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Die Ideen und die Entwicklung des Sozialismus Radikalismus und Anarchismus

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Radikalismus und Anarchismus 
von Paul Kampffmeyer 
3 n den jungen Tagen der deutschen Arbeiterklassen 
bewegung trug Wilhelm Liebknecht durch 
seine vielgenannteRede: Aber die politische 
Stellung der Sozialdemokratie eine heftige 
Gärung in die Köpfe des aufstrebenden Proletariats hinein. 
Aberall hatten die Lassalleaner Altäre für den „Kultus" des 
allgemeinenWahlrechts errichtet und feierten den Staat als 
den eigentlichen Erlöser der unterdrückten und ausgebeu 
teten Arbeiterklasse. Da 
fuhr wie ein Blitz in die 
Massen das zündende 
Wort Liebknechts hinein: 
„Kein Friede mit dem 
heutigen Staat! Andweg 
mit dem Kultus des all 
gemeinen und direkten 
Wahlrechts." 
Der heiße Atem der Re 
volution ging durch die 
ganze Rede Liebknechts. 
Er malte schwarz in 
schwarz die traurige Wir 
kungslosigkeit der dem 
Volke zur Verfügung ste 
henden gesetzlichen Mittel. 
Das Volk kann frei wäh 
len, die Regierung aber 
beeinflußt dieWahlen, das 
Volk kann frei wählen, die 
Regierung aber verbietet 
die Wahlversammlungen 
und konfisziert die Wahl 
aufrufe. Und da soll das 
Volk seinen Willen durch 
eine Mehrheitsvertretung 
zum Ausdruck bringen 
können? „Aber angenom 
men", so wirft Liebknecht 
ein, „dieRegierung mache 
vonihrer Macht aus Kraft 
gefühl oder Berechnung 
keinen Gebrauch, und es 
gelinge, wie das der 
Traum einiger sozialisti 
scher Phantasiepolitiker ist, 
Der Sozialismus erweckt ckas Proletariat aus seinem 
politischen Schlaf 
symbolisches Bilä von Waller Lrane 
eine sozialdemokratische Majorität in den Reichstag zu 
wählen, — was sollte die Majorität tun? Hic Rho- 
dus, hic salta. Jetzt ist der Moment, die Gesellschaft 
umzugestalten und den Staat. Die Majorität faßt 
einen weltgeschichtlichen Beschluß, die neue Feit wird 
geboren — ach nein, eine Kompagnie Soldaten jagt 
die sozialdemokratische Majorität zum Tempel hin 
aus, und lassen sich die Herren das nicht ruhig ge 
fallen, so werden sie von ein paar Schutzleuten in die 
Stadtvogtei abgeführt und haben dort Zeit, über ihr 
donquixotisches Treiben nachzudenken. Revolutionen 
werden nicht mit hoher obrigkeitlicher Erlaubnis ge 
macht; die sozialistische Idee kann nicht innerhalb 
des heutigen Staates verwirklicht werden, sie muß 
ihn stürzen, um ins Leben treten zu können." 
Den Parlamentarismus suchte Liebknecht als ein leb- 
und blutloses Scheinwesen zu charakterisieren, dem er 
nicht einmal einen agitatorischen Wert beilegte. Sogar 
dem Reden aus dem Fenster des Parlaments sprach er 
jede wesentliche Bedeutung ab. Theoretische Darlegungen 
wären ausgeschlossen, da keiner, ohne abzulesen, dem 
Stenographen eine Abhandlung diktieren könne. „Was 
die Arbeiter von Debatten über die soziale Frage er 
fahren," so betonte Lieb 
knecht, „können sie weit 
besser, viel sorgfältiger ge 
arbeitet in der Form von 
selbständigen Leitartikeln 
und Abhandlungen brin 
gen. Fassen wir zusam 
men: Einen direkten Ein 
fluß kann unser Reden 
nicht ausüben. Den 
.Reichstag' können wir 
durch Reden nicht beleh 
ren. Durch unsere Reden 
können wir unter die 
Massen keine Wahrheiten 
werfen, die wir ander 
weitig nicht viel besser ver 
breiten könnten. Welchen 
.praktischen' Zweck hat also 
das Reden im .Reichstag? 
Keinen. And zwecklos 
reden, ist Toren Vergnü 
gen. Richt ein Vorteil! 
And nun auf der anderen 
Seite die Nachteile: das 
Prinzip geopfert, der 
ernste, politische Kampf 
zur parlamentarischen 
Spiegelfechterei herabge 
würdigt, das Volk zu dem 
Wahne verführt, derBis- 
marcksche .Reichstag' sei 
zur Lösung der sozialen 
Frage berufen." 
Aus dem Fenster her 
ausreden, das hat nach 
Liebknecht wohl einen 
Arbeiterbataillone gerüstet an den 
Ja, da „kann vielleicht 
Zweck, wenn die 
Toren des Parlaments stehen 
ein von der Tribüne geschleudertes Wort, zündend wie 
ein elektrischer Funke, das Signal zu befreiender Tat 
geben. Aber jetzt sind wir, Gott sei Dank, nicht 
in ehr in einer Zeit chronischer Versumpftheit — 
leider n o.ch nicht am Vorabend einer aus dem 
Innern des Volkes hervorquellenden Tat." 
Die Rede Liebknechts rief den Arbeitern donnernd in 
die Ohren, daß der Sozialismus keine Frage der Theorie, 
sondern einfach eine Machtfrage sei - eine Machtfrage, 
die in keinem Parlament, die nur auf der Straße, auf 
dem Schlachtfelde gleich jeder anderen Machtfrage gelöst 
werden könne. 
Einen einzigen lautschallenden Kommandoruf zur
	        
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