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Periodical volume 15. August 1875, Nr. 10

Full text: Der Bär Issue 1.1875

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Straße von Pankow nach Schönhausen führt (am Hange nach dem 
Wasser zu), kn dem sandigen, etwa fünf Meter hohen Absturz schwärzliche 
Kulturschichten bis etwa 70 Mm. Dicke ausgesallen, welche neben 
Kohle und Asche noch andere organische Reste einschließen. Am 26. 
Juli 1875 gelang es mir, auch hier und weiter nördlich an den sehr 
tiefeingeschnittenen Rändern des Fischer-Grabens, neben geschlagenen 
Feuersteinen und morschen, wahrscheinlich im Feuer gewesenen Geröllen 
auch die Reste grober, primitiver Töpferwaare festzustellen. Letztere, 
wiederum mit Steingrus vermengt, innen schwärzlich, außen gelb bemalt, 
ohne Verzierung und Glasur, von bröcklicher Beschaffenheit. 
Oestlich vom Fischergraben beginnen nach der Berlin- 
Niederschönhausener Chaussee zu, Straßen anlagen, namentlich auf dem 
Villenterrain von Emil Witzerich. Bei den hier vorgenommenen 
Planirungsarbeiten an der Kronprinzen- und Prinz Heinrich-Straße 
sind die oberen Lagen des früheren Bodens ausgeschlossen. Auch hier 
setzen sich die Brandschichten (Eichen-, Erlen-, Birken- mrd Kiefern- 
Kohlen), vermengt mit Feuerftein-Absplissen und grober urgeschichtlicher 
Töpferwaare, weiter fort. 
Im Ganzen mag bas von mir solchergestalt als vom prähistorischen 
Menschen im Norden unsers Weichbildes besiedelt ermittelte Land in 
der bezeichneten Fluchtlinie eine Länge von etwa siebenhundert Ruthen 
haben. Die bisherigen Spuren weisen hier ans die eigentlichcSteinzeit. 
Sodann ist noch zu erwähnen, daß auch auf dem theilweise noch 
jetzt von de» älteren Familien Wol tank, Bellermann und Johl 
besessenen Grundstücken zwischen der Brunnen- und Badstraße, 
Gesundbrunnen und Schönhauser-Allee schon seit vielen 
Jahren prähistorische Reste, darunter ganze Nrnensetzungen gefunden 
worden sind. Herr Eduard Johl am Johlschen Ziegeleiweg und 
der BellermannS - Straße wohnhaft, schenkte erst vor Kurzem dem 
Märkischen Museum Urnenreste aus jener Gegend, von gleicher Be 
schaffenheit wie die vorgeschilderte Poterie. Endlich offerirte ein Eigen 
thümer in Pankow dortgefundene Urnenreste in diesem Jahre dem 
Kgl» Neuen Museum hicrselbst, die sich den soeben erwähnten Urnen 
funden typisch anschließen, wegen des geforderten unverschämten Preises 
(30 Mark) aber abgelehnt werden mußten. 
Feindliche Nachbarn an der Havel. 
Ein märkisches Culturbild aus dem Mittelalter. 
Vom Oberlehrer Kickarä 8<k,illn»>au. 
Die Stadt Brandenburg liegt eine halbe Meile oberhalb der Ein 
mündung der Havel in den großen Breitlings- oder Plauer-See, 
dessen der »ach Magdeburg Reisende zu seiner rechten Seite ansichtig 
wird, wenn er einige Minuten den Wald hinter der Stadt durch 
fahren ist. Der Fluß', von Ketzin aus in südwestlicher Richtung 
strömend, durchzieht bis zu seinem „ Gemünde" breite Wiesen und 
Torsiliederungen; nur an einer einzigen Stelle wird er von zwei, links 
und rechts an ihn herantretenden Hügelabhängen so bedeutend ein 
geschnürt, daß hier sich besonders in alten Zeiten, wo diese Wiesen 
noch flüssiges Moor waren, ein erwünschter Paß darbot. Der eine 
dieser Hügel ist der Harburger-, jetzt Marienberg genannt, der andere 
derjenige, auf dessen Gipfel die Katharinenkirche der Neustadt-Branden 
burg steht. Da die Havel nun, sich spaltend und wieder vereinend, 
in unmittelbarer Nähe dieser Einschnürung zwei von Wasser und 
Moor umgebene Werder bildet, da die Oertlichkeit fischreiche Gewässer, 
Wiesen und nicht unfruchtbare Ackerflächen darbot, so gewährte sie 
dem Ansiedler, was ihm am erwünschtsten ist, Nahrung, Sicherheit 
uird eine Verkehrsstraße. Es war hier das scmnonische Brennaburg 
oder Brendanburg (es wird Zeit, daß die später entstandene corrum- 
pirte Form des Namens „Brannvbor" endlich aus den Büchern oer- 
! schwinde'), die alte Wasserburg entstanden, welche nach der slavischen 
j Invasion eine Hauptseste der Heveller wurde. Nach vielfachen Kämpfen 
; wurden Ort und Umgegend endlich durch Albrecht den Bär dem 
Deutschthum, und durch ihn die Bischöfe Wigger und Wilmar, wie 
durch die das Domkapitel bildenden Prämonstratenser Chorherren dem 
Christenthum endgiltig wiedergewonnen. In einer Zeit, in welcher 
geschichtliche Nachrichten spärlich fließen, hatte Albrecht dem Orte 
städtische Gerechtsame verliehen; später aber finden wir an der be 
schriebenen Oertlichkeit drei nicht nur räumlich, sondern auch administrativ 
von einander vollständig getrennte Gemeinwesen, ohne zu erfahren, 
wann diese Trennung — denn eine solche glauben wir bestimmt an 
nehmen zu dürfen") — sich vollzogen hat. Der kleinere, nördlichere 
Werder, auf welchem sich an der Stelle der alten, von Otto dem 
Großen gegründeten, aber von den Slaven zerstörten Domkirche der 
neue Dom erhoben hat, ist in den Besitz des Domkapitels über 
gegangen; aus der südlich gelegenen großen Tafel steht die Neustadt- 
Brandenburg, auch schlechthin Brandenburg genannt, weil sie durch 
Gewerbthätigkeit und Handel mächtig geworden, die aus dem nörd 
lichen Haveluser gelegene Schwesterstadt, die Altstadt Brandenburg 
bald verdunkelte. Die letztere, aus dem wendischen Flecken Parduin 
i erwachsen, ward von dein Harburgerberge beherrscht, von dessen Kuppe 
die Marienkirche mit ihren vier Thürmen weit in das Havelland 
hinausschaute. 
Aber weit entfernt, daß diese drei Schwestern, die Burg, die 
Neustadt und die Altstadt Brandenburg in friedlichen, die allgemeine 
Wohlfahrt fördernden Verhältnissen lebten, sie lagen vielmehr bald 
mit einander im bittersten Hader, der ihre Kräfte lähmte und nicht 
zum wenigsten dazu beitrug, daß sie von den viel jüngeren Schwester 
städten an der Spree überflügelt und in den Schatten gestellt wurden. 
Dieser Hader verlief in einem geschlossenen Kreise: das Domkapitel 
haderte mit der Altstadt, diese mit der Neustadt, diese mit dein Dom 
kapitel, welches seinerseits außerdem mit dem benachbarten Dorfe Klein 
kreuz sehr unangenehme Berührungen hatte. Altstadt und Neustadt 
hatten ihren „Krieg" wegen des Fischmarktes, des Wochenmarktes, 
des Jahrmarktes, wegen der Mühle zwischen beiden Städten, vor der 
es schon zu Thätlichkeiten gekommen war, wegen der Lehmgrube an 
dem Berge, wegen der Aufnahme der beiderseitigen Zünfte; die Neu 
städter wollten die Altstädter nicht durch ihre Stadt fahren lassen, 
wenn jene Holz aus dem freien Havelbruche holten, endlich duldete 
keine der beiden Städte den Verkehr der Bürger der andern in ihren 
Mauern: die aneinander zugekehrten Thore wurden geschlossen. 
Ein Hauptgrund dieses Haders lag in dem Bestreben der drei 
Nachbarn, sich in der Umgegend von Brandenburg mit ihrem Grund 
besitze auszubreiten. Man 'hätte sich nun vernünftiger Weise dahin 
einigen können, daß man der Altstadt den Norden, dem Capitel den 
Osten, der Neustadt den Süden überließ. Allein die Menschen unseres 
Mittelalters, welches ja die Romantik so wunderlich aufgeputzt und 
ausgeschmückt hat, schwangen sich selten zu einem höhern Gesichts 
punkte, zur Idee des Allgemeinen auf; im kleinlichsten Egoismus verfolg 
ten sie kurzsichtig die nächsten Interessen, und so gingen denn unsere 
Havelanwohner mit stierköpfiger Beharrlichkeit ihre Wege, gleichviel 
ob sie die der andern kreuzten. Das Domkapitel griff in das Gebiet 
der Altstadt über, erwarb das im Norden derselben gelegene, jetzt 
untergegangene Dorf Görne, an dessen Besitz der Altstadt wegen der 
Erwerbung einer Haide besonders lag. Es kam dort zu Streitigkeiten, 
vergeblichen Grenzregulirungen, thätlicher Beleidigung der Domherren, 
wegen welcher die Bürger natürlich abbitten und büßen mußten. Aber 
•) Auch das .Brendunburg", an welches sich scharfsinnige Deutungen 
geknüpft haben, beruht auf einem Irrthume der Abschreiber. 
**) Eine Begründung dieser Ansicht habe ich versucht in meiner .Ge 
schichte der Stadt Brandenburg" und in .Grundsteinlegung zum branden- 
burgisch-preußischen Staate."
        
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