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Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Marx und Engels 
Kolonisation von Kalifornien und Australien und dem Auf 
schluß von China und Japan zum Abschluß gebracht. Die 
schwierige Question (Frage) ist für uns die: auf dem Kon 
tinent ist die Revolution imminent und wird auch sofort 
einen sozialistischen Charakter annehmen. Wird sie in 
diesem kleinen Winkel nicht notwendig gecrusht (gedrückt) 
werden, da auf viel größerem Terrain das Movement 
(Bewegung) der bürgerlichen Gesellschaft noch ascendant 
(ansteigend) ist." Der Blick des Karl Marx, der so fein 
aus die weltwirtschaftliche Entwicklung des Bürgertums 
eingestellt llt, schweift über die Alte und Reue Welt dahin 
und bleibt bei den Fortschritten Rußlands in Zentralasien 
stehen. „Kannst Du mir Deine Quellen über den Progreß 
der Russen in Zentralasien angeben?" fragt er seinen 
Freund Engels. Stets war dieser große Kopf bemüht, 
seine Theorien über die wirtschaftliche Entwicklung aus ihre 
Nichtigkeit hin nachzuprüfen. Eu 
ropa erscheint ihm, der vielleicht 
früher in einer Pariser proletari 
schen Revolution oberm einer Lon 
doner chartistischen Erhebung den 
Untergang der bürgerlich-kapitali 
stischen Gesellschaft gesehen hatte, 
nur als „kleiner Winkel". Zwischen 
Marx und Engels ersteht in Eng 
land eine Freundschaft von einer 
sittlichen Höhe, wie wir sie kaum 
in den uns von der bisherigen 
Geschichte überlieferten Freundes 
bündnissen antreffen. Aber schwär 
merische Freundschaftsbeteuerun 
gen und Gefühlsergüsse sind nie 
mals den Briefen dieser gefühls- 
und gedankenstarken Männer ein 
gestreut. Nachdem Engels unter 
großen persönlichen Opfern jahre 
lang die Familie Marx tatsäch 
lich über Wasser gehalten hat, 
schreibt ihm Marx schlicht nach 
Vollendung des ersten Bandes 
seines Lebenswerkes, des Kapitals, 
am IS. August I8S7: 
„Also dieser Band ist fertig. 
Bloß Dir verdanke ich es, daß dies 
möglich war! Ohne Deine Auf 
opferung für mich konnte ich un 
möglich die ungeheuren Arbeiten 
zu den drei Bänden machen. „I einbraee you, f u n 
of thanks". (Ich umarme Dich voller Dank.) 
Fast einen fanatischen Haß hegte Engels gegen den Be 
ruf des Kaufmanns und Industriellen. In seinem Briefe 
vom 20. Januar 1845 verwünscht er ihn, weil es besonders 
„zu scheußlich" ist, „nicht nur Bourgeois, sondern sogar 
Fabrikant, aktiv gegen das Proletariat auftretender Bour 
geois zu bleiben". Und er verläßt sich auf die rettende 
Polizei, die Ihm doch bald seine kaufmännisch-industrielle 
Laufbahn vollständig zerstören werde. Gleichwohl fesselt 
sich dieser leidenschaftliche Propagandist des Kommunis 
mus, der Ostern 1845 schon durch einen Gewaltitreich alle 
verbindenden Brücken zu einem bourgeoisen Beruf mutig 
abbrechen will, bis zum Jahre 1869 selbst an die „süße 
Kaufmannstätigkeit", damit sein Freund Marx der Wissen 
schaft leben und seine weltgeschichtliche Tat: „Die grund 
stürzende Kritik der kapitalistischen Gesellschaft", voll 
bringen kann. Die Hingabe eines vollen heißen Lebens 
in einer großen Opfertat für den Freund: das hat die Welt 
wohl des öfteren schon gesehen, nicht aber die weit schwie 
rigere, sich über ein Vierteljahrhundert erstreckende Hin 
gabe der Persönlichkeit an einen ungeliebten Berus, die für 
diese Zeit auch den Verzicht auf das in sich schloß, was das 
Leben lebenswert macht: auf die ungehemmte Propaganda 
einer neuen weltgeschichtlichen Idee. 
Die ganze Größe und Kraft des Marxschen Geistes ver 
stehen wir erst aus seinem Briefwechsel mit Friedrich 
Engels. Aus diesen intimen Schilderungen des Triumphes 
eines schöpferischen Genius über die gemeine, physisch 
zerrüttende und seelenmörderische Misere des Alltags. 
Unter den widrigsten Verhältnissen nimmt Marx in Lon 
don sein großes Lebenswerk: Die Kritik der kapitalistischen 
Wirtschaftsweise, wieder auf. Von allen geschäftlichen Ver 
bindungen mit dem Kontinent sieht sich der revolutionäre 
Denker völlig abgeschnitten. Der 
vollständige wirtschaftliche Zusam 
menbruch seiner Familie steht 
drohend vor seinen Augen, und 
in dieser entsetzlichen Lage schreibt 
er am 31. März 1851 folgenden 
Brief an Engels: 
„Lieber Engels! Während Du 
Kriegsgeschichte treibst, führe ich 
einen kleinen Krieg, indem ich by 
anä by zu unterliegen drohe, und 
woraus weder Napoleon noch 
selbst Willich (der kommunistische 
Cromwell) einen Ausweg gefun 
den haben würden... Gleich 
zeitig ist meine Frau niederge 
kommen am 28. März. Die Ent 
bindung war leicht; dagegen liegt 
sie jetzt sehr krank da, mehr aus 
bürgerlichen als aus physischen 
Gründen. Dabei habe ich ver- 
balement keinen kartkinZ im Hause, 
um so mehr Rechnungen dagegen 
von dem kleinen Commerce, Metz 
ger, Bäcker usf. Du wirst zugeben, 
daß diese Gesamtsose passablement 
angenehm ist, und daß ich bis an 
die Wirbelspitze meines Schädels 
in kleinbürgerlichem Dreck stecke. 
Und dabei hat man noch die 
Arbeiter exploitiert! Und strebt 
nach der Diktatur! „«Zueile llorreur!" 
In diesen Kleinkrieg mit Metzgern, Krämern und Bäckern 
arbeitet Marx rüstig an einer Kritik der Grundrenten- 
lheorie fort und diskutiert mit Engels weitläufig das 
Problem der Anwendung der Elektrizität auf die Agri 
kultur. Ja, aufrechten, gehobenen Hauptes sitzt er, Pro 
bleme wälzend, an seinem Arbeitstisch, als er nicht mehr 
ausgehen kann, da sich seine Röcke im Pfandhaus befinden. 
Und zur gräßlichen Not in Küche und Keller gesellen sich 
schwere Krankheiten in der Familie. 
Nur geringe materielle Hilfsmittel fließen Marx aus 
seiner Mitarbeit an der New-Pork Tribune zu. Der Ver 
leger der Zeitung bringt oft seine wertvollsten Artikel 
nicht zum Abdruck oder verstümmelt sie. Marx erwägt 
daher, obwohl er in tiefstem Elend steckt, ob er nicht völlig 
mit diesem Verleger brechen soll. Es hilft aber nichts, er 
muß weiter „Knochen stampfen, mahlen, und Suppe 
daraus kochen, wie die Pauper im Workhouse". Im Anfang
	        
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