen sind nun verschwunden. 
Aus der Geschichte der Oberkirche in den nachfolgenden Zeiten 
führen wir noch eine erquicklichere Scene an, als es die vielen, von 
den Geistlichen derselben mit großer Hartnäckigkeit geftihrten Streitig 
keiten sind. Am 2. August 1732 kamen die Vertriebenen aus Salz 
burg auch nach Frankfurt. Mit den köstlichen, glaubens- und ver 
trauensvollen Gesängen der lutherischen Kirche wurden die Erulanten 
eingeholt, bekränzte Kinder und Jungftauen führten sie in die Hallen 
der Oberkirche. Seit den Zeiten der Reformation war solch ein Gottes 
dienst in der ehrwürdigen Kirche nicht mehr gehalten worden. Die 
Worte der vertriebenen Israeliten, die sie weinend an den Wassern 
Babels gesungen hatten, wurden der Predigt zu Grunde gelegt, und 
oft unterbrach den Redner das Schluchzen der Unglücklichen, die ihrer 
schönen, bergigen Heimath, der hochragenden Gipfel der Alpen und 
ihrer grünenden Matten gedachten. 
Die Kriege des großen Friedrich haben die Frankfurter Oberkirche 
oft berührt, manchmal öffnete sie den Verwundeten ihre geweihten 
Räume. Schwerer lastete die Zeit der Erniedrigung Preußens über 
der Stadt und der Kirche. Wie hauste man jetzt auf der Stätte 
der Andacht! Man zerstörte die alten Kunstwerke; —aus den Chören, 
dem Fußboden lag das faulende 
Stroh des Lazareths, aus der 
werthvollen Bibliothek holte man 
Nahrung für das Wachtfeuer. 
Schon im 16. und 17. Jahr 
hundert hatte man die präch 
tigen, alten Mönchshandschriften 
zu Einbänden benutzt, oder als 
papistisches Blendwerk verbrannt, 
— es ist ein Wunder, daß sich 
die Bibliothek noch so viel an 
alten Schätzen erhalten hat! 
Erst die Zeit der wiederer 
stehenden Vaterlandsliebe und 
die schönen Tage des heiligen 
Kanipses um die Eristenz des 
preußischen Staates brachten 
dem alten Gotteshause eine 
Auferstehung und füllten die 
Hallen, die so lange verödet 
gestanden hatten, mit neuem 
religiösen Leben. Man wandte 
sich wieder mit größerer Liebe 
den Denkmalen der alten Zeit 
zu, welche man vorher wie ver 
gessene Bücher bei Seite ge 
worfen hatte. Die Frucht dieses 
neuerwachten Sinnes für kirch 
liche Kunst war die Wiederher 
stellung des Gotteshauses, welche 
mit dem Sommer des Jahres 
1830 vollendet war. So prangt 
denn die alte, gewaltige Kirche 
in neuer Schönheit, unvollendet 
wie fast alle großen Bauten des Mittelalters, aber doch eins der 
großartigsten unter den Monumenten der Geschichte unseres engeren 
Vaterlandes. *) 
*) Der Verfasser wollte mit diesem Aufsatz nur auf die reiche Geschichte 
der Oberkirche anregend hinweisen; erschöpfend ist die Darstellung nach 
keiner Seite hin. 
Weitere Mittheilungen über Einzelheiten behalte ich mir vor. O. S. 
Feindliche Nachbarn an -er Havel. 
Ein märkisches Culturbild aus dem Mittelalter. 
Bon Kilüarä Sduftnumn. 
(Fortsetzung.) : : ' 
Vielmehr, jenes Abkommen ist nie perfect geworden, da das Dom- 
i kapitel von vornherein der Meinung war, daß die beiden Entscheidet. 
Die Obcrkirchc zu Frankfurt an der Oder.
        
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