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Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Sozialisierung 
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Phase bedeutet die Sozialisierung der Bolschewik! die 
zentrale, radikale Verstaatlichung. 
3. Den G i l d e n s o z i a l i s m u s , die Soziali 
sierung durch Bildung selbständiger Wirtschaftskörper für 
die einzelnen Wirtschaftszweige kann man als Synthese, 
d. h. Vereinigung und Versöhnung der eben erwähnten 
Extreme auffassen. In der Verstaatlichung wird der per 
sönliche Unternehmer durch die dem Arbeiter fremd 
gegenüberstehende Beamtenleitung erseht, umgekehrt 
im Syndikalismus treten alle in der Industrie Tätigen an 
die Stelle des Unternehmers, der eine Groß- oder Riesen 
kapitalist wird durch eine Menge von Zwergkapitalisten 
ersetzt. Wie soll man die ertötende Einwirkung der in sich 
starren, unlebendigen Riesenorganisation vermeiden, 
ohne andererseits der halbanarchischen Form eines 
zersplitterten Zwcrgkapitalismus anheimzufallen? Die 
Antwort hierauf sucht der Gildensozialismus zu geben, 
der — nicht gerade unter diesem Namen — heute schon 
überall, voneinander unabhängige Vertreter hat. Auch 
dieser fruchtbare Gedanke lag sozusagen „in der Luft", 
denn er tauchte an vielen Stellen, unabhängig voneinander 
auf, er hat seine theoretischen Vorläufer, die sich der Idee 
annäherten, ohne sie zu erreichen, er hat auch, wie alles, 
was im sozialen Leben Zukunft besitzt, seine praktischen 
Vorläufer (in manchen Erscheinungen der Kriegswirt 
schaft; in den Vorschlägen zur Bildung gemeinwirtschaft- 
lichcr Betriebe, in der Einrichtung der Betriebsräte); 
der Gildensvzialismus ist heute noch kein ausgearbeitetes 
System, und seine Vertreter bilden in Deutschland noch 
keine geschlossene Gruppe, aber seine Gedanken wirken 
schon überall, und wenn die Sozialisierung durchgeführt 
werden soll, wird sie sich aus der von ihm gezeichneten 
Linie bewegen. 
Wenn man den Gildensozialismus richtig verstehen 
will, muß man auf die psychologischen Wurzeln achten, 
aus denen er stammt. Seine Vertreter sind, z. B. in 
England, nicht einmal sämtlich Sozialisten im strengen 
Wortsinne. Gar manche Sozialreformer vertreten diese 
Gedanken. Sie gehen offenbar (wie gesagt, eine „offi 
zielle" Theorie besteht noch nicht) davon aus, daß die 
Erschütterung der Volkswirtschaft durch den Krieg, die 
restlose Durchdringung der Welt mit dem demokratischen 
Gedanken, die politische Machtsteigerung, welche die 
Arbeiter ohne Rücksicht auf den Ausgang des Krieges in 
allen Ländern erfahren haben — daß alle diese Umstände 
die soziale Empfindlichkeit der Massen derart gesteigert 
haben, daß sie großen privaten Besitz an sich schon als 
unmoralisch und mindestens als unsozial empfinden. 
Dazu kommt — diese Empfindung verstärkend — die 
Tatsache, daß überall, bei Siegern und Besiegten, der 
„neue Reichtum", in Industrie und besonders Handel, 
aber auch in der Landwirtschaft, nicht den bisher schon 
wohlhabenden, durch Generationen kultivierten Schichten 
zufiel, sondern oft zweifelhaften Existenzen, die ihre 
neuen Schätze parvenühaft zur Schau tragen und einen 
für das allgemeine Empfinden unerträglichen Kontrast 
zwischen der Not der Massen und dem zwecklosen, viel 
fach geschmacklosen und widersinnigen Luxus vor Augen 
stellen. Nicht nur die Arbeiterschaft, sondern gerade der 
gebildete, in Deutschland ehedem hochkultivierte, solide 
Mittelstand fühlt diesen Wandel der Dinge. Und auch 
er würde eine Ordnung begrüßen, welche den Widersinn 
der heutigen Wirtschaftsform beseitigt, und nicht die 
elementarsten Bedingungen einer menschenwürdigen 
Existenz nur den Reichsten — und das sind heute nur zu oft 
die Rücksichtslosesten und Unbedenklichsten — vorbehält. 
Es ist allerdings richtig, daß heute kein Land, das Krieg 
geführt hat, reich genug ist, d. h. über genügend Güter 
verfügt, um den ganzen Mittelstand in Lebensformen zu 
erhalten, die in der Zeit vor dem Kriege selbstverständliche 
Forderung waren, und vielfach wird der Anteil, den der 
Luxus, auch heute, beansprucht, übersteigert — aber wer 
kann sich wundern, daß die verarmten, deklassierten 
Schichten durch die aufdringliche Schaustellung der neuen 
Emporkömmlinge besonders verletzt werden? 
Nicht nur diese sozialen Empfindungen sind die 
Grundlage, auf welcher der Gildensozialismus erwächst. 
Auch für ihn ist die Frage der Verteilung nur der Aus 
gangspunkt. Wichtiger ist: Wie kann am meisten erzeugt 
werden? Haben wir mehr zu verteilen, wenn wir die 
Gütererzeugung anders organisieren? 
Diese Frage ist heute überall die Kernfrage. Sie 
war es nicht immer. Noch im Jahre 1913 konnte man 
eventuell für Reformen der Wirtschaft (z. B. Soziali 
sierung) eintreten, auch wenn sie nicht das Maximum an 
Sütererzeugung versprachen. Die Welt war so über 
quellend reich, daß man sich sagen konnte: wenn sich 
die Menschen wohler fühlen, wenn sie glücklicher sind, 
wenn sie freiere, festere, selbständigere Persönlichkeiten 
werden in der Gemeinwirtschaft, so wollen wir diese, selbst 
um den Preis, daß die Versorgung zeitweise, vorüber 
gehend und selbst dauernd etwas sinkt. Heute steht das 
anders: Wir sind so arm, alle unsere Kraftquellen so er 
schöpft, daß wir uns den Luxus einer Minderproduktion 
nicht zu leisten vermögen. Der Zuwachs an sozialem 
Selbstbewußtsein könnte für ein Minder an Verbrauchs- 
gütcrn nicht entschädigen. Heute wäre es eine gefährliche 
Illusion, anzunehmen, daß der westeuropäische Arbeiter 
(in Rußland scheint es nach manchem, was man hört, 
anders zu stehen) um des Sozialismus willen eine 
empfindliche weitere Einschränkung seiner Lebens 
haltung in Kauf nehmen würde. In viel höherem 
Maße gilt das von allen bürgerlichen Schichten, die so 
fort die heftigsten Gegner der neuen Wirtschaftsform 
würden, wenn eine Verschlechterung der Lebenshaltung 
auf ihre Rechnung zu setzen wäre. Heute mutz daher jeder 
Versuch, einer wirtschaftlichen Neuordnung sich dadurch 
rechtfertigen, daß die Leistungsfähigkeit der neuen Wirt 
schaft größer ist als die der alten. 
Die Leistungsfähigkeit einer Wirtschaftsform ist aber 
nicht bloß eine technische und organisatorische Frage, 
sondern auch ein psychologisches Problem. Eine Wirt 
schaft wird nur dann gute Ergebnisse zeitigen können, 
wenn die Menschen, die in ihr arbeiten sollen, die 
herrschenden Verhältnisse nicht anzweifeln, wenn sie 
die gegebenen Aber- und Unterordnungen selbstverständ 
lich finden und sich jede Schicht in ihrem Rahmen wohl 
fühlt. Die Sklavenwirtschaft wurde unmöglich, sobald 
die Sklaverei mit dem moralischen Empfinden der Men 
schen, und zwar sowohl der Sklaven als insbesondere auch 
der Sklavenbesitzer, nicht mehr verträglich war. Ein 
ähnlicher Umschwung im Bewußtsein der Menschen 
gegenüber der privatkapitalistischen Wirtschaftsform be 
reitet sich schon seit langem vor. Noch zu Beginn des 
Industriesystems, im 18. Jahrhundert, war es der Welt 
selbstverständlich, daß die Wechsel der Konjunktur von 
Arbeitern und Angestellten getragen werden müßten. 
Wie jeder Unternehmer in den Massenbankrott der 
Krise hineingerissen werden konnte, so war auch für die 
Arbeitnehmer der Wechsel von Hochkonjunktur und Krise
	        
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