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Die Ideen und die Entwicklung des Sozialismus Radikalismus und Anarchismus

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Radikalismus und Anarchismus 
Eigentum bin Ich berechtigt?", so fragte er. Und er ant 
wortete: „Zu jedem, zu welchem Ich Mich — ermächtige. 
Das Eigentumsrecht gebe Ich Mir, indem Ich Mir Eigen 
tum nehme, oder Mir die Macht des Eigentümers, die 
Vollmacht, die Ermächtigung gebe." 
Im „Sozialist" kam auch der wieder zum Wort, dessen 
ganzes Leben eigentlich eine ständige Revolte gegen den 
Staat war: Michael Bakunin. 
Etwas Sieghaftes, Eroberndes lag in dem Wesen 
Bakunins, das sich in zahlreichen Briefen und Aufzeich 
nungen seiner Freunde und 
Anhänger ausspricht. So 
begegnet Bakunin in Florenz 
dem Professor des Sanskrits 
Eubernatis, der sich anfäng 
lich mit großer Energie gegen 
die anarchistischen Ideen und 
Pläne des großen Menschen 
fischers aufzulehnen sucht. 
Bakunin zwingt ihn ganz in 
den Bann seiner Gedanken, 
und Eubernatis verläßt sofort 
den Staatsdienst. 
Der Gelehrte äußert ein 
mal: „Die neuen Gedanken 
hatten mein Gehirn so auf 
geregt, daß ich nicht liegen 
konnte. Ich verließ das Bett, 
ging in schrecklicher -Auf 
regung in meinen Zimmern 
auf und ab, die mir infolge 
der neuen Begeisterung, die 
sich meiner bemächtigt hatte, 
zu eng wurden. Ich ver 
dammte die Abscheulichkeit 
und Nutzlosigkeit meines frü 
heren Lebens und sagte laut 
zu mir selbst, daß e^ noch ab 
scheulicher wäre, wollte ich 
mit meinen republikanischen, 
ja revolutionären Gefühlen 
noch eine Stunde länger in 
meinem öffentlichen Amt 
verbleiben." Der große russi 
sche Kritiker Bjelinskij, mäch 
tig von der überwältigenden Persönlichkeit des 24- bis 2Sjäh- 
rigen Bakunin ergriffen, schreibt an diesen: „In meinen 
Augen bist Du jetzt nichts anderes als ein Ausdruck chaoti 
schen Gärens der Elemente. Dein Ich strebt sich heraus 
zuarbeiten, und zwar in riesenhaften Formen. Dieser 
seelische Vorgang ist für Dich schmerzhaft: in ihm vollzieht 
sich die Zerstörung zum Schaffen, die Fäulnis zu neuer 
Fruchtbarkeit." 
Die Größen der russischen Literatur, Turgenjew und 
Herzen, wurden von dem Revolutionär, dem die „Lust 
der Zerstörung" zugleich „schaffende Lust" war, oft in 
Bahnen gedrängt, in die sie ihrer ganzen Veranlagung 
nach nicht hineingehörten. 
Vulkanisch flammte die Seele Bakunins vor allem in 
den Volksaufständcn der Revolution von l848. In Dresden 
wurde er der Organisator des Maiaufstandes. Und in 
Ketten bereitet er noch neue Revolutionen vor. Die 
entsetzlichen Leide» des dreimal zum Tode Verurteilten 
in den Gefängnissen dämpften dessen Feuergeist nicht. 
Schon auf seiner abenteuerlichen Flucht nach London 
konspirierte er wieder gegen die Machthaber, denen er 
soeben erst entronnen war. Er blickte, wie Herzen einmal 
treffend sagte, nur auf das entfernte Ziel und „nahm den 
zweiten Monat der Schwangerschaft für den neunten". 
Obwohl Bakunin nur der Revolution lebte, entging er 
nicht der Verleumdung, ein bezahltes Werkzeug des reak 
tionären Rußlands zu sein. 
Das Sprunghafte und Gewaltsame in seiner Natur 
übertrug Bakunin in die Menschen und Verhältnisse seiner 
Zeit. Der Mensch und der Revolutionär sielen in den 
Augen Bakunins zusammen, 
und umsturzgeladen, kata 
strophenschwanger war nach 
dem russischen Revolutionär 
das ganze gesellschaftliche 
Milieu. Der revolutionäre 
Funke eines kleinen Putsches 
konnte schon die erschütternd 
sten sozialen Schlagwetter zur 
Entladung bringen. Das 
war ein Grundgedanke der 
Bakuninschen Welt- und Le 
bensanschauung, und man 
versteht daher, daß ihn eine 
energielähmende Schwermut 
befällt, als er bei dem 
Scheitern des Lyoner Auf- 
standes im September 1870 
den wirklichen Menschen ent 
deckt: den von kleinbürger 
lichen Ideen und Gefühlen 
beherrschten Franzosen. Er 
(Bakunin), so schreibt Fritz 
Brupbacher in seiner Studie 
„Marx und Bakunin", hatte 
erwartet, das Volk werde auf 
stehen und sich gegen die 
neue Regierung nicht minder 
wehren als gegen die preu 
ßischen Regierungssoldaten. 
Als dies nicht geschehen, sagte 
er dem Gedanken an eine 
nahe Revolution Lebewohl 
und sah vor sich, vor Europa 
eine Zeit schwerster militä 
rischer und bureaukratischer Reaktion, die vielleicht 
Jahrzehnte dauern würde. Mit seinem Glauben schwand 
auch das Gefühl der Sicherheit und Kraft. Zwischen 
den unglücklichen Menschen der Gegenwart und seine 
glückselige Zukunft schiebt sich nach Bakunin die U n- 
f r e i h e i t, die Knechtschaft, die wirtschaftliche und 
seelische. Sprengt sie der Mensch gewaltsam hinweg, 
dann kann er sofort in freien, zwangloser! 
Gruppen und Assoziationen sein Leben 
harmonisch und glückselig gestalten. Die zerstörende 
Leidenschaft ist für Bakunin eine schaffende Lust. Das 
Freiheitsmoment wertet Bakunin für den Ausbau der 
kollektivistischen Organisation ganz anders als Marx. Der 
große Sozialist macht diese Organisation direkt von einem 
gewissen Reifegrad der wirtschaftlichen Arbeit abhängig, 
und es verliert sich sein Blick nicht in das Unbestimmte, 
Nebelhafte eines allgemeinen Freihcitsbegriffes, sondern 
er wendet sich der historisch begrenzten, der schon in der 
Gegenwart werdenden Freiheit zu. Gegen das allgemeine 
verschwommene anarchistische Freiheitsprögramm Baku- 
Titelseite einer illustrierten Agitationsschrift äer 
Buchhanälung „Vorwärts" 
Mir Genehmigung äer Buchhanälung „Vorwärts", Berlin
	        
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