Path:

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

164 
Sozialisierung 
das unentrinnbare Verhängnis, dem sich die Masse gar 
nicht entziehen konnte. Mit der Selbstorganisation der 
kapitalistischen Produktion, mit der Abschwächung der 
Krisen zu Depressionen, weiter mit der Entwicklung der 
sozialistischen Ideensysteme und der sozialpolitischen 
Einrichtungen wurde immer mehr die Ausfassung vor 
herrschend, dah es nicht Naturgesetze seien, welche das 
Wirtschaftsleben regeln, sondern daß die Ökonomie 
als menschliche und gesellschaftliche Einrichtung auch 
geändert werden könne, ja, datz sich im Schohe der 
bürgerlichen Volkswirtschaft bereits die Formen einer 
neuen, moralischen Ansprüchen weit mehr genügenden 
Ordnung vorbereiten. Hatten einmal solche Gedanken 
gänge Wurzel gefaßt, so muhte in jeder gesellschaftlichen 
Krise auch die Form der Wirtschaft fragwürdig werden, 
und so brachte die tiefgehende Erschütterung des Krieges, 
das soziale Chaos, welches er heraufführte, in allen 
Menschen zunächst die Bereitschaft für eine neue bessere 
Ordnung. Für die Arbeiterschaft kam hinzu, daß der 
plötzliche Zusammenbruch der Armee auch eine kata 
strophale Erschütterung des Anternehmekansehens zur 
Folge hatte. So drängte iin Bewußtsein der Arbeiter 
alles daraus, die privatkapitalistische Wirtschaftsform zu 
überwinden. Überall hörten wir die Parole, daß die 
Arbeiter nicht mehr für den Profit privater Kapitalisten 
tätig sein wollten. Dieser psychologische Widerstand 
darf nicht gering eingeschätzt werden. Er wirkte besonders 
stark überall dort, wo vor dem Krieg und während des 
selben den Arbeitern eine gut organisierte starke ünter- 
nehmermacht gegenüberstand, wo die Industrie, straff 
organisiert, für persönliche Unternehmerleistung wenig 
Raum bietet und daher Pläne zur Verstaatlichung oder 
zur gemeinwirtschaftlichen Organisation schon oft erörtert 
worden waren. 
Auch all diese Strömungen nimmt der Gilden 
sozialismus in sich auf: er will dem moralischen Bewußt 
sein sowohl genügen, also auch die Ergiebigkeit der Güter 
erzeugung steigern. Aber er wendet sich ebensosehr gegen 
die egoistischen Instinkte der Arbeiter. Ist doch vielen 
unter diesen die Sozialisierung nur ein Ziel, weil sie ihr 
Einkommen steigert. Nicht neue Pflichten, Verantwor 
tung und Zwang zur höheren Leistung, sondern nur 
größere Genüsse, leichteres Leben und eine sorglosere 
Existenz erwarten sie von ihr. Der Gildensozialismus be 
tont die Pflicht zur Arbeit, er will die Wirtschaftsform 
nicht nur ändern im Interesse der in den Betrieben 
Tätigen, sondern auch und vor allem im Interesse der 
Allgemeinheit. Dies glaubt er erreichen zu können durch 
die Verknüpfung der Allgemeinheit mit der Produktion. 
Die Produktion soll in den einzelnen Wirtschaftszweigen, 
z. B. im Bergbau, weder nach dem Diktat und zu Nutzen 
der wenigen heutigen Besitzer betrieben werden, die viel 
fach gar nicht in der Produktion tätig sind, noch im Inter 
esse der Arbeiter allein. Sowohl die Unternehmer 
wie die Arbeiter der wichtigsten Wirtschaftszweige be 
sitzen ja ein Monopol, wenn sie geeint vorgehen, sie 
können die Existenz der Gesellschaft in Frage stellen. 
So wie/heute die Bergarbeiter die restlose Beherrschung 
der Bergwerke und damit die unbegrenzte Möglichkeit 
der Ausbeutung des ganzen Volkes zu ihren Gunsten 
fordern könnten, wäre morgen die Möglichkeit gegeben, 
daß die Transportarbeiter, die Postangestellten, die 
Eisenbahner, die Bäcker, die Arbeiter der chemischen 
Industrie, die landwirtschaftlichen Arbeiter usw. den 
selben Anspruch für ihre Betriebe erhöben. Die Volks 
wirtschaft würde in eine große Anzahl monopolistisch 
organisierter Wirtschaftszweige zerfallen, der eine würde 
den andern in den wirtschaftlichen Forderungen über 
bieten, und es ist schwer abzusehen, wie überhaupt dieser 
Widerstreit der Interessen geschlicküet werden sollte. 
Wenn man die Produktion weder den Unternehmern 
noch den Arbeitern überlassen will, wenn man die Füh 
rung durch den Staat aus den oben erwähnten Gründen 
einmütig ablehnt, — gibt es dann noch eine befriedigende 
Lösung? Für diese Frage wußte man lange keine Ant 
wort, und daraus erklärt es sich, daß bis in die letzte Zeit 
hinein die Erörterung über die Form der Sozialisierung 
so unfruchtbar geblieben war. 
Der Gildensozialismus, dessen Grundsätze (wie schon 
erwähnt) voneinander unabhängig gefunden wurden 
und vertreten werden, schafft für jeden Wirtschaftszweig 
einen besonderen Wirtschaftskörper und setzt diesen zu 
sammen aus den Vertretern der einzelnen gesellschaft 
lichen Schichten und Mächte, welche gerade an dem rich 
tigen Arbeiten dieses Wirtschaftszweiges das maßgebende, 
überwiegende Interesse haben. Er bildet also z. B. für 
den Kohlenbergbau eine Verwaltungskörpcrschaft, be 
stehend aus Vertretern aller Betriebsleitungen und der 
Arbeiter- und Angestelltenschaft. Würde dieser Ver 
waltungskörper nur von Delegierten dieser Gruppen ge 
bildet werden, so hätten wir ein staatlich aufgebautes Mo 
nopol vor uns, das die größte Gefahr für die Gesamtheit 
bilden könnte. Darum treten in diese Verwaltungskörper 
Delegierte der Verbraucher einstdas sind Stadtgemeinden, 
Industrie und Landwirtschaft), sowie endlich Vertreter 
der Allgemeinheit, entsendet vom Reichstag und der 
Reichsregierung. Dieser Aufbau (der von der Mehrheit 
der deutschen Sozialisierungskommission vorgeschlagen 
wurde) z w i n g t die in dem Wirtschaftskörper vereinig 
ten Interessen von vornherein zu einem Ausgleich. Eine 
Vergewaltigung. ist nach dieser Zusammensetzung nicht 
möglich. 
Damit dieser Aufbau funktioniert, sind jedoch zwei 
Voraussetzungen notwendig: erstens darf der Wirtschafts 
körper nicht durch Interessen des Besitzes behindert sein, 
und zweitens muß trotz der Vielheit im Verwaltungs 
körper, trotz der widerstreitenden Interessen, welche in 
ihm vertreten sind, ein leitender Wille, Initiative, Verant 
wortungsfreudigkeit in der Leitung des Wirtschaftskör 
pers gegeben sein. 
Infolgedessen ist die E n t e i g n u n g der bisherigen 
Besitzer (Entschädigung wird von den meisten Vertretern 
dieses Gildensozialismus als zweckmäßig erachtet) not 
wendig. Nur dadurch bekommt der Wirtschaftskörper die 
freie Verfügung über die Produktionsmittel. Hingegen 
würde ein unerträglicher Schwebezustand geschaffen, mit 
fortgesetzter Möglichkeit zu Konflikten, wenn man die bis 
herigen Eigentumsverhältnisse fortbestehen liehe und den 
Verwaltungskörper, in ähnlicher Weise zusammengesetzt 
wie oben angedeutet, danebenstellen würde. (Dies ist 
im Wesen der Inhalt der Vorschläge, welche Walter 
Rathenau machte, die vom Reichswirtschaftsministerium 
in seinen Sozialisierungsplänen aufgenommen wurden.) 
Eine solche Verkoppelung von Privat-, d. h. also Profit 
wirtschaft und Gemeinwirtschaft würde fortgesetzt zu Kon 
flikten führen. In diesen wäre der Unternehmer bzw. 
Besitzer der Produktionsmittel der stärkere Teil; denn 
man könnte unmöglich gegen seinen Willen verfahren 
(wenn es sich z. B. um Rationalisierung des Betriebes, 
Einführung neuer Maschinen usw. handelt), da er ja doch
	        
Top of page

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.