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Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Das Reich der Freiheit 
eine Pflichterfüllung zu verwandeln, bei der die „Last 
eine Lust wird". Und die Gleichheit der Zumessung des 
allgemeinen Arbeitsertrags ist ein nicht minder wichtiges 
sozialistisches Grundprinzip, weil die Bevorzugung des 
einen die Verkürzung des andern einschließt. Aber das 
Maß der produktiven Pflichterfüllung wird bei der 
Stcigerrlng der Ergiebigkeit der Arbeit drirch technische 
Verbesserungen ein so erträgliches sein, daß es auch den, 
regsten Intellekt nicht zur schmerzenden Fessel wird, gar 
nicht zu reden von der 
Fronarbeit, in die heute 
meist das Talent einge 
schirrt ist, und der gegen 
über die Erfüllung der 
kurzen Arbeitspflicht im 
sozialistischen System zum 
leichten Tribut an die Ge 
samtheit wird. Und die 
Ertragssteigerung wird bei 
der im Wesen des Sozia 
lismus liegenden Natio 
nalisierung der Produktion 
eine so beträchtliche sein, 
daß auch die gleichmäßige 
Verteilung des Lebens 
notwendigen ein reichliches 
Zumaß gestattet. Über 
fluß, Luxus und Raffine 
ments, wie sie sich heute 
Millionäre leisten können, 
werden freilich nicht mög 
lich sein,- aber das bedeutet 
keineswegs einen kultu- 
rellenRückschritt. Die größ 
ten Genien der Menschheit 
lebten, wie ein Goethe, 
in bescheidenem Wohl 
stand, der ihnen ausge 
zeichnet bekam. Und wenn 
der einzelne sich keine 
wertvollen Kunstsamm 
lungen und kostbaren Bi 
bliotheken anlegen kann, 
so werden um so zahl 
reichere und frequentier- 
tere öffentliche Museen 
undBüchereien einen mehr 
als ausgleichenden Ersah 
dafür bieten! 
Das kommunistische 
Gleichheitsideal wird frei 
lich erst in allmählicher 
Annäherung zu erreichen 
sein. Denn die kapitalistische Gesellschaft war so einseitig 
auf dem Gesetz der Ungleichheit, aus dem Antrieb des 
nackten Egoismus aufgebaut, daß die sittlichen Kräfte der 
nienschlichen Solidarität erst methodisch geweckt und ent 
wickelt werden müssen. Gewiß: vornehme Naturen leiden 
schon heute unter dem Gefühl, daß ihre Genüsse durch Ent 
behrungen der andern erkauft werden. Aber gemeine 
Naturen fühlen sich in ihrem Lebensgefühl gerade dann 
gesteigert, wenn ihre eigne Erhabenheit von der Ernied 
rigung der Mehrzahl um so krasser absticht. Dieser mo 
ralische Sadismus, der sich im Grunde aus der geistigen 
Stumpfheit erklärt, die der Kapitalismus verbreitet, 
muß erst ausgerodet werden, bevor die Menschheit für den 
Sozialismus in seiner reinsten Form reis geworden ist. 
Bis dahin wird man manche Ungleichheit stufenweise ab 
bauen müssen, bis man den Durchschnitt auf die Höhe 
der edleren sozialistischen Moral emporgehoben hat. 
Aber dieser Abbau wird viel rascher vorgenommen wer 
den können, als die triste Gilde der Miesmacher uns ein 
reden möchte! 
Die politische und soziale Organisation des „Reiches 
der Freiheit" wird die 
vollendete Selbstverwal 
tung sein, die reine Demo 
kratie. Der Obrigkeitsstaat 
und das bureaukratische 
Regiment werden bis auf 
die Wurzeln absterben. 
Der vermeintliche Gegen 
satz zwischen Demokratie 
und Rätesystem wird die 
natürlichste, harmonischste 
Lösung gesunden haben. 
Der Staat, der innerhalb 
der Klassengesellschaft das 
Machtinstrument der herr 
schenden Klassen war, ist 
zum bloßen Verwaltungs 
organismus geworden, der 
den Willen des sich selbst 
regierenden Volkes zur 
Ausführung bringt. Wie 
zwanglos aus der poli- 
tischenZelle, derGemeinde, 
über die Kreise und die 
Provinz hinweg schließlich 
der staatliche Gesamtorga 
nismus herauswächst, so 
aus dem Einzelbetrieb, 
dem Syndikat, dem In 
dustrieverband schließlich 
der allumspannende Prv- 
duktionsapparat. Keiner 
lei Kompetenzkonflikte und 
Eifersüchteleien erschweren 
die einträchtige Zusam 
menarbeit zwischen den 
politischen und wirtschaft 
lichen Organisationen. 
Gegensätze bestehen zwi 
schen ihnen überhaupt 
nicht, ihr einziges Ziel ist, 
den ökonomischen und kul 
turellen Bedürfnissen des 
Volkskörpers am vollkom 
mensten zu dienen, und die ganze Gliederung des gesell 
schaftlichen Selbstverwaltungsapparats wird ausschließlich 
durch Erwägungen der Sach- und Menschenökonomie 
bestimmt. Die Grenzen zwischen Wirtschaft und Po 
litik, oder besser: Kulturpolitik, fließen zudem ineinander. 
Die „politische" Organisation dient zugleich den Pro 
duktionszwecken, und die „wirtschaftlichen" Organisa 
tionen leisten zugleich intensive Kulturarbeit. 
In der sozialistischen Gesellschaft gibt cs ja keine poli 
tischen Analphabeten mehr. Der ungleich höhere Stand 
der allgemeinen Volksbildung schon schließt das aus, vor 
allem aber die radikale Umwandlung des ganzen öffent- 
Die Befreiung cker Arbeiterklasse kann nur äas Werk 
äer Arbeiterklasse selbst sein 
Rach einer Zeichnung von Richrer-Berlin
	        
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