Monumentale Skulpturen. N. 993—999. 317
deren Abgüsse unter 994 und 995 hier aufgestellt sind. Formal
entsprechend dem erwähnten Gelage, ist auch hier im oberen
Streifen ein Gastmal dargestellt, aber von ganz anderer Bedeu
tung. Es ist schon S. 75 erwähnt, dass die so häufigen Dar
stellungen von Gastmälern an den lykischen Gräbern sicher
mit den sogenannten Totenmalen der Griechen zusammen
hängen, und den oder die Verstorbenen als Heroen, meist im
Kreise der Familie und im Genüsse der Opfer darstellen,
welche die Ueberlebenden spenden. Je grösser der zu ver
zierende Raum war, desto weiter wurde das Thema aus
gesponnen bis zur Darstellung ganzer Gelage, an dem viele
Personen Teil nehmen; vgl. das Nereidenmonument. Das
widerspricht eigentlich der ursprünglichen Bedeutung dieser
Scene, aber vielleicht war dieselbe in jener Zeit schon den
Künstlern nicht mehr gegenwärtig, und sie verwendeten nur
die hergebrachte Darstellung nach Gutdünken. Auf jeden Fall
ist die hier angebrachte Scene ganz anderer Art, es ist eine
Darstellung aus der Odyssee, der Freiermord.
Die ganze Länge des Reliefs ist etwa in der Mitte durch
einen leeren Streifen in zwei Teile geteilt, rechts davon ist
die Hauptscene dargestellt. Wir sehn Odysseus mit gewaltiger
Anstrengung den Bogen spannen; dieser selbst kann ehemals
nur durch Farbe ausgedrückt gewesen sein. Telemachos steht
seinem Vater mit gezogenem Schwerte schützend zur Seite.
Hinter dieser Gruppe ist eine Thür angebracht, aus welcher
furchtsam ein Knabe entweicht. Man könnte denken, dies sei
Melanthios, der boshafte Ziegenhirt, der sich davon schleiche
um die Freier mit Waffen zu versorgen, aber die sicher nicht
zufällige Kleinheit und Jugendlichkeit der Gestalt scheint dem
zu widersprechen. Es ist also wol einer jener Knaben gemeint,
die das Amt der Mundschenken versahen, die wir auch auf
der eben erwähnten Darstellung des Gelages, und vor allem
am Nercidenmonument fanden; bei Homer spielt keiner der
selben eine Rolle, aber wir werden auch noch andere Frei
heiten finden, die sich der Künstler gegenüber dem Dichter
erlaubte. Zur Schilderung der Situation ist diese Gestalt offen
bar sehr glücklich benutzt. Wir sehn daraus, wie unerwartet,
wie plötzlich das Unheil über die Freier hereingebrochen ist.
Als der erste Pfeil des Odysseus den übermütigen Antinoos
hinstreckte, so dass das Trinkgefäss seiner Hand entfiel
— offenbar hat der Künstler mit dem rücklings Niedergefallenen,
aus dessen schlaff herabhängendem linken Arm die Schale
zur Erde gesunken ist, eben den Antinoos gemeint — verliess