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Die Ideen und die Entwicklung des Sozialismus Der Gewerkschafts- und Genossenschaftsgedanke

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Der Gewerkschafts- und Genoffenschaftsgedanke 
land zugleich die politische M a s s e n st r e i k i d e e 
auf: sie wird besonders beflügelt durch die Unterdrückung 
der wirtschaftlichen Kampfbewegung der englischen Ar 
beiterschaft durch die Koalitionsgesetze. So spricht eine 
Proklamation der schottischen Arbeiter vom l. April 1820 
bereits vom Massenstreik, und sie empfiehlt einen „Zentral 
ausschuh zur Gründung einer provisorischen Regierung". 
Sie fordert bezeichnenderweise das Volk auf, „sofort ans 
Werk zu gehen und im Falle eines Widerstandes eine v o l l - 
ständige Umwälzung in der Negierung zu vollziehen". 
Der politische Streik 
bricht sich also in einer 
relativ frühen Periode 
der Entwicklung des Ka 
pitals Bahn, und zwar 
wütet er sich schon mit 
einer revolutionären 
Heftigkeit und anar 
chistischen Regellosigkeit 
aus, wie sie uns später 
nur in der großen rus 
sischen Umwälzungs 
periode bekannt gewor 
den sind. K. Kautsky 
charakterisiert an der 
Hand der Abhandlung 
Pumpianskys über die 
Anfänge des englischen 
Trade-Unionismus 
trefflich die Erschei 
nungsweisen dieser po 
litischen Massenstreikbe 
wegung der englischen 
und schottischen Arbeiter 
und schließt dann mit 
den Worten: 
„Hier haben wir ge 
nau dieselbe Bewe- 
gungsform und dieselbe 
Bereitwilligkeit der Fa 
brikarbeiter, in einen 
Streik zu gehen und ihn 
revolutionären Zwecken 
dienstbar zu machen. 
Die Erforschung jener 
englischen Bewegungen 
ist von größter Wichtig 
keit für die Erkenntnis des Proletariats und seiner Be 
wegungsgesetze. Aber eines zeigen sie auf keinen Fall 
an: ein vorgeschrittenes Stadium der Entwicklung, das 
noch vor dem westeuropäischen Proletariat liegt." 
In England taucht später der Massenstreikgedanke wieder 
in den Jahren 1832 bis 1842 auf. Abermals halten große 
Gruppen der organisierten Arbeiterschaft Englands den 
Kapitalismus für völlig brüchig und für den Untergang 
reif. Selbst ein besonnener Mann wie Robert Owen hörte 
bereits das Totenglöcklein für den Kapitalismus läuten. 
Auf dem Kongreß der Vertreter der Kooperationen und 
der Trade-Unions in der zweiten Oktoberwoche 1833 in 
London erklärte er: 
„Ich gebe Ihnen nur in kurzen Strichen die Grundzüge 
des großen Umschwunges, der sich vorbereitet und der 
plötzlich wie ein Dieb in der Nacht über die Gesellschaft 
kommen wird." 
Von der Nähe der plötzlich eintretenden Umwälzung 
des Kapitalismus sind übrigens die revolutionären Anti 
poden Robert Owens in der gleichen Weise wie dieser 
überzeugt. Der revolutionäre Führer Morrison hält die 
„Krise" in den Verhältnissen der Arbeiterklasse für „nahe", 
ja für „bereits da". Das Arbeiterblatt „Pool Man’s Guar 
dian“ wendet sich von der „kleinlichen" Lohnpolitik der 
Gewerkschaften entrüstet ab. Das Blatt schreibt am 
19. Oktober 1833: 
„Irgendeine kleinliche Lohnerhöhung zu erzielen oder eine 
Lohnherabsetzung zu verhindern, war alles, was sie bis 
jetzt erstrebten und wo 
für sie streikten. Diese 
oder ähnliche Zwecke 
waren Sklavenzwecke, 
sie berühren nicht die 
Wurzel des Übels; sie 
hatten keine radikale 
Änderung im Auge, 
ihre Tendenz war nicht, 
das System zu ändern, 
sondern es erträglich 
und dauerhaft zu ma 
chen." 
Der „Poor Man's 
Guardian“ predigt am 
31. August 1834 in aller 
Form den politischen 
Streik, der den Krieg 
zwischen Kapital und 
Arbeit ausfechten wird. 
Er schreibt unter an 
derem: 
„Kommen die Ar 
beiter zum Bewußtsein 
ihrer Lage, so hat das 
Totenglöcklein des Kapi 
talismus geschlagen. 
Um ihre Befreiung zu 
erringen, ist es am be 
sten, sich der S t r e i k s 
im praktischen 
Kamps zu bedie 
nen. Es muß fort 
gesetzt gestreikt wer 
den ... Der große Vor 
teil eines Streiks ist, 
daß er den Gegensatz 
zwischen Arbeitern und Kapitalisten verschärft. Es gibt 
noch Tausende von Arbeitern in England, die in apathischer 
Zufriedenheit dahinleben und den Kapitalisten für einen 
Hungerlohn ihre Arbeit hingeben. Ein Streik von der 
Dauer einer einzigen Woche bringt derartige Arbeiter zum 
Nachdenken und zur Frage nach den Gesetzen, die sie 
zwingen, zu schuften und zu darben, um den Unterneh 
mern zu gestatten, sich in Reichtum und Luxus zu wälzen. 
Das Ergebnis dieses Nachdenkens würde eine heftige 
Feindschaft gegen die kapitalistische Klasse sein." 
Die „moderne Terminologie" spricht sich schon in der 
englischen Arbeiterliteratur dieser Zeit aus. Da häufen sich 
förmlich die Ausdrücke wie kapitalistische Klasse, Klassen 
gegensätze, Proletariat, Bourgeoisie, Streik und General 
streik. 
In der Chartistenbewegung erlangt dann die 
politische Massen st reikidee eine ü b e r r a - 
gendeBedeutung. Der Nationalkonvent der Char- 
Suropa balanciert auf einer Bombe 
Nach einer Zeichnung von H. Daumier
	        
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