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Die sozialen und revolutionären Bewegungen Von der nationalen zur sozialen Revolution. Zur Geschichte der Aufstände und der Massenbewegung in Polen

Full text: Die Befreiung der Menschheit / Ježower, Ignaz (Rights reserved - Rights managed by VG Wort (§ 51 VGG))

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Von der nationalen zur sozialen Revolution 
Adels. Die Arbeiterklasse, die die politische Arena betritt, 
mutz dieser Organisation eine eigene gegenüberstellen, 
sie mutz für ihre Ideale einen Kamps gegen die bestehende 
soziale Ordnung führen. Die Arbeiterklasse, die unter der 
Fahne des Sozialismus kämpft, übernimmt diese Auf- 
gabe. Sie hält den übrigen sozialen Klassen das Gegen 
gewicht und bietet reak 
tionären Tendenzen Ein 
halt. Die Arbeiterpartei 
strebt eine radikale Am 
gestaltung der sozialen 
Ordnung an und mutz 
schon heute die vorbe 
reitende Arbeit dazu be 
ginnen. 
Ihre Aufgabe besteht 
darin, datz sie die Ar 
beiter erzieht, ihre Inter 
essen bewußt zu ver 
treten und dieArbeiter zu 
einer andauernden Ver 
teidigung ihrer Rechte 
ausruft. Die Arbeiter 
partei führt die Diszi 
plinierung und die Or 
ganisierung der Arbeiter 
klasse herbei und leitet 
ihren Kampf gegen die 
Regierung und gegen 
die privilegierten Klassen. 
Anser Ziel ist die Schaf 
fung einer Arbeiterbe 
wegung und die Organi 
sierung einer Arbeiter 
partei in Polen — —- 
Die Partei will die 
Lage der Arbeiter ver 
bessern, und sie gibt die 
Mittel an, durch die man 
dies erreichen könne. Die 
Sympathien derArbeiter 
sind aus unserer Seite, 
und dies erfüllt uns mit 
Stolz, daß das von uns 
ausgestreute Samenkorn 
tief eingedrungen ist und 
datz es Wurzel geschla 
gen hat. 
Wir sind Feinde 
der Regierung, 
aber das Wort 
Patrioten auf uns 
in politischer Hin 
sicht angewendet, 
ist falsch,dennwir 
legen der natio 
nalen Frage keine 
Bedeutung bei. 
Wir sind Feinde der besitzenden und privilegierten 
Klassen, diese sind in unserem Lande, seiner Entwick 
lung und seinen politischen Traditionen zufolge, starke 
und gefährliche Gegner geworden. 
Wir haben vor allem die Grundsätze des Sozialismus 
propagiert, den Arbeitern das Ideal der zukünftigen 
Gesellschaftsordnung, die sie erstreben müssen, gezeigt. 
Wir haben auch für die Fragen des täglichen Lebens, 
an denen die Arbeiterklasse interessiert ist, agitiert und 
den Arbeitern klargemacht, wie sie ihre Rechte zu wahren, 
und wie sie diese im gegebenen Falle zu erkämpfen haben. 
Daß unsere Agitation nicht vergeblich gewesen ist, können 
Sie daraus ersehen, datz die Verfügung des War 
schauer Oberpolizeimei 
sters betreffs der sani 
tären Antersuchung der 
Fabrikarbeiterinnen rück 
gängig gemacht werden 
mußte." 
Warynski setzte aus 
einander, weshalb der 
politische Terror notwen 
dig sei. Er erklärte, wes 
halb man auch gezwun 
gen sei, den ökonomi 
schen Terror zu üben. 
Erst, wenn die Faktoren, 
die den politischen und 
ökonomischen Terror ver 
ursachen, nicht mehr wirk 
sam sein werden, wird 
man auf die Mittel des 
ökonomischen und poli 
tischen Terrors verzichten 
können. Warynski wider 
legte auch die Argu 
mente des Staatsan- 
walts, daß die soziali 
stische Propaganda schä 
digende Konflikte und 
katastrophale Erschütte 
rungen zur Folge haben 
müsse. Aber was bedeu 
ten diese Katastrophen, 
gemessen an den täglichen 
Katastrophen der heu 
tigen Gesellschaftsord 
nung. Der Kapitalis 
mus fordert jeden Tag 
blutigere Opfer als der 
Krieg. Im russisch-tür 
kischen Kriege (1877) 
betrug die Zahl der ver 
wundeten Soldaten sie 
ben Prozent. Hingegen 
gehen in Rußland nach 
den statistischen Angaben 
von PogoLew jährlich 
zwanzig Prozent der Ar 
beiter an traumatischen 
Krankheiten zugrunde, sie 
sterben an durch Maschi 
nen und andere Werk 
zeuge verursachten Ver 
letzungen. 
Gegen diese Gesellschaftsordnung, die es zuläßt, daß 
die Arbeiter unterdrückt, ausgebeutet, zu Krüppeln ge 
macht und getötet werden, müsse man Sturm laufen. 
„Ich habe" — schloß Warynski seine Ausführungen — „mei 
ner Sache ehrlich gedient, ich bin bereit, für sie zu sterben." 
Die Verurteilung der Angeklagten stand im vorhinein 
fest. Die Richter, die in den Vorurteilen ihrer Klasse 
Sie werden hierdurch aufgefordert, in einer sofort.einzuberufenden 
Versammlung der Mitglieder die beiden nachstehenden Resolutionen in 
Sachen Polens und Schleswig-Holsteins auf meinen speciellen Antrag 
der Versammlung zur Beschlußfassung vorzulegen und eine Abstimmung 
darüber eintreten zu lassen. 
Die gefaßten Beschlüsse wollen Sie dann in möglichst vielen 
Zeitungen, aber nicht gegen Erlegung von Jnsertionskosten, jedenfalls 
in den befreundeten Zeitungen, also Nordstern, Volksfreund, Gradaus 
und Schwäbische Bolkszeitung veröffentlichen. 
Berlin, d. 26. Novbr. 63. Der Präsident 
F. Lassalle. 
Die Mitglieder des Allg. Deutschen Arbeitervereins 
erklären ans Antrag des Präsidiums ihres Vereins: 
1. Die Polen haben durch ihre heldcnmütbige Erhebung gegen 
den russischen Czaren sich das europäische Verdienst erworben, die 
Illusion des Panslawismus zu zerstören und zugleich die früher von 
vielen deutschen Patrioten gehegte Befürchtung eines Bündnisses zwischen 
Napoleon und dem Czaren unter dem Mantel des Nationalitäten 
prinzips unmöglich zu machen. Sie haben so die mächtigste Vorarbeit 
zur Herstellung einer solidarischen Politik der europäischen 
Demokratie ausgeführt. 
2. Die Polen haben durch ihre heldenmüthige Erhebung gegen 
den russischen Czaren sich das specielle Verdienst um Deutschland 
erworben, eines der mächtigsten äußeren Hindernisse für die Her 
stellung der nationalen Einheit Deutschlands zu beseitigen, 
wenn letzteres diese Erhebung seinerseits zu seiner Neugestaltung 
benutzt. 
3. Die Polen haben durch ihren jetzt schon durch ein Jahrhundert 
fortgesetzten Kampf gegen Rußland das Beispiel eines Heroismus und 
einer Ausdauer ohne gleichen gegeben Sie haben allen Nationen das 
glorreichste Vorbild gegeben, welcher Ovfer ein Volk fähig sein muß, 
wenn es sich um seine nationale Existenz handelt 
4. Der Besitztitel Rußlands auf polnische Länder und der Besitz 
titel Deutschlands auf polnische Provinzen hat zwar dieselbe ur 
sprüngliche Entstehungsursache — die Eroberung — aber darum 
gegenwärtig nicht mehr nothwendig dieselbe Beschaffenheit. 
Rußland hat nur mit Waffengewalt zu Boden zu halten gewußt, 
Deutschland hat vielfach ursprünglich gewaltsam eroberte Provinzen zu 
germanisieren und in Eroberungen deutscher Cultur zu ver 
wandeln gewußt. Für welche Territorialgrenzen dies gilt oder nicht, 
ist eine, von speciellen Untersuchungen abhängige factische Frage. 
5. Mit der eben gedachten Einschränkung ist die Wieder 
herstellung eines selbständigen Polens unter dem Schutze 
Deutschlands, dessen glorreichste und legitimste auswärtige Aufgabe. 
Der Krieg zu diesem Zweck ist das directestc. Interesse Deutsch 
lands, die einzige Sühnung des von ihm durch die Theilung Polens 
mitbegangenen Unrechts und zugleich seine wahrhafte Emanzipation 
von dem, von Osten wie von Westen her, auf ihm lastenden Drucke. 
6. Der Allg. D. Arbeiterverein stimmt mit dem Londoner 
deutschen Arbeiterbildungsverein darin überein, daß die schmachvolle 
stumme Gleichgültigkeit, mit welcher die liberale Bourgeoisie in 
Deutschland dem Todeskampfe der polnischen Nation zusieht, ein 
trauriges Zeichen mehr für die gänzliche politische Verkommenheit 
dieser Partei bildet und daß es umsomehr Pflicht des Arbeiterstandes 
ist, durch seinen lauten Protest den Schein einer Mitschuld an dieser 
Theilnahmlosigkcit abzuwenden. 
Lassalles Zirkular an äie Devollmächtigten äes Allgemeinen 
Deutschen Arbeitervereins in Sachen Polens.
	        
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