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Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Das Reich der Freiheit 
industriellen und politischen Verwaltungsapparates, an 
dem Ausbau aller Verkehrsmittel, an der gerechten Ver 
teilung aller öffentlichen Abgaben, an der Verbesserung 
des Schul- und Erziehungswesens, der Rechtspflege, des 
Strafrechts, an der weitesten Verbreitung von Wissen 
schaft und Kunst, an der Veredlung und Verschönerung 
des ganzen Lebens? 
Man braucht darum aber nicht zu befürchten, daß nun 
unendlich viel geredet und wenig beschickt werden würde. 
Die schwätzenden Besserwisser wird die Praxis bald aus 
schalten und um so mehr jede solide Arbeitskraft auf den 
rechten Platz stellen. Ohne Initiative und Dispositions 
recht gibt es für starke organisatorische Begabungen 
nirgends eine fruchtbare Betätigungsmöglichkeit; aber 
die demokratische Kontrolle hat ja auch gerade den Zweck, 
jedes wahre Talent zu erkennen und in seiner beson 
deren Art für die Gesamtheit nutzbar zu machen. Und 
der Aufgabenkreis der sozialistischen Gesellschaft ist ein 
so gewaltiger, daß es im öffentlichen Leben eher einen 
Mangel als einen Überfluß an Arbeitswilligen geben wird. 
Nächst dem Ausgleich zwischen Handarbeit und Kopf 
arbeit ist der Ausgleich zwischen Industrie und Landwirt 
schaft, zwischen Stadt und Land eine Hauptaufgabe des 
Sozialismus. Die Arbeitsteilung innerhalb des tech 
nischen Produktionsprozesses ist das vornehmste Steige 
rungsmittel aller Arbeitsproduktivität — die Arbeits 
teilung zwischen den Klassen das Verewigungsmittel der 
Lohnsklaverei und der Klassenherrschaft der von körper 
licher Arbeit befreiten Minderheit. Die allge 
meine Arbeitspflicht des Sozialis 
mus erst bringt die Erlösung der 
Menschheit! Aber auch die Arbeitsteilung zwischen 
Stadt und Land wurde der Menschheit zum Verhängnis: 
sie verurteilte, wie Engels sagt, „die Landbevölkerung zu 
jahrtausendelanger Verdummung". Der Sozialismus 
wird die Voraussetzungen dieser geistigen Verdumpfung, 
die sich in sklavischer Unterwerfung unter das Hergebrachte, 
unter geistige und politische Reaktion, unter Pfaffen und 
Junker, offenbarte, zerstören, indem sie technischen Fort 
schritt und geistiges Leben auf das platte Land bringt. 
Der Sozialismus ist wohl ein Gegner des bildungs- und 
fortschrittsfeindlichen bäuerlichen Troglodytentums, aber 
ein Freund der Bauern und ein begeisterter Verehrer 
des gesunden, kernigen Landlebens. Durch Förderung 
und Verallgemeinerung des Genossenschaftswesens, durch 
Einführung modernster landwirtschaftlicher Betriebs 
technik wird er den Ertrag der bäuerlichen Arbeit zu 
steigern und dem Bauern die geistverengernde Aber 
schwere der Arbeitslast zu erleichtern suchen. Er wird 
den Kleinbetrieb rationalisieren und den Großbetrieb ver- 
genossenschaften. Darüber hinaus aber wird er Landwirt 
schaft und Industrie in engste Verbindung bringen. Be 
triebstechnisch, soweit das der Charakter von Landwirt 
schaft und Industrie zuläßt, aber auch räumlich. Stadt 
und Land sollen sich vermählen: das Land soll sich die 
vernünftigen Kulturbedürfnisse des Städters aneignen, 
soll sie im weitesten Maße befriedigen können, und der 
Stadtbewohner und Industriearbeiter soll sich der er 
quickenden, nervenstählenden Ruhe und der idyllischen 
Reize des Herdfrischen Raturlebens erfreuen. 
Wie anders werden sich Stadt und Land in Zukunft 
präsentieren! Die armseligen Katen der Landproletarier 
werden verschwinden, verschwinden werden die schmutzi 
gen, unhygienischen Behausungen für Mensch und Vieh 
und freundlichen, sauberen, gesundheitsdienlichen Woh 
nungen und Stallungen Platz machen. Schmucke Schul- 
und Gemeindehäuser werden von dem regen Bildungs 
bedürfnis und Gemeinsinn zeugen, Bibliotheken und 
Sportplätze für leibliche und geistige Hygiene sorgen. 
Und neben dem Nützlichkeitssinn wird auch der Schön- 
heits- und Natursinn erwachen: schöne Haine, malerische 
Flußgcstade und Seen, ehrwürdige Vaumpatriarchen 
wird man pietätvoll schonen, und nicht minder jene 
kostbaren Reste der heimischen Tierwelt, die dem Land 
schaftsbild erst seinen höchsten Stimmungsreiz geben. 
Und die Städte und Industriegemeinden werden der 
einst den Charakter öder, kalter Steinwüsten völlig ver 
loren haben. Die ehemaligen Proletarierviertel werden 
nur noch Arbeitszwecken dienen, doch wird der moderne 
Schönheitssinn des Architekten auch die letzte Arbeits 
stätte zu adeln wissen. Die Schaffenden der Industrie 
aber und alle die andern Asphalttreter werden weit 
draußen im Freien wohnen, in hübschen Landhaus 
kolonien, inmitten freundlicher Gärtchen und eingebettet 
in ein Meer von wogenden Kornfeldern, smaragdenen 
Wiesenflächen und rauschenden Vaumwipfeln. Hätte 
der wahnwitzige Krieg nicht unsre Eisenbahnen so total 
verwüstet, so hätten wir schon 1920 ein Netz von elek 
trischen Fernbahnen gehabt. Nun, der Sozialismus wird 
vollenden, was der Kapitalismus begann, bevor er dem 
Selbstzerstörungswahnsinn verfiel: er wird die Länder 
mit immer engeren, kunstvoll verflochtenen Maschen 
von Schnellbahnen umspannen, damit Industrie und 
Stadtbevölkerung nach den Geboten der Volkshygiene 
verteilt und den natürlichen Lebensbedingungen des 
Landlebens zurückgegeben werden können. Aber die 
aus den stickigen Massenquartieren in die lichten Weiten 
des platten Landes Verpflanzten werden darum nicht 
verbauern: Volksbibliotheken und Schulen, Theater und 
Kunststätten werden ihnen folgen, denn jede Gemeinde, 
jede neue Landsiedelung wird ihren Ehrgeiz darein 
setzen, sich an Einrichtungen der Volksbildung und künst 
lerischen Erziehung nicht überbieten zu lassen. 
Bildungspslege, Wissenschaft und Kunst werden ja 
in der sozialistischen Gesellschaft eine unvergleichlich wich 
tigere Rolle spielen, als im kapitalistischen Staate. Denn 
war im Klassenstaat die höhere Bildung das Privileg 
und Monopol der besitzenden, herrschenden Minderheit, 
während die Masse mit den dürftigsten Bildungssurro 
gaten abgespeist wurde, so ist für den Sozialismus die 
Bildung Selbstzweck, das selbstverständliche Gemeingut 
aller geworden. Im kapitalistischen Staat studierte man 
Humaniora, Kunst oder Technik, um Professor, Pastor, 
Philologe, Mediziner, um Ingenieur oder berufsmäßig 
seine Kunst exekutierender Künstler zu werden. In der 
sozialistischen Gesellschaft pflegt man Wissenschaften, 
technische und schöne Künste um ihrer selbst willen, um 
des Namens eines Kulturmenschen würdig und der 
feineren Genüsse teilhaftig zu werden, die nur die Ver 
tiefung in die Geheimnisse der Natur, in das Mensch 
heitsringen der Geschichte, in die Visionen der Kunst 
zu gewähren vermag. Daß diese Gründlichkeit des 
Wissens, diese Vielseitigkeit der geistigen Betätigung 
auch dem praktischen Wirtschaftsleben und der staats 
bürgerlichen Pflichterfüllung ungemein zugute kommen, 
indem sie für die Produktion wie für alle Arten der 
Verwaltung eine Fülle qualifiziertester Kräfte zur Ver 
fügung stellen, kann den aus idealen Quellen, aus fau 
stischem Urdrang fließenden Bildungsdrang nur noch 
steigern!
	        
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