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Die Befreiung der Menschheit

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Einleitung 
dabei wuchs das Bewußtsein ständig in ihm, daß er eine 
neue Auffassung von der Gesellschaft praktisch betätige. 
Bisher war es eine beliebte Denkgewohnheit der Kapi 
talisten, daß dem Arbeiter das Selbstbestimmungsrecht 
nicht geschenkt werden könne, weil er eigentlich, seinem 
ganzen Seelenzustande nach, an die Unmündigkeit ge 
fesselt sei. Owen erstattet ihm die Mündigkeit zurück. 
Er tut es, weil er grenzenloses Zutrauen in die Willens 
freiheit des Menschen hegt. Nach seiner Ansicht habe 
nur die Kapitalistengesellschaft bei den Kindern und 
darum auch bei den Großen diese fruchtbringende, auf 
das Gute ganz allgemein zielende Willensfreiheit ver 
kümmern lassen. 
Owen ist sicher noch kein organisatorischer Sozialist 
im modernen Sinne, aber er 
ruft doch den Allgemein- 
s i n n gegen die S e l b st s u ch t 
aus. Die Armenunterstützung 
und die Arbeitslosenfürsorge, 
die er verlangt, waren den 
Kapitalisten viel zu weitherzig 
gewesen. Er ist mehr als ein 
vernünftiger Menschentierhal 
ter, wie es seine Zeitgenossen 
in den Regierungen und in den 
Fabriken waren, in seinen Au 
gen ist Arbeitslosigkeit kein auf 
Schuld des einzelnen beruhen 
des Verbrechen, sondern eine 
Krankheit des sozialen 
Körpers, unter der der ein 
zelne zu leiden hat. Seinen 
Weltbeglückungs- und Erlö 
sungstraum wollte Owen als 
irdisch schöne Wirklichkeit ver 
ewigen, indem er mit reichen 
Geldmitteln die nordamerika 
nische Eden-Kolonie in „Reu- 
Harmonie" unterstützte und sie 
selber mit seiner kostbaren Per 
sönlichkeit förderte. Er verlor 
bei dem Experiment zweihun 
derttausend Dollars und außer 
dem ein beträchtliches Stück seines Mutes. 
Aber gerade diese Enttäuschung, die ihm der Wider 
stand der faulen Mithelfer bereitete, ist die lehrreichste 
Mahnung für die Menschenfreunde, die weiter an der 
einmal erkannten sozialen Idee der Klassenbefrei 
ung weitersinnen. Selbst die Eigensucht des Menschen, 
die sich dem Allgemeinwohl entgegenstellt, die irgend 
welcher kommuni st ischen Gesellschaftsord 
nung im Wege ist und nur bewilligen möchte, was ihr 
ein Höchstmaß der Selbstbefriedigung gewährt, selbst diese 
Urveranlagung des Menschen, die so natürlich ist und 
von den Glücksaposteln als so widernatürlich verschrien 
wird, sollte doch in den Dienst des Erlösungsgedankens 
der Menschheit gestellt werden. 
Wie aber das? 
Aus Frankreich, aus einer sehr schlauen Kapitalisten 
familie, stammte CharlesFourier,der dieses Pro 
blem weiterdachte. Owen war ein Mann, der kräftig im 
praktischen Leben stand. Fourier nahm den Kampf auf 
als ein äußerlich gescheiterter Schwärmer, der mancher 
Heilandsnatur ähnlich ist. Aber es ist gerade ein Glück, 
daß auch aus diesem Gebiet der Bewältigung des Erden 
leides der Geist stärker sein darf als die rohe Gewalt der 
bloßen Habsucht. Fourier sah in Lyon diesen Kamps der 
Reichen gegen die Armen, und er wollte ihn führen, indem 
er aus seiner Schwärmerei seine Theorie der Welt- 
e i n i g k e i t schuf. Bisher herrschte nur die „Freiheit", 
nach Belieben das Allgemeinwohl zu schädigen, damit die 
Spiele der Sonderlaune befriedigt werden. Das erkannte 
Fourier, und dagegen lautete seine Parole. Er wollte 
den Paradieseszustand des 
„Edenismus" auf Erden wie 
derherstellen, damit der Zustand 
des „Barbarismus", der für ihn 
jede Art moderner Kapitalisten 
ausschreitung bedeutete, ver 
schwinde. Und so voll war er 
von seiner heiligen Ausgabe, 
daß er ohne Furcht den Satz 
niederschrieb: „Rur ich allein 
kenne den Plan Gottes, der die 
einstige und künftige Bestim 
mung der Menschen angeht." 
Als ein Mathematiker der 
Menschenleidenschaften gebär 
det er sich und sagt, daß der 
höchsten Menschenleidenschaft 
ein Trieb zur Beförderung aller 
Harmonie eigentümlich sei. Für- 
wahr, ein großer Optimist, die 
ser arme, verdorrte, äußerlich 
elende und sogar als wahnsinnig 
verfolgte Fourier, der 1837 seine 
Seheraugen schloß. 
Mit Inbrunst an der Men 
schenbefreiung arbeiten wollen 
und selber in Dürftigkeit einher - 
seufzen, das scheint besonders 
das Schicksal dieser französischen 
Sozialresormer. Denn nicht minder elend sind die Fran 
zosen Saint-Simon und Proudhon, die Mitstreiter 
Fouriers im Pariser Geistesringen. 
Als ein glänzender Weltgeist beginnt Saint- 
S i m o n (geboren 1760) seine Mannesjahre. Er ist 
reich, aber er wird arm, so daß er tagelang von Wasser 
und Brot leben und seine Kleider verkaufen muß, um 
nicht in seiner erlösenden Gedankenarbeit unterzugehen. 
Dann muß Saint-Simon von seinem Diener das Geld 
entleihen, das er zum Druck seiner Schriften braucht. 
Er stirbt, 63 Jahre alt, und er sagt auf dem 
Totenbette, wahrhaft bescheiden, sein Leben umfasse nur 
den einen Gedanken, „allen Menschen die freieste Ent 
wicklung ihrer Anlagen zu ermöglichen". 
Dieser Frühsozialist hegt aber die Meinung, daß auch 
die wirtschaftlichen Kämpfe im Grunde Explosionen geisti-
	        
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