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Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

Die Befreiung äer Menschheit III 
Die großen Utopisten 
von Friedrich Mückle 
Robert Owen 
an hat sich namentlich seit Marx daran gewöhnt, 
eine Reihe von Sozialisten mit dem Namen Uto 
pisten zu bezeichnen, und man will damit zum Aus 
druck bringen, daß diese Denker und Propheten ihr Ideal 
verkünden, ohne sich um die Bedingungen des geschichtlichen 
Lebens weiter zu bekümmern. Thomas More, der berühmte 
englische Humanist und Staatskanzler, hat die von ihm 
entworfene, mit kühner Phantasie ausgebaute sozia 
listische Lebensordnung Utopia genannt: so verbindet 
sich heute mit dem Namen „Utopist" die Verheißung 
von etwas Phantastischem, Willkürlichem, die Ver 
heißung einer Ordnung, die ein menschenfreundliches 
Wollen ausstattet mit Wundern, die der nüchterne Sinn 
als Ausgeburt zügelloser Willkür abweist. 
Man hat die großen Utopisten, die auf Karl Marx ein 
gewirkt, sehr zu Unrecht lediglich als Phantasten abzutun 
versucht, und wenn wir der Lebensarbeit Owens, 
Fouriers, Samt-Simons unsere Aufmerksamkeit zu 
wenden wollen, so leitet uns vor allem das Bestreben, 
zu zeigen, daß diese Propheten des sozialistischen Ideales 
auch uns noch zur' Bewunderung stimmen können: 
Als Menschen der großen Liebe, die in Zeiten der Ver 
blendung und sozialer Not sich der Armen und Ver 
lassenen annahmen, brandmarkend das wirtschaftliche 
System, das diese in Tiefen des Unheils herabgedrückt; 
als große Denker, die den Kapitalismus, die Ursprungs 
stätte des Elendes, das ihr Herz einschnürte, beleuchteten 
in all seiner menschenzerstörenden Wirkung: als Pro 
pheten, die aus glühender Seele heraus das Herauf 
kommen eines neuen Weltalters der Freude und Eintracht 
verkündeten. Und nicht allein dieses. Sie haben refor 
mierend auch auf das kapitalistische System, das sie ver 
nichten oder doch umbilden wollten, eingewirkt, haben 
entscheidenden Anteil an der Bildung einzelner, in den 
Kapitalismus hineingebauter Genossenschaften, an der 
Durchführung der Arbeiterschuhgesetzgebung, sie haben 
vor allem das dunkle Sehnen des Proletariates nach 
besseren Zeiten geklärt. 
Da lenkt einmal Robert Owen unsern Blick auf sich, 
und er weidet sich an dieser Gestalt wie an einem sonni 
gen Eiland inmitten einer von der Flut des Verderbens 
überspülten Zeit. >771 in Nordwales als Kind einfacher 
Leute geboren, gelingt es ihm schon im Jünglingsalter, 
sich zum Leiter einer großen Spinnerei aufzuschwingen, 
die dann in seinen Besitz überging. Aber nicht die För 
derung seines Unternehmens war es, was Owen vor 
allem am Herzen lag, sondern der Mensch, die Arbeiter, 
die inseinen Diensten standen, waren es, denen seine Tat 
kraft zugewandt war. In Owen war Wirklichkeit ge 
worden jenes Ideal, das Thomas Carlyle mit der ganzen 
Beredsamkeit seiner großen Seele verherrlicht hatte: der 
Führer der Industrie, der über seinen Arbeitern waltet 
nicht als ein kalter von Eigennutz beherrschter Tyrann, 
nicht als ein roher Kapitalist, der über dem Gedeihen 
seines Unternehmens die Not übersieht, die dem Glanz 
äußerer Erfolge wie ein düsterer Schatten folgt, sondern 
als ein besorgter Freund, der seine Untergebenen zum 
Heile führt. Owens Herz schlug seinen Arbeitern entgegen 
mit väterlichem Sinne, er führte sie, daß sie nicht strau 
chelten, beschützte sie, daß sie nicht vom Abgrund der Not 
verschlungen wurden. In einer Zeit, wo in England der 
Kapitalismus ein Massenelend schuf, so schrecklich, daß 
sich die Sonne hätte verfinstern mögen, da hat Robert 
Owen ein Wunder verrichtet. Seinem gütigen Sinn 
war cs zu verdanken, daß die Arbeiter, die in jedem Kapi 
talisten einen blutgierigen Tyrannen witterten, sich ver 
trauensvoll um ihn scharten und seinen Weisungen, die 
abzielten auf ihr Wohlergehen, willig Folge leisteten. 
Rücksichtslos wurden damals in England in Zeiten der 
Krisis die Arbeiter in die Nacht des Elends und der Ver 
lassenheit hinausgestoßen. Robert Owen aber bezahlte 
gelegentlich einer wirtschaftlichen Stockung den entlassenen 
Arbeitern Monate hindurch den vollen Lohn, damit diese 
für sich mit einem Schlag gewinnend. Kinder wurden 
damals schon im zartesten Alter in jbie dumpfen Höhlen 
der Fabrik hineingezwungen: Owen beschäftigte keine 
Kinder, die nicht das zehnte Lebensjahr vollendet hatten. 
Aber noch mehr als dies: er sah, daß, wenn nicht der 
Mensch in frühester Jugend schon unter die Obhut eines 
Erziehers gelange, daß, wenn nicht die Kindesseele, einer 
zarten Pflanze gleich, von liebender Hand gepflegt werde, 
die Menschen dem Verderben anheimfallen: ihre An 
lagen verkümmern wie Saatkörner, die der Wind in eine 
Felsenöde getragen. So gründete Owen eine Schule, 
die er „Institut zur Bildung des Charakters" nannte, und 
die modernsten Grundsätze der Pädagogik fanden An 
wendung. Verbannt war jede Strenge, jede Bedrückung 
der Kindesseele durch einen Bildungsstoff, der etwa von 
außen ihr aufgeprägt werden sollte. Als ein Freund, 
ein Vertrauter war den Kindern der Lehrer beigesellt: 
spielend, selbsttätig sollten diese den Wissensstoff aufneh 
men; Strafen, aber auch Belohnungen waren verpönt. 
Die körperliche Ausbildung wurde nicht vergessen: das 
Spiel wurde gepflegt, und in Tänzen schwebten die Kin 
der, von Musik begleitet, anmutig dahin. Die Erfolge 
dieser Erziehung sollen große gewesen sein. And bewun 
dernd war die Anerkennung dessen, was der Menschen 
freund in dieser Zeit der Verwilderung geleistet. 
Aber nicht allein de» Kindern, auch den erwachsenen 
Arbeitern galt Owens Mühe. Ihm war klar, daß, solange 
der Arbeiter von der Not umringt ist, nie sein Menschen 
tum zur Entfaltung kommen könne, mag man ihm aucb 
die erhabensten Grundsätze der Sittenlehre anpreisen. 
So sorgte er durch Wohnungsinspektoren dafür, daß das 
Heim des erfrischenden Reizes nicht entbehrte, er ver 
kürzte die Arbeitszeit, auf daß der Mensch nicht in Dumpf 
heit versinke und wie ein arbeitendes Tier dahinlebe; er 
sorgte für gute und billige Nahrung, errichtete eine Spar 
bank und behütete, indem er eine Kranken- und Alters 
versicherung schuf, die Arbeiter vor dem Versinken ins 
Elend. Während sonst in dieser Zeit in England das 
Proletariat, aufgepeitscht durch namenlose Not, von einem 
finsteren Groll gegen den Kapitalismus beseelt war, ja 
in Aufständen seiner Empörung Lust machte, lag über 
New Lanark, dem Arbeiterdorf Owens, der milde Hauch 
des Friedens. Der gütige Geist Owens schwebte über 
den Arbeitern und bannte die Not, die damals England 
wie eine schreckliche Seuche verunstaltete.
	        
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