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Die Ideen und die Entwicklung des Sozialismus Das Rätesystem in Deutschland

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Das Nätesystem in Deutschland 
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An die Arbeiter- und Soldatenräte Tentschlands. 
Genossen! Kameraden! 
Bor zwei Wochen habt Ihr der Freiheit eine Gasse geöffnet. Euer 
Mut, Euere revolutionäre Tatkraft hat das alte Silstein, die Militär 
diktatur und den mittelalterlichen Monarchismus zertrümmert. Jetzt 
gilt es, die Errungenschaften der Revolution zu sichern und auszubauen. 
Jetzt gilt es, die Mächte der Gegenrevolution, die nach dem 
ersten Schrecken aus ihren Winkeln hervorkriechen, niederzuhalten. 
Der Vollzugsrat der Groß.Berliner Arbeiter- und 
Soldatenräte erblickte in dem Sturm und Drang der ersten Revo 
lutionstage seine Aufgabe darin, eine Regierung von Bolks- 
beauftragten zu schaffen, die die Leitung und Verwaltung des 
neuen republikanischen Staatswesens in Deutschland und Preußen 
zu übernehmen hatte. Der Vollzugsrat der Groß-Berliner Arbeiler 
und Soldatenräte maßt sich aber 
keine Diktaturgewalt über bie Arbeiter- und Soldatcnräte 
Deutschlands an. Er ist vielmehr der Meinung, daß nur durch eine 
feste Zusammenfassung aller deutschen Arbeiter- und 
Soldalenräte die Errungenschaften der Revolution gesichert werden 
können. Mißtrauen und Mißverständnisse drohen in das Gefüge der 
deutschen Arbeiter- und Soldatenräte einen Keil zu treiben. Be 
strebungen sind im Gange, das Reichsgebiet zu zerschlagen und 
die unheilvolle mittelalterliche Kleinstaaterei in neuer Form 
wieder einzuführen. Die Verwirklichung der großen demokratischen 
und sozialistischen Ziele verlangt aber die Erhaltung eines großen 
deutschen Wirtschafts- und Sprachgebietes. Der Vollzugsrat der 
Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte will keine feindselige 
Trennung zwischen Nord und Süd. Er will, daß das befreite 
Deutschland der Schwierigkeiten, die mit dem Friedensschlüsse ver 
bunden sind, Herr werde; er will, daß die Demobilisierung sich 
in geordneten Bahnen vollzieht, daß die Gefahren, die der Volks 
ernährung drohen, glatt und ohne Reibung beseitigt werden. 
Diese Aufgaben können nur erfüllt werden durch ein harmonisches 
Zusammenarbeiten aller Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands. 
Die bisherige Tätigkeit des Bollzugsrates von Groß-Berlin stellt ein 
Provisorium dar, das so schnell als möglich auf eine breitere 
Grundlage gestellt werden soll. Solange eine gesetzgebende Versamm 
lung nicht das letzte Wort über die Verfassung und Neuordnung des 
republikanischen Deutschland gesprochen hat, müssen die Arbeiter- und 
Soldatcnräte den Willen des deutschen Volkes zum Ausdruck bringen. 
Wir fordern Euch deshalb auf, so schnell als möglich zu einer 
Delegierten-Versammlung in Berlin 
zusammenzutreten. Schnelles Handeln tut not. Es ist daher nicht 
möglich, ein einheitliches, allgemein gültiges Wahlsystem vorzuschlagen. 
Wir empfehlen vielmehr, aus den zurzeit bestehenden Arbeiter und Sol 
datenräten Delegierte zu wählen und nach Berlin zu senden. Die Dele 
gierten-Versammlung darf, wenn sie arbeitsfähig sein soll, im Höchstfall 
nur 500 Mitglieder umfassen., Unter Zugrundelegung der Bolks- 
zählnngsergebnisse vom Jahre 1910 würde auf rund 200000 Seelen 
ein Delegierter kommen. Für die noch bestehenden großen Heeres 
verbände ist auf je 100000 Mann ein Delegierter zu wählen. Die Wahlen 
müßten, um zu einem schnellen Ergebnis zu kommen, auf territorialer 
Grundlage erfolgen. Wir empfehlen, bei den Wahlen die Berhältniszahlen 
der in dem Bezirk vertretenen Arbeiter und Soldaten zu berücksichtigen. 
Wir schlagen Euch vor, die Delegierten-Versammlung 
spätestens am Montag, den 16. Dezember d. Js. 
im Sitzungssaal des Preußischen Abgeordnetenhauses zu Berlin zu 
sammentreten zu lassen. Ihre Aufgabe würde sein, die Wahl 
eines provisorischen Zcntralrates der Arbeiter- nnd Svl- 
datenräte Deutschlands vorzunehmen; die Ausarbeitung eines für 
alle deutschen Arbeiter- und Soldatenräte maßgebenden Wahlsystems zu 
übernehmen; Entschließung über die künftige gesetzgebende Versammlung 
zu fassen und zu sonstigen politischen Fragen Stellung zu nehmen. 
Genossen! Kameraden! Laßt uns schnell, laßt uns einmütig handeln. 
Nehmt nnsern Vorschlag an und führt so schnell als möglich die 
Wahlen durch. Ihr habt die Revolution gemacht, laßt uns auch 
gemeinsam ihre Früchte ernten. Die genaue Aufstellung des 
Wahlschlüssels wird schnellstens veröffentlicht werden. 
Berlin, den 23. November. 
Der Vollzngsrat des Arbeiter- und Soldatenrats Groß-Berlin. 
Richard Müller. Molkenbuhr. 
Für die Ostfront: 
Bergmann. Georg Maier. Saar. 
Linlaäung zur Delegierten-Versammlung äer Arbeiter- unä 
Soläatenräte November 1918 
die politische Macht überlassen mußte, da siegte 
innerhalb dieser Parteien abermals die opportu 
nistische Richtung, die sich zur Demokratie bekannte, 
und deren politische Ausdrucksform, die National 
versammlung, forderte, während nur ein kleiner 
Teil sich scharf gegen die Demokratie wandte und 
das Rätesystem als Mittel zur Überwindung des 
kapitalistischen Klassenstaates und zur Verwirk 
lichung des Sozialismus für notwendig hielt. 
Abermals zeigte sich die Wahrheit der Engels- 
schen Worte: die Sozialdemokratie hatte wohl den 
proletarischen Klassenkampf geführt, aber immer 
nur allgemeine Fragen dabei in den Vordergrund 
gestellt, während die großen Fragen, die sich bei 
einer politischen Krise von selbst aus die Tages 
ordnung stellen, niemals erörtert worden waren. 
Und diese große Frage stand im November 1918 
plötzlich vor der Sozialdemokratie. Sie wurde 
nicht entschieden wie es Karl Marx und Frie 
drich Engels gefordert haben; die Mehrheit 
der Sozialdemokratie entschied sich für die formale 
Demokratie und damit für ein bürgerliches Ideal. 
Allgemein ist der Begriff der Demokratie der 
Begriff der politischen Gleichberechtigung. Damit 
wird sie zum Höhepunkt der politischen Ideologie 
des Bürgertums und der Intellektuellen, die ihr 
politisches Ideal der Freiheit und Gleichheit ver 
wirklicht sehen. Die Demokratie bedeutet für diese 
Schichten die Vollendung der gesellschaftlichen 
Solidarität, die sich aus der politischen Gleich 
berechtigung ergeben soll. Diese Ideologie erfaßt 
nicht nur das Bürgertum, sondern auch große 
Massen des Proletariats unter Führung der alten 
Sozialdemokratie. 
Die Demokratie, die politische Gleichberechtigung 
bringt der Menschheit nicht die Freiheit und Gleich 
heit. Als vor mehr als 130 Jahren die Ideale der 
großen französischen Revolution, die demokratischen 
Ideale: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die 
ganze Menschheit mit neuen Hoffnungen erfüll 
ten, mochten sie ihre historische Berechtigung ge 
habt haben. Die Menschheit wurde befreit von 
den Fesseln des Feudalismus, aber sie mußte auf 
sich nehmen die weit schwereren des Kapitalismus. 
In den demokratischen Staatsgebilden sahen wir 
jahrhundertelang die Schreckensbilder der Not der 
breiten Massen, sahen wir die furchtbarsten Klassen 
kämpfe; unter der kapitalistischen Wirtschaft bleibt 
die politische Gleichberechtigung ein leerer Wahn. 
Kann man von Freiheit reden, wenn der Arbeiter 
seine Arbeitskraft dem Unternehmer verkaufen 
muß, wenn der Besitzende den Besitzlosen aus 
beutet? Erweist sich die Idee der Demokratie 
nicht als ein Betrug, wenn die Gleichheit vor dem 
Gesetz bestenfalls zur Freiheit der Beherrschung 
und der Ausbeutung der werktätigen Bevölke 
rung durch den Kapitalismus wird? Wird nicht 
die Freiheit im kapitalistischen Staatswesen zur 
Freiheit des Verhungerns, und die Brüderlich 
keit zur Heuchelei, zur schmachvollen Wohltätig 
keitsprotzerei? Treffend hat Karl Marx die 
kapitalistische Demokratie gegeißelt, als er in seiner 
Analyse der Erfahrungen der Kommune sagte: 
Der geknechteten Klasse wird in einigen Jahren 
einmal gestattet, darüber zu entscheiden, welche
	        
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