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Die Ideen und die Entwicklung des Sozialismus Die sozialistische Internationale

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Die sozialistische Internationale 
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der Delegierten entrollten ein anschauliches Bild der ge 
drückten Lage des Proletariats in den verschiedenen Län 
dern. Der immer stärker werdenden Macht des Kapitals, 
dem die staatlichen Gewalten untertan waren, stand eine 
ausgebeutete, verelendende Masse des Proletariats ge 
genüber, die nur zu einem kleinen Teil in die politische 
und gewerkschaftliche Bewegung hineingezogen war. 
Wohl konnten die Delegierten von großen Erfolgen in 
einzelnen Ländern berichten, wohl zeigte sich auch, daß 
überall, in der Alten und Neuen Welt, in Amerika ebenso 
wie in Rußland oder in den Balkanländern, eine mächtige 
Gärung vorhanden war und gewaltige soziale Konflikte 
heranreiften. Aber gleichzeitig klang aus fast allen Be 
richten der Wunsch heraus, daß ein Mittel gefunden 
werde, um die noch gleichgültigen 
Massen aufzurütteln und in Be 
wegung zu sehen. Als ein solcher 
Hebel wurde der K a m p f um 
d i e Aufbesserung der 
Lebenslage der Ar 
beiterschaft erklärt. „Das 
Ziel, auf dessen Erreichung es 
vor allem ankommt" — rief Dr. 
Viktor Adler, der Führer 
der österreichischen Delegation 
aus — „heißt: Hebung des phy 
sischen, intellektuellen und mo 
ralischen Zustandes des Proleta 
riats ... In der letzten Stunde, 
wenn nun die kapitalistische Ge 
sellschaftsordnung zusammen 
bricht — und sie wird ganz von 
selbst zusammenbrechen, ohne daß, 
sozusagen, man dabei nachzu 
helfen brauchte —, dann wird 
das Schicksal des Proletariats 
sich entscheiden nach dem Grade 
geistiger Entwicklung, den es er 
reicht haben wird. Wir besitzen 
weniger Einfluß auf das Ein 
treten dieses Moments, als wir 
selbst anzunehmen pflegen. Aber 
eins liegt in unserer Macht: uns 
für diesen Augenblick vorzube 
reiten. Von dieser Vorbereitung 
hängt die Zukunft ab. Wird sie 
Sklaven finden, welche ihre Ket 
ten brechen, oder Massen, welche entschlossen sind, frei 
zu werden? Bereit sein — das ist alles. Das ist der 
Grund, weshalb wir überall eine Arbeiterschutz 
gesetzgebung verlangen, welche unerläßlich ist für 
eine gute soziale Hygiene." 
Neben der Frage der Arbeiterschutzgesetzgebung wurde 
auf dem Kongreß die Frage des Achtstundentages 
in den Vordergrund gerückt. K e i r H a r d i e , der Ver 
treter von 56 000 organisierten schottischen Bergleuten, 
verlangte internationale Verständigung der Arbeiter zum 
Kampf gegen Lohndruck und Arbeitslosigkeit, zum Kampf 
für einen Normalarbeitstag von acht Stunden. „Wir 
Engländer"—rief er aus — „sind eine nordische, praktische 
und kaltblütige Nation! Wir erwarten den Fortschritt 
von etwas Greifbarerem und Vernünftigerem als bloße 
Worte es sind oder eine blutige Revolution, die, wenn sic 
morgen beginnen würde, kaum etwas Gutes herbei 
führen könnte. Die Vorlegung eines Gesetzes zu 
gunsten des Achtstundentages würde mehr 
als alle Revolutionen bewirken, d. h., sie würde selbst eine 
solche sein, und zwar die allerwirksamste." 
Die Worte Adlers und Keir Hardies geben die Stim 
mung der großen Mehrheit des Pariser Kongresses 
wieder. Aus dieser Stimmung heraus konzentrierten 
sich die Debatten mehr und mehr aus die Frage der 
internationalen Arbeitergesetzgebung. Die schließlich an 
genommene Resolution bildete den Ausgangspunkt des 
internationalen Kampfes um den Arbeiterschutz, der von 
den politischen Parteien und den Gewerkschaften der 
einzelnen Länder aufgenommen wurde. Diese Reso 
lution, die aus einer Verschmelzung der Anträge Bebel 
und G u e s d e entstanden und in einzelnen Punkten 
von Morris, Keir Hardie, 
S ch e r r e r u. a. modifiziert 
worden war, lautete: 
„Der Internationale Arbeiter- 
Kongreß von Paris: 
In der Überzeugung, daß die 
Emanzipation der Arbeit und der 
Menschheit nur ausgehen kann 
von dem als Klasse und inter 
national organisierten Proleta 
riat, welches sich die politische 
Macht erringt, um die Expro 
priation des Kapitalismus und 
die gesellschaftliche Besitzergrei 
fung der Produktionsmittel ins 
Werk zu setzen: 
In Erwägung: 
daß die kapitalistische Produk 
tionsweise in ihrer rapiden Ent 
wicklung nach und nach alle 
Länder mit moderner Kultur 
umfaßt; 
daß die Entwicklung der kapi 
talistischen Produktionsweise die 
steigende Ausbeutung der Ar 
beiter bedeutet; 
daß die immer intensiver wer 
dende Ausbeutung die politische 
Unterdrückung, ökonomische Un 
terjochung und physische wie 
moralische Degeneration der Ar 
beiterklasse verursacht; 
daß es infolgedessen die Pflicht 
der Arbeiter aller Länder ist, mit allen ihnen zu Gebote 
stehenden Mitteln eine soziale Organisation zu be 
kämpfen, welche sie unterdrückt und überhaupt jede freie 
Entwicklung der Menschheit bedroht; daß es sich jedoch 
vor allen Dingen darum handelt, den zerstörenden Wir 
kungen der gegenwärtigen ökonomischen Ordnung tätigen 
Widerstand entgegenzusetzen, 
beschließt der Kongreß: 
Eine wirksame Arbeiterschuhgesctzgebung ist in allen 
Ländern, welche von der kapitalistischen Produktions 
weise beherrscht werden, absolut notwendig. 
Als Grundlage für diese Gesetzgebung fordert der 
Kongreß: 
a) Festsetzung eines höchstens acht Stunden betra 
genden Arbeitstages für jugendliche Arbeiter; 
b) Verbot der Arbeit der Kinder unter 14 Jahren und 
Herabsetzung des Arbeitstages auf sechs Stunden für 
beide Geschlechter; 
Blumen für äes Arbeiters Maitag 
Nach einer Zeichnung von Walker Lrane
	        
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