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Die Ideen und die Entwicklung des Sozialismus Die sozialistische Internationale Abbildung: Aufruf im Jahre 1915 gegen den Eroberungskrieg

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Das Gebot der Stunde. 
Mg Manuskript gedruckt. 
Unter vielem Titel erschien am 19 3uni 1915 in der „Leipziger 
Volkszeitung" folgender Aufrufe 
„Die Stunde der Entscheidung ist gekommen Die deutsche Sozial- 
demokrotir ist oor eine Frage gestellt, die siir die Geschicke des deutschen 
Volkes. sür die Zukunft der Kuiturwelt von der größten Tragweite ist, 
Forderungen, siir die schon IN früheren Monaten eine gewisse Presse, 
sowie Vereinigungen, denen Keine größere Bedeutung beigelegt, wurde, 
systematisch Stimmung gemacht hatten, sind in den letzten Wochen oon 
Persönlichkeiten in hervorragender Stellung, sowie oon einflußreichen 
Körperschaften in teilweise sogar noch verschärfter Form oertreten worden. 
Programme werden ausgestellt, die dem gegenwärtigen Krieg den Stempel 
eines 
Eroberungskrieges 
aufdrücken. Noch ist es in oller Erinnerung, daß der Präsident des 
preußischen Herrenhauses, Wedel-Piesdorf, in der Sitzung des Herren 
hauses vom 15. März >915 erklärte, Deutschland stehe jetzt als Sieger da 
„Und wenn wir nichts weiter wositen, als den Angriff der 
Feinde abschlagen, so glaube ich, würde es nicht allzu schwer sei», 
einen Frieden in kurzer Frist zu erlangen. Damit aber kann sich 
Deutschland nicht bestiedigt erklären.. Nach den ungeheuren Opfern, 
die wir gebracht haben, an Menschen sowohl wie an Hab und Gut, 
müffen wir mehr fordern, wir können das Schwert erst wieder in die 
Scheide stecken, wenn Deutschland eine Sicherung erlangt hat dagegen, 
daß in ähnlicher Weise wie diesmal die Nachbarn über uns herfallend 
In der Reichstagssttzung vom 29 Mai 1915 haben die Abgeordneten 
Graf oon Westarp ak Vertreter der Konservativen und Schiffer als 
Vertreter der Rattonallibrralen unumwunden sich für Annexionen 
ausgesprochen: der erstere unter Berufung aus eine Erklärung des deut 
schen Reichskanzlers vom Aage zuvor, die dahin ging, Deutschland muffe 
alle nur möglichen „realen tSarantlen und Sicherheiten" dafür schaffen, 
daß keiner seiner Feinde, „nicht vereinzelt, nicht vereint", wieder einen 
Waffengong wagen werde. Diese Auslegung der Worte des Reichskanzlers 
Hot von der Reichsregierung keine Zurückweisung ersahren. 
Es ist fernerhin bekanntgeworden, daß sechs große Wirtschafts- 
Vereinigungen, voran der großkapitalistische Zcntraloerband deutscher 
Industrieller und die Kampsorganisation der Agrarier, der Bund der 
Landwirte, die der Politik des deutschen Reiches so oft schon die Richtung 
gewiesen haben, unter dem 20 Mai 1915 eine Eingabe an den Reichs 
kanzler gerichtet haben, worin sie fordern: 
Gewinnung eines großen Kolonialreiches, ausreichende 
Kriegsentschädigung und Annexionen in Europa. 
die allein im Westen über zehn Millionen Menschen — mehr als sieden 
Millionen Belgier und über drei Millionen Franzosen — zroangswerse 
unter deutsche Herrschaft stellen würden. Wie diese Zwangsherrfchast ge 
dacht ist, kennzeichnet der Satz der Eingabe, wonach Regierung unb Ver 
waltung in den annektierten Ländern so geführt werden muffen, daß „die 
Bewohner keinen Einfluß aus die Geschicke des Deutschen Reiches erlangen" 
Das heißt mit andern Worten, diese gewaltsam annektierte Bevölkerung 
soll politisch rechtlos gemacht und gehalten werden. Und weiter wird 
gefordert, aller Besitz, der einen starken wlrlschaftlichen und sozialen Ein- 
stutz gewähre, „müsse tn deutsche Hände übergeheu", im Westen be- 
sonders der industrielle Besitz aller großen Unternehmungen, im Osten be- 
sonders der landwirtschaftliche große und Miltelbesitz. 
Mehr noch. In den allerletzten Tage» hat ein deutscher Bundes- 
lürft, drr König von Bagern, in einer Ansprache in Fürth Forderungen 
in bezug aus die Ausdehnung unserer Grenzen un Westen ausgesprochen, 
„durch die wir sür Süd- und Westdeutschland günstigere Verbindungen 
zum Meere bekommen" 
Angesichts aller dieser Kundgebungen muß sich die deutsche Sozial, 
demokrolie die Frage ooriegcn, ob sie mit ^hren Grundsätzen und mit den 
Pflichten, die ihr als HIttertn der materiellen unp moralischen In- 
trreflen der arbeitenden Klaffen Deutschlands obliegen, vereinbaren 
kan», in der Frage der Fortsllhrung des Krieges an der Seile derjenigen 
zu stehen, bereu Absichten in schroffstem Widerstand sind zu den Sätzen 
der Erklärung unserer Reichstagsfradtion vom 4. August 1914, in denen 
diese oussproch, daß sie im Einklang mit der Internationale jeden Er 
oberungskrieg verurteilt. Dieser Satz würde zur Lüge gestempelt 
tverdcn, wenn die deutsche Sozialdemokratie jenen Erklärungen aus den 
Kreisen der Machthaber gegenüber es bei dem Aussprechen akademischer 
Friedenswünsche bewenden ließe Z» deutlich l>aben wir es erfahren 
müssen, daß man aus solche Bekundungen auch nicht bie geringste Rück 
sicht nimmt. 
Was verschiedene unter uns befürchtet haben, zeichnet sich immer 
bemerkenswerter ab Man erlaubt der deutschen Sozialdemokratie 
die Krtegsmittel zu bewilligen, man geht aber kühl über sie hinweg 
bei den für die Zukunst unseres Volkes folgenschwersten Beschlüssen. 
Dürfen wir dieses Verhältnis fortbestehen lassen, das uns die 
Möglichkeit raubt, dre Kraft der deutschen Arbeiterklasse sür eine Politik 
geltend zu machen, die nach unserer innersten, aus die Erfahrungen der 
Geschichte gestützten Ueberzeugung das Interesse des deutschen Volkes und 
mit diesem das aller beteiligten Völker gebietet? 
Ungeheuer sind die Opser die dieser Krieg den in ihn hineinge- 
risjencn Völkern schon verursacht hat und die jeder Tag vermehrt. Die 
Weltgeschichte kennt keinen zweiten Krieg, der auch nur annähernd gleich 
mörderisch gewirkt hätte. Es ist die 
Grausamkeit barbarischer Zeitalter, 
verbunden mit den raffiniertesten Mitteln der Zivilisation, welche die 
Blüte der Miker hinrafft Nicht minder unerhört sind die Opser. an 
Gllier». die der Krieg den Völkern entreißt. Weite Gebiete werden 
verwüstet, und Summen, die für Kuitnrzwccke in einem Jahre auszu 
geben man sich gescheut Hot. werden in diesem Kriege in einer Woche für 
die Tötung von Menschen und die Vernichtung oon Grundlagen künftiger 
Wohisahrt ausgegeben Allen beteiligten Nationen starrt bei Ver 
längerung des Krieges der Bankrott entgegen. 
In weiten Kreisen unseres Volkes und derjenigen Völker, mit 
denen das deutsche Reich ,m Kriege liegt, macht sich denn auch immer 
stärkere 
Friedenssehnsucht 
geltend Während die Herschenden davon zurückschrecken, diesem Friebens- 
bedürsnis zu entsprechen, blicken Tausende und aber Tausende ans die 
Sozialdemokratie, die man als die Partei des Friedens z» betrachten 
gewohnt war. und erwarten von ihr das erlösende Wort und das ihm 
entsprechende Derhulten 
Nachdem die Eroberungspläne oor aller Wäll offenkundig 
sind, hat die Sozialdemokratie die volle Freiheit, ihren gegensätzlichen 
Standpunkl in nachdrücklichster Weise geltend zu- mache», und die gege 
bene Situation mach! aus der Freiheit eine Pflicht, Das Proletariat 
erwartet sicherlich, daß das ebenso wie im Jahre 1870 sich bei einer ähn 
lichen Situation aller Voziaidemokraien, trotz ihrer Meinungsverschieden 
heiten denn Ausbruch des Krieges, zu einem einmütigen Handeln zu- 
sanimensanden. die Sozialdemokratie auch jetzt in gleicher Einmütigkeit 
zusammenstehen wird 
Wir wiffen, daß die Fricdensbedingungen, die von einer Seite 
der Kriegsührenden der andere» ausgezwungen werden, keinen wirkliche« 
Frieden dringen, sondern nur 
neue Rüstungen 
mit dem Ausblick auf neuen Krieg bedeuten. Ern wirklicher und dauern 
der Fiede ist nur möglich aus der Grundlage freier Bereinbornng. Dieser 
Grundlage zu schaffen, ist nicht der Soziaidemokralic eines einzelnen 
Landes gegeben Aber jede einzelne Partei kann nach Maßgabe sihrer 
Stellung und ihrer Kräfte dazu beitragen, daß diese Grundlage hergestellt wird. 
Die gegenwärtige Gestaltung der Dinge ruft die deutsche Sozial 
demokratie aus, einen cnischeideuden Schritt zu diesem Ziele zu tun. 
Sie ist heute oor die Wahl gestellt, diesem Gebote Folge zu leisten oder 
dem Vertrauen einen tödlichen Stoß zu versetzen, das sie bisher im 
deutschen Volk und in der gesamten Welt als Bersechtertn des Völker» 
frtedens genoß 
Wir zweisein aichl, daß unsere Partei diejenigen Folgerungen 
ziehen wird, die sich für unsere parlamentarische und außerparlamentarische 
Haltung hieraus.ergeben Mi! den schönsten Ueberlieferungen her Sozial 
demokratie steht die Zukunft unseres Volkes auf dem Spiel, feine 
Wohlfahrt und seine Freiheit. Hat unsere Partei nicht die Macht, 
die Entscheidungen zu treffen, so fällt doch uns die Aufgabe zu, als 
drängende Kraft die Politik in der Richtung vorwärts zu dräkgen, chle 
wir als die richtige erkannt haben. 
Eduard Bernstein. Hugo Haase. Karl Kautsky. 
Aufruf im Jahre 1915 gegen den Eroberungskrieg
	        
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